MenuMENU

zurück zu Main Labor

29.01.2020, Jamal Tuschick

Verstand der Straße

Get the story, write the story ...

Eingebetteter Medieninhalt

Dem Sensationshunger im Wirtschaftswunderdeutschland dienten die Nachtausgaben der Tageszeitungen, die von fliegenden Händlern durch die Gegend getragen wurden. Die Lieferanten auf diesem Spelunkenmarkt waren Kenner der Hintereingänge und Kellerestablishments. Sie genossen das Vertrauen von Zuträgern, Türstehern, Parkwächtern, Tankwarten, Pagen und Tagedieben: von Leuten, die beruflich in erste Häuser kamen, Prominenz an der Bar identifizieren und sowieso zwei und zwei zusammenzählen konnten. Ein Beispiel aus vergangenen Zeiten: Jemand, der Jahre einer Haiin der Großstadt die Tasche hinterhergetragen und sich gegen erhebliche Widerstände in einem bedeutenden Betrieb bis an die Spitze durch- und da festgebissen hat, verliert seine Geschäftsführerposition. Der Rausschmiss macht wie ein Lauffeuer die Runde. Die große Tratschratsche wird ausgepackt, ich kriege einen Anruf aus der Redaktion:

„Was ist da los? Was macht der Kerl in Zukunft?“

Nennen wir ihn Eisenbein. Geben wir ihm einen Vornamen. Sagen wir Hubert Eisenbein. Geboren 1942 in Pforzheim als Sohn einer höheren Tochter und eines Arztes und Großmeisters der Lepidopterologie. Hubert Eisenbein erscheint sich bereits mit drei als Passionierter und irgendwie Berufener. Sobald man ihn von der Leine lässt, stellt er sich selbst still und staubt ein. Er genießt die Ruhe, das Spiel der Wollmäuse, den Geruch zerfressener Bücher in Heidelberg. Dann gerät Hubert Eisenbein (im Grunde gegen seine Neigungen) in einen Kreis exaltierter Kunst- und Halbweltgestalten. Sie zerren ihn nach Frankfurt. Da verliebt er sich in eine Barfrau aus Bodenfelde, heiratet und wird Vater. Plötzlich braucht er viel mehr Geld als zuvor. Würde ich jetzt sage, in welcher Sparte er beruflich zum ersten Mal nach dem Fett greift, wüssten ältere Eingeweihte bereits, von wem ich rede.

Hubert Eisenbein arbeitet sich in die Aufmerksamkeitszone eines bundesrepublikanischen Gründervaters. Er wird Abteilungsleiter und bleibt das viel zu lange. Dann baut der alte König ab. Seine Jahrzehnte jüngere Frau sorgt dafür, dass der Kronprinz ihr nicht in die Quere kommen kann. Ich bin schon überall dabei. Vom Tod des Königs erfahre ich früher als jeder andere Frankfurter Journalist. Ich liege im Bett der Assistentin des Geschäftsführers, als der Anruf kommt. Der Kampf um die Nachfolge beginnt, bevor die Königsleiche kalt ist.

Jetzt überspringe ich einiges. Jahre später geht Hubert Eisenbein als Geschlagener aus dem Betrieb, und jeder fragt sich: Wohin geht er? Jede abhängige Anschlussbeschäftigung trägt den Makel des Abstiegs. Lässt man sich dazu in der eigenen Stadt herab, ist das so, als würde der Geschäftsführer einer Maschinenfabrik nach einem Zerwürfnis mit dem Eigentümer an der Werkbank eines Konkurrenten als Mechaniker weitermachen. Das würde er nicht lange überleben. Der Statusverlust wäre tödlich.

Ich wähle einen Gesprächsanlass, den Hubert Eisenbeins Frau bietet, um mich einzuhören. Wir treffen uns in einer Weinkaschemme, wo man ab vier keinen Kaffee mehr trinkt, und der Alkoholismus mit hohen Preisen und beschlagenen Gläsern bekämpft wird.

