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28.01.2020, Jamal Tuschick

Auch Demokratien folgen dem Gesetz des Dschungels. Sie verschaffen sich Vorteile auf Kosten Schwächerer und lagern die Barbarei aus. Das erklärt Ai Weiwei in seinem Manifest. Seine Kritik ist umfassend, das Credo aber einfach. Es lautet:

Menschenrechte sind nicht teilbar

Ai Weiwei fragt:

„Müsste erst eine Bombe auf dein Haus fallen, damit du zum ‚richtigen‘ Flüchtling werden darfst.“

Ai Weiwei beschreibt Krieg als „die radikalste Phase sozialer Ungerechtigkeit“, der Vorformen bereits tödlich sein können.

Den Willen zur Abschottung erklärt Ai Weiwei mit Urängsten. Wir reagieren nach einem evolutionären Schema phobisch auf das Unbekannte. Man muss sich dem Atavismus stellen und ihn dekonstruieren. Sobald einem wieder der emphatische Vergleich erlaubt ist, das heißt, die Angst weit genug herunterreguliert wurde, erkennt man die Not des Anderen und kann darauf so unbelastet reagieren wie auf die Not eines Nachbarn.

Ai Weiwei beschreibt die Prozesse der Bewusstwerdung als Abenteuerreise zu den Quellen der Menschheit. Er erinnert daran, dass sich alle Gräben überwinden – und reife Entwicklungen nicht aufhalten lassen. Sich gegen die normativen Kräfte der Migration zu stemmen, bedeutet, sich selbst in einen Tunnel der Gewalt zu schließen.

In der Gegenwart bilden sich die antagonistischen Kräfte auf der Repräsentationsebene klischeehaft und comicartig ab. D. Trump erscheint als überdimensionierte Witzfigur und radikalisierter Anachronismus. Alles an ihm wirkt lächerlich und überzogen. Trotzdem agiert Trump als Koloss der Hoffnung. Er ist der Fleisch gewordene Limes im Geist der Chinesischen Mauer. Ai Weiwei erzählt die Geschichte des Bauwerks, seit Qin Shi Huang Di vor mehr als zweitausend Jahren den Grundstein legte.

„Grenzen sind die steingewordene Weigerung, miteinander zu sprechen.“

Das Bollwerk entspricht einer Prahlerei des Aufwands und konnte doch keine Invasion je verhindern. Den Erbauer*innen der Festung Europa empfiehlt sich Ai Weiweis Manifest als Pflichtlektüre.

Im unfassbaren Gegensatz zwischen den absurd kläglichen Mitteln der Flucht und den martialischen Mitteln der Abschottung zeigt sich das Desaster des Grenzregimes.

Migration ist eine „anthropologische Konstante“. Es gibt keine entwickelten Gesellschaften, die „sich nie bewegen mussten“.

Wir alle werden ständig vor die Wahl gestellt, anziehend oder abstoßend zu wirken. Die Entscheidung für Isolation/ist eine Indikation. Wer sich isoliert, der stirbt. Man muss, so sagt es Ai Weiwei, magnetisch wirken, will man denn leben. 

Die Chinesische Mauer konnte keine Invasion je verhindern.

Ai Weiwei sieht sich nicht als Helden, der gegen die mächtigste Diktatur der Welt opponiert. Missverständnisse, die sich aus einer verklärten Sicht ergeben, findet er „interessant“. Der Künstler will die Missverständnisse wie Ochsen vor den Karren seiner Produktion spannen.

„Wie schnell geht es, einer Mehrheit einzuimpfen, dass du nicht zu ihr gehörst.“

„Wenn ein Künstler kein Aktivist ist, ist er ein schlechter Künstler. Kunst muss Werte bestimmen und Bedeutung herstellen.“

Klein ist nicht sein Ding. Sein Gegner, so Ai Weiwei, sei „weit größer als irgendeine Diktatur“. Sein Widerstand gilt „allen Ideologien“. Ideologien sind für ihn Instrumente der Strangulation. Sie erscheinen ihm als Ausgeburten bornierter Geister.

Ai Weiwei sagt: „Wir suchen nicht die Themen. Die Themen suchen uns.“ Diese Einsicht variiert das Picasso-Bonmot: Ich suche nicht, ich finde. In seinem „Manifest ohne Grenzen“ verarbeitet Ai Weiwei die Degradierung des verfemten und verbannten, von Maos kulturrevolutionären Kindergardisten beinah hingerichteten, angeblich „rechtsabweichenden“ Vaters als Regression in einer wahnsinnig kindischen Welt, die so falsch eingerichtet ist, dass sich inhumaner Blödsinn zur Staatsräson erheben lässt.

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