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30.01.2020, Jamal Tuschick

Die Extremismusforscherin Julia Ebner erklärt virale Virulenz als „toxische Paarung aus ideologischer Vergangenheitssehnsucht und technologischem Futurismus“.

Virale Virulenz

Mit Perücke getarnt, traf sie einen identitären Vordenker im Wiener Traditionscafé Prückel.

Julia Ebner ist die Sturmjägerin im Maschinenraum des Extremismus

„Für einen Rechtsextremen sieht er fast zu normal aus.“

Edwin Hintsteiner trägt seine Überzeugungen nicht zur Schau. Julia Ebner trifft den „Obmann der Identitären Bewegung Salzburg“ in einem Wiener Café. Die Extremismusexpertin präsentiert sich mit Perücke als Jennifer Mayer, „Philosophiestudentin aus Österreich, zurzeit im Auslandssemester in London“.

Eingebetteter Medieninhalt

Julia Ebner arbeitet im Institute for Strategic Dialogue (ISD) in London. 

Hintsteiner, der bald mit einem Anti-Omas-gegen-Rechts-Tweet Furore die Gemüter erregen wird, ist nur zweite Wahl. Ursprünglich sollte „der österreichische Kopf der Bewegung“ die Aspirantin Jennifer Mayer in Augenschein nehmen. Doch Marin Sellner kann nicht. Auf der Frankfurter Buchmesse konzentriert er gerade das öffentliche Interesse auf sein neues Buch. Sellner erzeugt jede Menge medialen Schaum. Die Frage ist, wer und was steckt dahinter.

Julia Ebner, Radikalisierungsmaschinen - Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren, aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann, Suhrkamp Nova, 333 Seiten, 18,-

Die Expedition zu identitären Basen beginnt mit einer falschen Bestellung. „In dem alten Wiener Kaffeehaus“ wünscht sich Mayer den Schaum von der Sojamilch.

Das ist ein Fauxpas.

Mayers Screener sieht selbstgefällig darüber hinweg. Er wähnt sich auf der sicheren Seite. Der Kurzschluss eine attraktive Person interessiert sich für die identitäre Bewegung. Folglich interessiert sich die Person für mich deaktiviert sein Skepsis-Zentrum. Er erläutert ein paar Sprachregelungen, mit denen man sich den Kontaminationen des Vorläufer-Fundamentalismus entziehen möchte, ohne die Kontinuität des faschistischen Denkens aufzugeben. Wir kennen den Covertalk vom „Ethnopluralismus“ bis zur „Remigration“. Interessanterweise entfalten die neuen Begriffe keine abdeckende Wirkung. Der Rassismus steht ihnen auf der Stirn geschrieben. Mit solchen Wörtern kann man sich nur ausweisen. Hintsteiner avanciert im Text zum Stichwortgeber eines Thesenreferats. Ebner resümiert den Stand der Dinge im Sektor der „Umvolkungs“-Paranoiker*innen.

Die Hintsteiners streben zu einer Homogenität in einem mythischen Abendland. Sie identifizieren sich über Mainstreamvorlieben, die im identitären Kontext Kodefunktionen bekommen.

Ebner beschreibt das als einen analytischen Lapsus im Forschungsfeld. Sie hat nie etwas anderes erlebt als diese Unübersichtlichkeit in der Verdichtung. Dabei war es einmal sehr einfach, links von rechts zu unterscheiden. Jede Seite lief wie mit Fahnen durch die Gegend.

Für Akteure, die Gramsci in ein rechtes Avantgardemodell einpassen, ist das Einfallstor der Differenz der Liberalismus. Wer sich nicht offen gegen „Feminismus, Multikulturalismus und Egalitarismus“ aussprechen möchte, kombiniert seine Kritik mit einer Kritik am Liberalismus. Solche Einbrüche in linke Domänen und Umzüge in linken Diskurskostümen schreien nach einem neuen Instrumentenkasten.

Eine Eintrittskarte erwirbt man mit einem kenntnisreichen Bekenntnis zu Nietzsche. Auch Bemerkungen zu „Fight Club“ und „Matrix“ können politische Standortbestimmungen implizieren. „Eine Standardmetapher“ ist George Orwells „1984“ als Kennzeichnung des „Überwachungsstaats“.

Ruraler Rand und feudale Resistance

In England steuert Ebner alias Mayer in den Aufbau einer identitären Zelle hinein.

Sie lernt:

„Subversion (ist effektiver als) Konfrontation.“

Bei „einem geheimen Strategietreffen“ trifft Ebner/Mayer Sellner in einer Londoner Airbnb-Wohnung. Seit geraumer Zeit versucht er „das kulturelle Narrativ (zu) verändern“, eingedenk des Gramsci-Paradigmas von der kulturellen Hegemonie, die sich in gewaltarmen Gleichgewichtsübungen ergibt.

Gramsci gewann seine Einsichten in der Analyse von Prozessen, die zur italienischen Nationalstaatlichkeit führten. Eine der wichtigsten Erkenntnisse war, dass der bäurischen Bevölkerungsmehrheit keine ausschlaggebende Bedeutung zukam. Die Vielen ließen sich als ruraler Rand marginalisieren und stellten eine zu geringe Größe im „Historischen Block“ dar. Bürgerliche Kräfte übernahmen die revolutionäre Aufgabe und absorbierten die Energien der feudalen Resistance.  

Eine Stimmung wie vor der Französischen Revolution lässt sich nicht einfach aus dem Hut der Geschichte zaubern. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb die Identitären ihre „kontrollierten Provokationen“ am liebsten mit bürgerlichen Aktivist*innen bis zum „Tipping Point“ vorantreiben. An diesem Punkt haben die „Mainstreammedien“ keine andere Wahl mehr, als zu berichten und so einer „strategischen Polarisierung“ Vorschub zu leisten.  

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