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29.01.2020, Jamal Tuschick

Ihrer leiblichen Mutter wird Rosemarie Nitribitt wegen drohender Verwahrlosung weggenommen. Das Weitere ist selten besser und in jedem Fall zu abseitig, um das Mündel an irgendeiner Anlegestelle mit dem Gesellschaftsboot abzuholen. Unter Aufsicht verdingt sich Rosemarie Nitribitt als Haushaltshilfe auf einer Hühnerfarm. Da endet die Jugend in Heimen und auf der Flucht. Man erklärt Rosemarie Nitribitt vorzeitig für volljährig und entlässt sie so aus dem notdürftigen Fürsorgeprogramm zwischen Zwang, Herabsetzung und Vorhaltung.

Grundgesetzlich gut

Sie macht Frankfurt zum Schauplatz ihrer Selbständigkeit und wird im Takt des Wirtschaftswunders wohlhabend, wenn nicht reich nach den Maßstäben fast aller Milieus, die auf ihrer Laufbahn Maßstäbe setzen. Allein ihre exklusive Kundschaft versteht unter Reichtum etwas anderes als die nobel motorisierte, aus dem absoluten Elend zwar einsam und allein, doch clever aufgestiegene Prostituierte.

Eingebetteter Medieninhalt

Erich Kuby, „Rosemarie. Des deutschen Wunders liebstes Kind“, Schöffling & Co., 314 Seiten, 22,-

Nach ihrer Ermordung 1957 extrapoliert Erich Kuby aus dem Kriminalfall ein Gesellschaftsstück, in dem die Adenauerrepublik als scheinheilig-bigotter Restaurationsbetrieb kenntlich wird. Kuby übt Sozialkritik, die den Kollegen aufstößt. Vielleicht regiert sie der Neid, weil Kuby so viel aus der Sache herausschlägt. Er fängt mit einer Reportage an, legt als Co-Autor mit einem Drehbuch nach und liefert dann auch noch den Roman.

Thilo Koch 1958 in der ZEIT: „Es ist nicht: ‚zum Film das Buch‘. Der Handlungsablauf ist äußerlich und innerlich anders, und Kuby knüpft an das Buch stärkeren politischen Ehrgeiz. Während das "Isoliermatten-Kartell" auf der Leinwand im kabarettistischen Ungefähr bleibt, ist es hier ganz unmißverständlich ein Zweckverband westdeutscher Industrieller – unter der Kontrolle von Bonner Regierungsstellen – zur Vorbereitung neuer deutscher Rüstungsproduktionen. Es geht um eine Rakete namens "Baby Doll", mit der die Herren von Rhein und Ruhr es den Amis mal zeigen werden, und den Russen, gegen die das alles geht, sowieso. Zeit: Gegenwart – notabene.“

Die Bundesrepublik gefällt sich als ehrpusselige Braut mit nagelneuer Bundeswehr. Alles ist so grundgesetzlich gut. Die fatalen Kontinuitäten wären gar nicht schlimm, würde man sie nur nicht erwähnen. Kuby legt den Finger in die Wunde und lässt den Korpus zucken. Gleichzeitig erzählt er von oben herab die Geschichte eines „gefallenen Mädchens“. Rosemarie stirbt in dieser Verfassung, das heißt als Mädchen von vierundzwanzig Jahren. Neun Jahre später wird Helga Matura ermordet. Die Tat sorgt für eine Doublette, die den Zahn der Zeit spiegelt. Den unschuldigen Hauptverdächtigen Peter „Hamlet“ Kuper verhaftet man in der Tennisbar von Bad Homburg auf einer Pyjamaparty.

„Der Mordfall weist Ähnlichkeiten mit dem der Rosemarie Nitribitt auf, die 1957, ebenfalls in Frankfurt am Main, ermordet wurde. Beide galten als ‚Edelprostituierte‘, die mit ihren Mercedes-Cabriolets nach Kunden Ausschau hielten.“ Wikipedia

Kuby interessiert sich mehr für die Großindustrie als für Rosemaries kleines Gewerbe in einem sozialen Winkel – diese Schleiflacknische in der prosperierenden Stadt. Das durchscheinende Vorbild wird am 1. November 1957 um 17.30 Uhr tot aufgefunden. Nachbarn alarmierten die Polizei. Der Tatort liegt am Eschersheimer Tor. Die Leiche weist Kampfspuren auf. Rosemarie Nitribitt wurde im Kampf überwältigt. Die Ermittlungen gestalten sich nach den Devisen von Pleiten, Pech und Pannen.

Kuby locken die Verflechtungen von Politik und Kapital. Er meistert die Melange satirisch, das heißt, er wird ihr nicht Herr. Er redet über Kartellbildung und Wiederbewaffnung so wie Dieter Nuhr über Greta Thunberg redet. Greta ist ein Stachel in Nuhrs Fleisch, das Ende seiner Normalität. Der Anfang von etwas anderem, das ihn überflüssig machen und abhängen wird.

Bei Kuby geht es um die Fortsetzung der Kartellbildung zu Marschmusik und anderen Formen falscher Fröhlichkeit. Häppchen werden in die Konferenzen gereicht. Man verzehrt sich nach Johannesbeerensaft. Das ist eine genaue Beobachtung.

Die Sitzungen ziehen sich hin und langweilen den echten Geldadel, für den kaum ein Mensch satisfaktionsfähig ist. Die Superreichen segeln unter dem Radar jeder Anstrengung auch bei erotischen Gelegenheiten. Die Erika Schmitts haben ihren Debütantinnen-Auftritt als („wegen ihrer Figur“) ausgesuchte Kaffeefeen auf Industriemessen. Etwas prädestiniert sie dazu, in Daimler Limousinen auf den Beifahrersitz zu sinken.

Kubys aus dem Jetzt der Ereignisse gezogene Mitschrift stellt der jungen Bundesrepublik ein Zeugnis aus, das der retrospektiven Betrachtung standhält. Der Autor beschreibt ein Land, das sich längst von der Vorstellung verabschiedet hat, die Kriegsschuld und der Holocaust könnten sich zu erdrückenden Lasten addieren, und sich, gänzlich freigesprochen vor dem alt-neuen Feind Sowjetunion, anschickt Bündnisaufgaben im alten Geist zu übernehmen. Aus dem Stand und ohne Empirie klärt Kuby das Entscheidende. An klingen Wolfgang Neuss und die Münchner Lach- und Schießgesellschaft.

Es gibt ein paar grauenhafte Sprachbilder und Charakterisierungen.

In einem Frankfurter Hotel treffen sich die Chefs des „Isoliermattenkartells“ und öden sich an. Der Vereinsname dient der Abdeckung eines Raketenprojekts. Der zuständige Minister heißt Franz Josef Strauß und möchte am liebsten sofort einer Atommacht militärisch vorstehen.

Einer der leitenden Herren, es ist Hartog, ein König unter Kurfürsten, gerät im Zuge einer kleinen Verwicklung an Rosemarie. Die beiden absolvieren ein elaboriertes Programm, bevor sie in Heidelberg gemeinsam in einer Hotelwanne baden.

Kuby badet in der Distinktionsdifferenz. Er macht das große Fass auf. Hartog ist so einer, der seiner eigenen Schwester zur Begrüßung die Hand küsst und rasch an Ekel- und Schamgrenzen stößt.

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