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31.01.2020, Jamal Tuschick

Zur Feier der Tatsache, endlich älter geworden zu sein als der Vater, fährt ein Vater mit seinem Sohn in das Hochland seiner Kindheit.

Familiäre Selbstmordmission

Mit Pfandflaschen los und dann sind es noch nicht mal genug und wieder muss angeschrieben werden. Ich sehe in die nachsichtige Verachtung, die Bov Bjerg in seinem Roman verschweigt. Die Verachtung trägt einen Punkt auf dem Nasenstumpf des moribunden Ladenschwengels in seinem Kittel.

Eingebetteter Medieninhalt

„Bov Bjerg“, Serpentinen“, Roman, Classen, 287 Seiten, 22,-

Bald erhängt sich der Vater und erfüllt so eine familiäre Selbstmordmission. Der Sohn lernt „nach der Schrift“ zu sprechen. Er heiratet M. und bekommt einen Sohn, der so namenlos bleibt im Geschehen wie der Erzähler, der einmal Höppner hieß. Man erhält sich in bestbürgerlicher Berlin-Verfassung als Anwältin und Soziologe, promoviert in jedem Fall.

Zur Feier der Tatsache, endlich älter geworden zu sein als der Vater, fährt ein Vater mit seinem Sohn in das Hochland seiner Kindheit. Er nutzt einen Leihwagen und hintertreibt die Ortung seiner Stationen auf der Schwäbischen Alb mit einem ausgestellten, in einer antiken Zigarettendose verwahrten Telefon.

Er hätte den Vater gern selbst umgebracht. Dem schnitzenden Sohn empfiehlt er:

„Schnitz von dir weg.“

„Serpentinen“ bietet zwar kein Beispiel für narrative Soziologie, gehört jedoch zu dem Kanon, der von Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ bis zu Steffen Maus Eribonade „Lütten Klein. Leben in der Ostdeutschen Transformationsgesellschaft“ reicht.

Bjerg erzählt von einer stellenweise überwundenen Herkunft und einem halbwegs überstandenen Leben in der westdeutschen Restaurationsgesellschaft. Einmal erwähnt sein Erzähler den eigenen Ursprung als Sohn einer Putzfrau bei einem Wissenschaftskongress und analysiert die Rüge in der Reaktion. Er hat den Bildungsmantel geöffnet und sich entblößt.

Interessanterweise folgen dieser Einlassung im Text die Sätze:

„Ich war gut. Ich war der Beste.“

Die Kombination aus Geständnis und Angabe entspricht einem Offenbarungseid. Man muss Eribons „Rückkehr“ nicht gelesen haben, um zu wissen, dass manche von ihrer sozialen Nabelschnur erst erdrosselt werden, wenn die Spätfolge schon ans Sonderbare grenzt, während andere die Armut der Eltern so einfach vielleicht auch nicht abstreifen.

Der Erzähler zieht sich als Autor wissenschaftlicher Texte aus seiner Person zurück. Er startet einen Avatar. Schaltet er die Maschine ab, fühlt er sich fremd. Er war nicht im Internat, ihm schmeckt der Prosecco nicht; am schwersten auszuhalten sind die Juristen. Die Rebellion besteht darin, Scheiße zu sagen und stolz darauf zu sein, nicht tanzen zu können.

Der Erzähler fährt gern schwere Geschütze auf, um in ihrem Schatten einzunicken.

Es gibt die Burgruine, den lauschigen Rastplatz und einen athletischen, auch pädagogisch überlegenen Vaterrivalen, sprich Rivalen in der Rolle des Vaters. Nicht weit weg verläuft ein Bach, der lange in seinem Tunnelbett vergessen war, wieder überirdisch, und zwar so „rausgeholt und … kanalisiert“, dass der Erzähler „das prototypische Faschismusbächlein erkennt“.

„Ich fand aus Prinzip gut, was die Herkunft schlecht fand.“

Die Konfrontation mit der Vergangenheit treibt ihn in die totale Ungemütlichkeit. Eine monumentale Wut marodiert durch die Auffaltungen eines Anfangs mit Ausflügen nach Stuttgart in die Staatsgalerie.

Die Kunst als Einwand gegen das Dorf/der Wunsch sich eines Max Beckmanns zu bemächtigen und eine Scheune zur verschwiegenen Galerie zu machen.

Eine Großmutter verschmilzt zu Kropf und Dutt. Die Bauern der Gegend sind Protestanten in ihrer Mehrheit. Der katholischen Diaspora wurden ein paar Äcker verpachtet. Mehr war nicht drin für die Anderen.

Ich bedenke die Ratlosigkeit des zum Zeugen gemachten Sohns. Sollte er in dreißig Jahren selbst über die Alb fahren, könnte er sich über die Einfallslosigkeit des Vaters wundern.

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