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03.02.2020, Jamal Tuschick

„Ich wuchs mit dem Wissen auf, dass meine Mutter eine jüngere Schwester namens Jane hatte, die ermordet worden war.“

Pompöse Genugtuung

Retardierendes Rollenspiel

Jahrzehnte nach der Tat nähert sich ein Gericht der Aufklärung eines Mordes. Der Täter erscheint als Fossil und so uninteressant wie sonst kein Mensch in der Arena des Rechts, während unter den Sachverständigen Personen als Spezialist*innen auftreten, die der Autorin wie Teenager vorkommen. Besonders angetan ist Maggie Nelson von einer noch nicht dreißigjährigen DNA-Analytikerin, „die im Rahmen des Anschlags aufs World Trade Center vom 11. September 2001“ Exzellenzbeweise erbrachte. Mit der Koryphäe meldet „das 21. Jahrhundert“ seinen Deutungshoheitsanspruch an.

Nelson umkreist den Punkt, dass viele Expert*innen noch gar nicht geboren waren, als eine Schwester ihrer Mutter von einem Sadisten gewürgt und erschossen wurde, der sich als Krankenpfleger und Ehemann Jahrzehnte in der Unauffälligkeit verstecken konnte. Im Prozess wirkt er geistesabwesend. Von Krankheiten zersetzt, bietet er sich den rechtsstaatlichen Abläufen nur noch als Wrack an.

Maggie Nelson, „Die Roten Stellen. Autobiografie eines Prozesses“, aus dem Englischen von Jan Wilm, Hanser, 221 Seiten, 23,-

Maggie Nelsons „Autobiographie eines Prozesses“ ankert in der vielschichtigen Umgebung des Mordes an der Schwester ihrer Mutter. Jane Mixer studierte an der University of Michigan. Im März 1969 suchte sie für den Besuch der Eltern eine Mitfahrgelegenheit und geriet an ihren Mörder, der Fetischhandlungen an der Leiche vornahm, um dann noch sechsunddreißig Jahre auf freiem Fuß zu bleiben. Die Verhaftung von Gary Earl Leiterman zwang die Hinterbliebenen seines Opfers in eine Konfrontation, mit der keiner mehr gerechnet hatte.

Nelson erkennt die unbefriedigende Funktion eines retardierenden Rollenspiels in der pompösen Genugtuung, die der Staat sich selbst verschafft. Der Täter lässt sich kaum noch bestrafen. Vor jeder Einsicht steigen Nebel auf.

Reue verlangt Gedächtnis.

Die Hinterbliebenen erkennen kaum, dass der Gerechtigkeit „Genüge getan“ wird. Nelson verdammt „die Sünden des Passivs“, die dem Ausschluss einer plebiszitären Vergeltung nach ihren Begriffen folgen. Ein halbherziges Plädoyer für mehr Vitalität im Geist einer unbeherrschten Urteilsfreude rülpst auf wie eine Biereruption.

Nelson steigt durch die Dunkelkammern ihrer Familiengeschichte. Eine in der Jugend schwer renitente Schwester engelt nun in einem Chapter der Neuen Sozialen Bewegungen. Die gemeinsame Boomermutter trinkt zu viel, frönt kindischen Gewohnheiten und erinnert sich an ein unsolides Liebesleben. Die Männer der Familie sind tot oder aus anderen Gründen nicht zu gebrauchen. Letztlich erschöpft sich die Rezeption des späten Rechtspflegeakt in der Sphäre von Mutter und Tochter. Die Frauen verbergen voreinander ihre Ratlosigkeit.

Es existiert eine literarische Annäherung an die Tante, die von einem (den Familienbetrieb in einen Kälteschatten verbannenden) Angstgenerator ausging. Jane Mixer wurde als Dreiundzwanzigjährige in einem zwischen Campus und Serienmord oszillierenden Kontext umgebracht. Das Verbrechen reihte sich in eine Reihe von „sieben brutalen Morden“. Für die Autorin ergaben sich grauenhafte Perspektiven. Schreibend versuchte sie sich ihrer Angst zu entledigen. Als die Polizei sie davon in Kenntnis setzte, dass der mutmaßliche Mörder identifiziert sei, fürchtete Nelson ihn zunächst als potentiellen Mörder ihrer eigenen Person. Zugleich musste sie sich von dem Gedanken lösen, ihre Tante sei das Opfer eines Serientäters geworden.  

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