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02.02.2020, Jamal Tuschick

Es war eine Schweinerei, die in einem Wunder der Suggestion zum magischen Vorgang transformierte. Nie sah ein Gast die Küche und den uniformierten Fleiß, die eiserne Routine der Mannschaft, die von Kurt manchmal wie Sklaven und manchmal wie Mitgötter behandelt wurde. Niemals hintertrieb er die Fürsorge seines Stellvertreters auf Erden. Das war ein athletischer Italiener, der weder rauchte noch trank. Stets gab der Garant des Küchenfriedens seinen Leuten von den guten Sachen zu essen. Er bekochte das Migrantenfähnlein aus Bosnien, dem Kosovo, der Türkei und ich weiß nicht mehr woher ratzfatz mit allem Schick & Chi.

Molekulare Laborgastronomie

Eingebetteter Medieninhalt

Auf Seite 14 finden Sie eine Beobachtung, die wie mit einem Skalpell aus dem Leben geschnitten wurde. Eine göttliche Offenbarung riss Lily einst aus dem Rinnstein und expedierte sie beinah ohne Weiteres in die Küche des großen Valentino. Der Dinosaurier seines Fachs gehörte einer Kohorte von Küchenrevolutionären an, die der molekularen Laborgastronomie mit unversöhnlichen Interventionen ein Reservat anwies. In der Handlungsgegenwart lässt sich der Veteran nur noch historisch erklären. Valentino profitiert von dem Wunsch seiner Gäste, einen Helden am Herd zu vermuten. Ihr lüsternes Halbwissen interpretiert die Küche als Raubtierkäfig mit Greifern aller Größe. Valentino spielt in diesem Szenario den König der Tiere.

Akiz, „Der Hund“, Roman, hanser blau, 191 Seiten, 18,-

In Wahrheit schmeißt Lily den Laden. Wäre sie „nur einen Tag ausgefallen, das El Cion hätte stillgestanden“.

Die stille Einsicht geht in einer Konkurrenz von Eruptionen fast unter. Akiz schreibt sich in einen Rausch, das verriet er bei der Buchpremiere im Kesselhaus der Kulturbrauerei. Der Regisseur fiebert als Autor in einer Totalität starker Bilder, um sie/um sich zu überbieten. Auch hat er nie ernsthaft in einer Küche gearbeitet. Befreundete Koryphäen gewährten ihm die Gunst, ihnen über die Schulter schauen zu dürfen.

Da sind zwanzig Leute im Einsatz, alles Könner*innen und jede(r) für sich eine irre Geschichte, und doch steht und fällt alles mit einer Person

Akiz schrieb nicht nur wie im Fieber, er beobachtete auch wie im Rausch. Trotzdem. Die Küchenoffenbarung rings um Lilys Unentbehrlichkeit muss ihm einer gesteckt haben. So was sieht man nicht von außen. Das wäre geschäftsschädigend. Niemand fände es plausibel für die Tellerfertigkeit einer Drogenkranken, die sich täglich neu mit Rigorosität und Religion kuriert, seinen Namen auf Wartelisten setzen zu lassen und das Preisniveau akzeptabel zu finden. Überall inspizieren miesmutig-graue Eminenzen die Frontlinie, doch der Gast sieht bloß die Löwenattrappe davor. Er zahlt für eine gelungene Inszenierung, nicht für die Rehabilitation einer Abgestürzten.  

Mein Valentino hieß Kurt (Name von der Redaktion geändert). Wusste man, Kurt selbst steht speckig im Unterhemd am Herd, stieg die Temperatur im Gastraum. Ich hörte da Leute vor Verzückung orgiastische Geräusche von sich geben. Kurt rauchte über seinen Creusets, der Schweiß überrannte das Donnerhaupt wie Schmelzwasser einen Stein. Asche und Schweiß fusionierten mit den Dingen in den Töpfen.

Es war eine Schweinerei, die in einem Wunder der Suggestion zum magischen Vorgang transformierte. Nie sah ein Gast die Küche und den uniformierten Fleiß, die eiserne Routine der Mannschaft, die von Kurt manchmal wie Sklaven und manchmal wie Mitgötter behandelt wurde. Niemals hintertrieb er die Fürsorge seines Stellvertreters auf Erden. Das war ein athletischer Italiener, der weder rauchte noch trank. Stets gab der Garant des Küchenfriedens seinen Leuten von den guten Sachen zu essen. Er bekochte das Migrantenfähnlein aus Bosnien, dem Kosovo, der Türkei und ich weiß nicht mehr woher ratzfatz mit allem Schick & Chi. 

Kurt lärmte ohne Unterlass. Der Italiener wurde nur zweimal am Tag laut. Dann hieß es Mise en place let's roll.

Zweifellos kochte Kurt noch besser als der entspannte Italiener. Aber hätte Kurt seine Küche am Laufen halten müssen, dann wäre jede Schicht geplatzt. Der letzte Spüler funktionierte besser als der erste Mann im Betrieb.

Zurück zu Akiz. Sein Erzähler ist ein modriger Typ namens Mo. Er arbeitet in der Dönerbruchbude eines Vaslavs, der für die Bewältigung des alltäglichen Drecks einen bis aufs Zahnfleisch Verwahrlosten verwendet, der als der Hund in der Gemeinde kursiert. Eines Tages kostet Mo eine Kreation, die der Hund aus angebratenem Tabak, Brötchengrind und Wodka zusammengerührt hat.

Das Geschmackserlebnis sprengt ungefähr Mos Raumzeitkontinuum. Mo empfindet wie ein Hypnotisierter. Fortan erscheint ihm der Hund als „Dämon in Menschengestalt“.

Stellen Sie sich den Hund in der Gesellschaft eines Wassersommeliers vor.

Der Hund verkörpert einen Atavismus. Seine Kindheit verbrachte er in Gefangenschaft. Man hielt ihn unterirdisch der Sonne fern. Vermutlich in einem Kosovarischen Kellerloch nahm er sich die Freiheit, die Welt mit jeder verkochten Kartoffel zu kosten, die man ihm zuschob.

Seine Zunge offenbart ihm die Herkunft von Obst und Gemüse, das Geschlecht und die Verfassung eines jeden, der damit in Berührung kam. Die Zunge des Hundes sieht vom Keim, über die Fruchtreife und ihre Ackerreihe, die menstruierende Erntehelferin, den taufrisch nach einer Ejakulation zupackenden Stauer bis zur depressiven Köchin und dem anliefernden Wächter alles und alle. Das befähigt den Hund zu Kreationen, die nicht von dieser Welt sind. Das erkennt zuerst der Küchenzaunkönig Mo und dann auch Valentino, der so gescheit ist, zu erkennen, einer Mode von gestern anzugehören. Da kommt der Hund wie gerufen. 

*

Aus der Vorschau

Akiz, geboren 1969, studierte Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg und lebt heute in Berlin. Zwei seiner Filme wurden für den Studenten-Oscar nominiert. 1999 ging er nach Los Angeles, wo er als Regisseur, Drehbuchautor, Maler und Bildhauer arbeitete. 2007 führte er in "Das wilde Leben" Regie. Sein Spielfilm "Der Nachtmahr" feierte 2015 auf dem Filmfest Locarno internationale Premiere. Aktuell bereitet Akiz seinen nächsten Film "Die Königin der Frösche" vor, der 2021 in die Kinos kommen soll. Der Hund ist sein erster Roman. Die Idee dazu kam ihm, als er im Los Angeles der 1990er Jahre viel Zeit am Pass eines Edelrestaurants verbrachte, in dem einer seiner Freunde jobbte.

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