Überall grassieren Geschäftsideen, jeder, der sich ein Ansehen verschafft, hat was in petto, und sei es einen hemdenbügelnden Milchschäumer. Ich habe meine Witterung. Ein Nachahmer müsste mir nur nachgehen, müsste nur sehen, was ich sehe: die leicht zitternde Hand von Frau Eisenbein; die abgewandte Art, mit der sie den Schulterschluss mit ihrem Mann (dem Versager) im Burberry Partnerlook mimt. Zu dieser Fassade gehört ein Retriever.

Man hält den Hund, um sich flott zu halten. Er ist die Fortsetzung des Kinderwagens mit anderen Mitteln.

Jeder im Lokal könnte den Bernstein-Satz unterschreiben:

„Die schärfsten Kritiker der Elche /waren früher selber welche.“

Wir reden einen Nebel herbei, der unsere Absichten verbirgt. Frau Eisenbeins Kreativpläne interessieren mich auch. Niemand sollte glauben, ihre Geschichte sei längst geschrieben, am besten mit stumpfer Klinge in ein Tresenholz geschnitten.

Wir schreiben die Neunzigerjahre, Frau Eisenbein ist die entscheidenden zehn Jahre jünger als ihr Mann. Sie steht geradezu in der Pflicht, noch einmal etwas Schönes zu beginnen. Das machen alle. In unseren Kreisen ist alles Ü-Party. Ü-Dreißig in meinem Fall. Ü-Vierzig im Fall von Frau Eisenbein. In den Nachtausgaben steht: So attraktiv und aktiv wie nie mit Ü-Vierzig. Zyniker nennen das Modell Frauenauto. Eine Ü-Vierzig-Galerie mit Werken halberwachsener Städel-Absolventen zu eröffnen, entspricht dem Modell Frauenauto.

Ich werde nicht schlau aus dem Augenblick.

Am nächsten Tag lese ich in der Zeitung: Hubert Eisenbein ist ab sofort im Beirat der Bruce Lee-Stiftung. Die sitzt am Untermainkai in den herrschaftlichen Räumen der Stupor-Villa. Das heißt, Hubert Eisenbein bleibt in Frankfurt. Da er da aber keine etablierte Funktion übernehmen kann, ohne als Degradierter zu erscheinen, bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als selbst einen Laden aufzumachen.

Ich rufe in der Redaktion an:

„Joe, jetzt habe ich es. Hubert Eisenbein macht sich in Frankfurt selbständig.“

Joe lobt mich über den grünen Klee. Sein Talent erschöpft sich darin, gute Leute für sich arbeiten zu lassen. Solche Scharnier-Joes haben meinen Respekt. Es gibt nichts Schlimmeres als das Gezeter von Innendienstleuten, die sich für Außendienstler halten.

Mickey wundert sich. Mit seinem Straßenverstand packt er die schwebend-fahrende Trottoirschwalbe tief unter die bildwürdige Prominenz. Der Mann mit dem Überblick stößt ihm Bescheid, so dass Mickey umgehend Rosemarie fotografiert. Denkwürdig sind des Redakteurs auffordernde Worte: Die Nitribitt könnte doch auch bald tot sein.

Mir fiel die schöne Geschichte ein, weil in einer Reportage über Rosemarie Nitribitt ein Prachtexemplar der Frankfurter Nachtausgabenwelt zu Wort kommt. Sein Redakteur fragt ihn dem Sinn nach: Mickey, hast du Bilder von der Nitribitt?

Mickey wundert sich. Mit seinem Straßenverstand packt er die schwebend-fahrende Trottoirschwalbe tief unter die bildwürdige Prominenz. Der Mann mit dem Überblick stößt ihm Bescheid, so dass Mickey umgehend Rosemarie fotografiert. Denkwürdig sind des Redakteurs auffordernde Worte: Die Nitribitt könnte doch auch bald tot sein.

So spricht das Trüffelschwein. Und wenn du es fragst, woher wusstest du das, dann sagt es dir bauernschlau: Dazu musste man nur zwei und zwei zusammenzählen können.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen