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03.02.2020, Jamal Tuschick

Was vermag ein Mensch unter Druck? Dieser Frage geht Georges Simenon in „Maigrets Nacht an der Kreuzung“ nach.

Französische Exzesspolitik

Eingebetteter Medieninhalt

Ein standfester Gefangener weckt Jules Maigrets Bewunderung. Der Polizist ist noch jung in dem 1931 erschienenen Roman, doch entsprechen seine Gewohnheiten bereits dem Programm eines gesetzten Mannes.

Georges Simenon in „Maigrets Nacht an der Kreuzung“, Roman, aus dem Französischen von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Bärbel Brands, Atlantik Verlag bei Hoffmann und Campe, 185 Seiten, 12,-

Er raucht und trinkt am Arbeitsplatz mit ruhiger Selbstverständlichkeit. Allein dieses Alltagsmuster ist so aus der Zeit gefallen wie manche Stücke, die ich in der Auslage eines Trödelladens in Rouen gesehen habe. Ich hatte so viel Geschichte im Kopf: Guillaume le Conquérant, der unter einem unglücklichen Stern geboren schien, um Europa dann doch einen neuen Drall zu geben; Jeanne d’Arc, eine Greta Thunberg des Anti-Britannismus, einem Begriff des 19. Jahrhunderts …

Die katholische Prachtentfaltung in Rouen ist überwältigend. Ich dachte, in der französischen Exzesspolitik und in der kommunistischen, von Renault-Arbeitern mitgeschriebenen Nachkriegsgeschichte dieses Landes steckt so viel mehr Feudalismusabwehr als in dem deutschen Ausgleichsföderalismus, weil die französische Krone im Verein mit ihrer Kirche eine Art subkutaner Suprematie behalten hat.

Das geht zu weit. Der Scheck ist nicht gedeckt, aber so etwas in Rouens Gassen zu ahnen, liegt nah. Und dann kommt man an einer Klitsche voller Nippes vorbei, sieht ein paar erbaulich bemalte Porzellansachen und stellt sich kurz das Leben der Leute vor, die das Geschirr zum Gebrauch in ihren Schränken hielten.

In den Gassen von Rouen

Um weiter den Gegenstand meines augenblicklichen Interesses zu beatmen. Simenon setzt Maigret im Vergleich mit dem Gefangenen herab. Carl Andersen ist größer als der Vernehmer, breitschultrig und sogar „schmal in den Hüften“. Andersen verliert seine Überlegenheit nicht in dem zersetzenden Verhör-Procedere. Er bewahrt eine „dünkelhafte Eleganz“.

Kein Zweifel, Simenon will, dass man Andersen für einen Aristokraten hält. Wir haben es mit einem einäugigen Sportfliegerass zu tun; einem Dänen, den nur äußerste Erschöpfung dazu veranlassen kann, sein fremdsprachliches Französisch mit einem Akzent zu illustrieren.

Mit der Absicht, das Vergnügen zu verdoppeln, wende ich mich der Angelegenheit noch einmal anders zu. Da gibt es die titelstiftende Kreuzung der Drei Witwen zwischen Arpajon und Avrainville im Département Essonne. Die Gemeinde liegt an einer Nationalstraße (Route nationale) im Einzugsgebiet des Zentrums. Die Kreuzung selbst gleicht einer Öde mit Tankstelle, der französischen Entsprechung einer amerikanischen Highway/Lost-Konstellation. Vermutlich lässt sich der Schauplatz eines Verbrechens auch verwunschen finden. Aber Simenon betont die Tristesse und den Schnittlauchcharakter, der als Kresse für Paris in der Gegend angebaut wird. Er schildert einen Ort, an dem niemand heimisch sein kann, der nicht bereits angeschlagen ist, so wie der vorbestrafte Tankwart Oscar und Else, die (in der allerersten Version) lebensängstliche Schwester des dänischen Wundermannes, mit dem sie in Wohngemeinschaft lebt.

Es lässt sich nicht vermeiden, auch den furchtbaren Vertreter Émile Michonnet und seine unwirsche Frau zu erwähnen. Den Abweichungen des Paares fehlt das Offensichtliche. In dem kleinen Kreis löst der Mord an einem „halbwegs bedeutenden Diamantenhändler“ jene Ermittlungen aus, in denen Andersen den ersten Tatverdächtigen abgibt.

Simenons Arrangement passt auf eine Bühne. Auf die Überschaubarkeit kommt es an. Das käme bei einem Drama in den Vorspann: Eine Kreuzung im Nirgendwo der Peripherie, drei Häuser von erlesener Schmucklosigkeit und ein halbes Dutzend fehlangepasster Bürger*innen, zu denen sich Maigret übernächtigt gesellt. Zuerst trifft der Ermittler Oscar und wundert sich über die Selbstsicherheit eines Mannes, der in Pantoffeln spazieren geht. Dann lernt Maigret Else kennen, die, ungeachtet ihrer (angeblichen) weltflüchtigen Zurückhaltung, einen mondänen Auftritt hat. In ihrer Gegenwart verliert Andersen sein imperiales Mandat.

Maigret registriert Indizien der Intimität. In Else erkennt er eine Bestimmerin.

Unbehagen ob der Verhältnisse treibt in dem Kriminalisten auf. Er sucht Sicherheit in amtlichen Erwägungen. Doch ist die Analyse uninteressant. Interessant sind allein die schönen Skandinavier an einer Überlandstraßenecke der Pariser Agglomeration. Offensichtlich beobachtet Maigret einen freiwilligen Rückzug, der sich gegen den Willen der Isolationisten offenbart.

In „Maigrets Nacht an der Kreuzung“ wird viel geschossen. Es hagelt Tote und Verletzte. Trotzdem wirkt wieder nur die Psychologie der Figuren tatsächlich berührend. Das Besondere bei Simenon ist, dass das Gelungene neben einem irren Erzählbruch mühelos überlebt und der Auflösung keine dramaturgische Bedeutung zukommt.

Ich will nicht wissen, wer wessen Mörder ist, wohl aber wie sich das in den Ahnungen des Kommissars komplex werdende Verhältnis von Else und Carl Andersen erklärt. Fast schon ein Beweis für Simenons Ausnahmestellung unter den Belletristen seiner Zeit ist ein Fehler, der mir in vierzig Jahren nicht auffiel. Maigret lässt sich den Revolver des Versicherungsagenten Michonnet vorlegen, da gerade in der Gegend herumgeballert wurde und es eine Verfolgungsjagd zu Fuß gegeben hat. Michonnet zeigt sich gelassen gefällig. Er ist nicht außer Atem. Das aber müsste er sein nach der Hatz über die Kresse. Maigret braucht die volle Trommel und das kalte Metall für einen trivialen Schluss. 

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