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02.02.2020, Jamal Tuschick

Obwohl Aurélie Lejeune im Hosenanzug durch die Gegend schwirrt und „das Lächeln in der Stimme“ perfektioniert hat, ist ihre soziale Referenz die Toilettenfrau.

Kontrollierte Fingernägel

Eingebetteter Medieninhalt

Patrick Lejeune verkörpert den Bauernsohn als Fabrikarbeiter. Subjektiv triumphiert er über die Mühsal der Altvorderen als abgeworfene Erblast. Er freut sich über eine Leichtigkeit aus Pressspan und Miete statt Vollholz und Eigentum. Objektiv gehört Patrick gemeinsam mit seinen Eltern zu den Verlierern der ersten Nachkriegsmodernisierungsphase, in der die Peripherie von Grenoble erschlossen und versiegelt wurde. Die angestammte Umgebung seiner Ahnen ging in wenigen Jahren unwiderruflich verloren. Christine Lejeune hat als Tochter eines italienischen Gastarbeiters und einer Französin früh gelernt, kleine Brötchen zu backen. Sie verbessert sich in einem engen Rahmen und fühlt sich gemeinsam mit ihrem Mann im unteren Mittelstand gut und sicher aufgehoben. Aus der Erfahrung steter Verbesserungen in kleinen Schritten ergibt sich die Erwartung: unsere Kinder werden es noch besser haben. Als Eltern legen sich Christine und Patrick gemütlich krumm, um den transgenerationellen Aufstieg der Familie einzuleiten. Sie zünden die erste Stufe, indem sie ihren daran interessierten Kindern das Abitur ermöglichen.

Marion Messina, „Fehlstart“, Roman, aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Hanser, 166 Seiten, 18,-

Das ist die Vorgeschichte, die Marion Messina in Rückblenden erzählt. In der Gegenwart des Romangeschehens erkennt die Arbeitertochter Aurélie Lejeune als Jurastudentin an der Universität ihrer Heimatstadt, dass ihre Kraft auf dem Weg zum Abitur verbraucht wurde. Messina beschreibt großartig das (in einem bürgerlichen Rahmen) Selbstverständliche als auszehrende und zersetzende Angelegenheit. Aurélie erlebt die Universität als Fass ohne Boden, als uferlosen Schlamm. Sie sucht nach einem Platz, um zu ankern, und geht dabei erst einmal in die Vorbeuge der Hilfsbereitschaft. Die Hilflose, in der heimatlichen Hochschule sich selbst fremd Gewordene, unterstützt ausländische Kommilitoninnen. Aurélie findet eine Putzstelle, auf der sie schlechter gestellt ist als ihre hauptberuflich und mit Beamtenstatus putzende Mutter.

Um diese Misere geht es Messina. Die Autorin zeigt die Kehrseite der Bildungsreform. In dieser Perspektive erscheinen Chancengleichheitsbehauptungen als Aspekte eines Manövers zur Vortäuschung von Permissivität.

Auf Ende des Aufstiegs wartet die Scham. Wie alle Beschämten sucht Aurélie die Anonymität. Sie entdeckt sie in der Sphäre des (auf dem Studententicket einwandernden) Kolumbianers Alejandro Manuel González Pena. Alejandro nutzt lediglich die Bereitschaft der „vorzeigbaren Französin“, die sich heftig verliebt.

Die nun noch tiefer beschämte Aurélie emigriert nach Paris. Die Stadt sagt ihr nichts, Aurélie verbindet mit Paris nicht ein einziges Klischee. Sie vergrößert einen Hostessenring als jederzeit startklare Springerin. Kurz vor jedem Ziel vertauscht sie ihre Sportschuhe mit dem Arbeitsmittel Pumps.

„Die Hostessen hatten keine Aufgaben, aber die Kunden sahen nicht gern, dass jemand fürs Nichtstun bezahlt wurde. Sie mussten also auf den Computer ohne Internetverbindung starren.“

Gelegentlich kontrolliert „ein Standortmanager die Sauberkeit der Fingernägel“. Aurélie erfüllt „ein unerträgliches Gefühl von Lächerlichkeit und (da ist sie wieder:) Scham“. Ihre Kleidung besteht „aus Abfallprodukten der petrochemischen Industrie“.

Überall prallt Aurélie gegen supersexy arrangierte, superdiverse Verheißungen der Globalisierung, deren englischsprachige Slogans sie zu einem Wettbewerb aufrufen, der sich nicht einfach ablehnen lässt.

Aurélie rennt

Sie versucht Schritt zu halten, als Empfangsdame in einer Anwaltskanzlei, einem Callcenter, einem Museum. Die Job-Etappen erzwingen eine perverse Mobilität. Aurélie legt Entfernungen wie zwischen Ländern zurück und bewegt sich doch nur in der Pariser Agglomeration.

Obwohl sie im Hosenanzug durch die Gegend schwirrt und „das Lächeln in der Stimme“ perfektioniert hat, ist ihre soziale Referenz die Toilettenfrau.

Der Tod des Verlangens

Aurélie Lejeune ist zwar vollbeschäftigt, aber obdachlos. Aufnahme findet sie „in winzigen Wohnungen, auf deren Regalen ein ganzes Leben“ steht. Marion Messina beschreibt private Transiträume, eine stationäre Ambulanz, die Überwindung von Signifikanten der Differenz zwischen Nomadentum und Sesshaftigkeit. Aurélies Zustand entspricht fast idealtypisch den Anforderungen im Pariser Ballungsraum. Als Mindestlohnempfängerin hat man zum Wohnen eh keine Zeit.

Aurélie, eine in Paris gestrandete, von vermeintlich ungenutzten Bildungschancen verstörte Arbeitertochter aus Grenoble, verdient als Hostess im 24/5-Verfügungsmodus zu wenig, um auch nur in die Nähe von etwas zu kommen, das man landläufig als Wohnung bezeichnet. Sie teilt ihr Schicksal mit so vielen, dass sie sich als Akteurin einer Subkultur erleben könnte. Doch steckt Aurélie in der Vereinzelungsfalle.

Der Pariser Immobilienmarkt ist „vollkommen dereguliert … (die) „einzige anarchistische Zone in Frankreich“. Während sie von Besichtigungstermin zu Besichtigungstermin astet, begreift Aurélie ihre Bedeutung in der französischen Gesellschaft. Die Autorin schickt die grundresignative Probandin in ein Labor der Desillusionierungen. Sie sagt, wenn Aurélie mit dem Programm fertig ist, wird sie rechts wählen, gegen „Burkas in ihrem Lidl“ schweigend eingestellt sein, patriotisch empfinden und immer noch allein sein, wenn auch vielleicht gemeinsam mit einem impotenten „Zeitarbeiter“. Denn Leidenschaft, so Messina, verlangt Kraft und die hat dann kein Mann mehr in Aurélies Reichweite.  

Aurélie verspürt kein sexuelles Verlangen mehr. Sie verwittert in einer alterslosen Feierabendgesellschaft, die eine „Jugend bis zum Tod feiert“. Sie zieht zu einem Mann, der ihr angenehm genug ist, um mit ihm seine Wohnung zu teilen. Doch beinhaltet die Lösung des Wohnungsproblems eine Einladung des Horrors. 

Narratives After Eight

Der Anfang ist nicht schwer. Als Christine und Patrick Lejeune erst „in dem modernen Betonplattenrathaus“ und dann „in einer Kirche am Rand der Fernverkehrsstraße“ mit dem Gefühl der Vollständigkeit heiraten, ist „ein anständiges Proletarierleben noch möglich“. Braut und Bräutigam sind Produkte ähnlicher Prägung, vereint in der Bescheidenheit gemeinsamer Erwartungen. Er arbeitet in der Fabrik, sie gibt für ihn selbstverständlich alles auf. Drei Urlaubsreisen und drei Kinder ergeben sich ab 1987 aus kleinen Spielräumen.

Marion Messina, „Fehlstart“, Roman, aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Hanser, 166 Seiten, 18,-

Marion Messina erzählt von einem soweit gelungenen Durchgang. Sie beschreibt eine Episode des Glücks, der ein Mix aus persönlichen Schwierigkeiten und gesellschaftlichen Verwerfungen sowohl vorausgeht als auch folgt. Christines Vater, ein Einwanderer aus Kalabrien, tanzt den Migrantenkampf. Patrick erlebte als Kind und Jugendlicher die Verstädterung einer Dorflandschaft, bis die Bauernschaft in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet verschwunden war. Ackerbau und Kaninchenzucht hörten auf. Die Bedrängten wichen aus dem neuen Ballungsraum in einen alten aus. So kamen sie nach Grenoble. Da wächst Messinas Heldin Aurélie in einer postsozialistischen Mindestlohnarena auf. Eine noch nie beschriebene Apartheid trennt sie von den Gewissheiten ihrer Eltern. Zwar verschlechtern sich die Verhältnisse auch für Christine und Patrick. Jedoch geschieht dies im Takt schwindender Bedürfnisse. Die Mutter ergattert sogar noch eine Stelle als verbeamtete Reinigungskraft. Davon kann die Tochter an ihrer Studenteninnenjobputzstelle nur träumen.

Alles lief auf ein Studium hinaus und nun das

Das Einfachste vom Einfachsten ist von Anfang an gut genug für Aurélie. Trotzdem hat auch ihre Familie eine Reise zum Mond vor, indem sie die begabteste Tochter Abitur machen lässt. Aurélie genügt den Einstiegsanforderungen von drei Universitäten, aber nur in Grenoble entstehen für die Eltern keine weiteren Kosten.

Die Autorin lässt nichts aus. Sie zeigt alle Facetten einer institutionalisierten Ungerechtigkeit, auf der in Hohnlettern Chancengleichheit steht. In überfüllten Hörsälen begreift Aurélie, dass ihr Ziel der Weg zum Studium war; dass sie allein auf dieser Strecke den größtmöglichen sozialen Abstand zu ihrer Herkunft gewonnen hat. Auch ihr Bruder steigt nach dem ersten Semester wieder aus und deklassiert sich als Verkaufsberater, bis er wieder richtig liegt und Spaß am Leben hat.

Aurélie sammelt Enttäuschungen, bis sie den kolumbianischen Partystudenten und Möchtegern-Schriftsteller Alejandro Manuel González Pena an ihrem Arbeitsplatz kennenlernt. Bei der ersten Begegnung hält sie ein „Mikrofasertuch in der Hand“, und er schiebt einen Putzmitteltransporter.

Das ist als Ouvertüre natürlich etwas anderes als ein Flirt an der Bar. Das Paar teilt die Underdog-Scham, ohne sie wahrhaben zu wollen. Die unabweisbare Degradierung begünstigt den Bund. Die Herabsetzung macht die Allianz pflegeleicht und sogar wunderbar. Aurélie empfiehlt sich Alejandro mit „makellosem Dekolleté“ und einem „süßlichen Duft vom Sonderverkauf“.   

Er überzeugt sie mit einem Bestand gebraucht gekaufter Bücher, die seinen Hintergrund aufleuchten lassen. Mag er dem Durchschnittsfranzosen wie der letzte Latino-Heuler vorkommen, Aurélie erkennt die einsame Klasse des Kollegen.

Messina erzählt das so zauberhaft, das man sich die narrativen Aromen wie After Eight auf der Zunge zergehen lassen möchte.   

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