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04.02.2020, Jamal Tuschick

„Nazirock-Festivals in Deutschland gelten als die größten internationalen Veranstaltungen zur Netzwerkpflege rechtsextremer Gruppierungen.“

Faschistische Bettwäsche

Julia Ebner - Sie ist die Sturmjägerin im Maschinenraum des Extremismus/(c) Suhrkamp

Ekstatischer Schulterschluss

Das Publikum vereinheitlicht sich auch im demonstrativen Ja zum New-Balance-Sneaker, dem „offiziellen Schuh der Weißen“, so Andrew Anglin. Extremismus-Expertin Julia Ebner führt den Schuh-Hype als Beispiel dafür an, wie „rechtsextreme Bewegungen … Marke(n) … kapern“.

Ebner selbst trägt schwarze Adidas Skate-Schuhe, ohne sich damit als Nazi-Konzertbesucherin verdächtig zu machen. Sie schildert eine Szene am Rand der Veranstaltung, die an einem deutschen Rand in Ostritz an der Grenze zu Polen stattfindet. „Ein Mann wird gerade von der Polizei abgeführt.“

Julia Ebner, Radikalisierungsmaschinen - Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren, aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann, Suhrkamp Nova, 333 Seiten, 18,-

Die investigative Journalistin wendet sich an Oli, der „mehr Bart- als Kopfhaare“ vorzuweisen hat. Oli erklärt ihr den Vorgang sachkundig. Der Abgeführte müsse sich einer Leibesvisitation unterziehen. Obwohl man vor Ort unter sich sei, gäbe es „Deppen“, die bewaffnet zur Arena zögen, obwohl man im Trubel vor der Bühne mit feindlichen Maßnahmen nicht rechnen müsse. Vielmehr dürfe man sich auf radikale Solidarität unter Gleichgesinnten freuen.

Dem ekstatischen Schulterschluss fiebert „eine hübsche Frau Mitte Zwanzig (entgegen). Sie hat langes blondes Haar und trägt Jeans zum schwarzen Trenchcoat … Sie hat sich extra einen Tag freigenommen“, um dieses besondere Bad in der Menge genießen zu können.

Werwolf Beatles

Meine Nackenhaare stellen sich auf, während ich Ebners Bericht aus einer Parallelgesellschaft lese, deren Protagonist*innen mit sich selbst vollkommen im Reinen zu sein scheinen. Im progressiven Rezeptionskosmos leben die Neurechten in einer Unterwelt des Hasses und des rassistischen Ressentiments. Ebners Streifzug durch die Selbstwahrnehmung der Rechtsrocker*innen reißt einen ganz anderen Horizont auf. Man lacht über „Körperverletzungen“ und prahlt mit dem Haftbefehl, der einem anhaftet.

Ebner gerät selbst in eine Polizeikontrolle.

Ebner ist Österreicherin, zwei Münchner fühlen sich zu ihr hingezogen. In „einer süddeutschen Ecke“ wird der Anschluss Österreichs neu diskutiert.

Alle Erwartungen richten sich auf „Terrorsphära“. Die Musiker kombinieren in der Beschreibung ihres Stils Beat & Werwolf. Die Verbindung wäre vor dreißig Jahren antinomisch gewesen. In der kompletten Umwertung steckt die entscheidende Information. Im „Informationskrieg“ überlagern kryptische Verknüpfungen korporative Signale. Das Eindeutige verschwindet im Merch und taucht als faschistische Bettwäsche privatsphärisch wieder auf.

Das Publikum vereinheitlicht sich auch im demonstrativen Ja zum New-Balance-Sneaker, dem „offiziellen Schuh der Weißen“, so Andrew Anglin. Extremismus-Expertin Julia Ebner führt den Schuh-Hype als Beispiel dafür an, wie „rechtsextreme Bewegungen … Marke(n) … kapern“.

Ebner selbst trägt schwarze Adidas Skate-Schuhe, ohne sich damit als Nazi-Konzertbesucherin verdächtig zu machen. Sie schildert eine Szene am Rand der Veranstaltung, die an einem deutschen Rand in Ostritz an der Grenze zu Polen stattfindet. „Ein Mann wird gerade von der Polizei abgeführt.“

Die investigative Journalistin wendet sich an Oli, der „mehr Bart- als Kopfhaare“ vorzuweisen hat. Oli erklärt ihr den Vorgang sachkundig. Der Abgeführte müsse sich einer Leibesvisitation unterziehen. Obwohl man vor Ort unter sich sei, gäbe es „Deppen“, die bewaffnet zur Arena zögen, obwohl man im Trubel vor der Bühne mit feindlichen Maßnahmen nicht rechnen müsse. Vielmehr dürfe man sich auf radikale Solidarität unter Gleichgesinnten freuen.

Dem ekstatischen Schulterschluss fiebert „eine hübsche Frau Mitte Zwanzig (entgegen). Sie hat langes blondes Haar und trägt Jeans zum schwarzen Trenchcoat … Sie hat sich extra einen Tag freigenommen“, um dieses besondere Bad in der Menge genießen zu können.

Meine Nackenhaare stellen sich auf, während ich Ebners Bericht aus einer Parallelgesellschaft lese, deren Protagonist*innen mit sich selbst vollkommen im Reinen zu sein scheinen. Im progressiven Kosmos leben die Neurechten in einer Unterwelt des Hasses und des rassistischen Ressentiments. Ebners Streifzug durch die Selbstwahrnehmung der Rechtsrocker*innen reißt einen ganz anderen Horizont auf. Man lacht über Aktionen gegen Geflüchteten-Einrichtungen und prahlt mit dem Haftbefehl, der einem anhaftet.

Ebner gerät selbst in eine Polizeikontrolle.

In einem Terrorschwesternchat werden Selbstmordattentate gefeiert und Abschottung gepredigt. Wer sich dem Dschihad verschreibt, soll sich sogar vor Argumenten hüten, „die sich muslimisch anhören“.

Eingebetteter Medieninhalt

Der Westen unterminiere die Bastionen der Unerschütterlichkeit im Glauben. In einer islamistischen Soziologie spricht man von „situativer Entfremdung“.

„Es ist diese Entsozialisierung aus dem bekannten Umfeld, die die Grundlage bildet für das Hineinwachsen in eine exklusive Gruppe wie den Islamischen Staat.“

Ich habe in den Achtzigerjahren Glaubenskampagnen beobachtet, die über säkulare Flächen hinwegfegten und zumindest keinen bekennenden ungläubigen Grashalm zurückließen. Der Islam wurde in Deutschland stark als Identitätsstifter für verstädterte Bauern, deren Eltern kulturell noch im Osmanischen Reich wurzelten und die mit der Gastarbeiterpotenz dem kemalistischen Laizismus zum ersten Mal etwas entgegenzusetzen hatten. Das waren Erdoğans Wünschelrutengänger.

Julia Ebner kommuniziert verdeckt mit der hochrangigen Terror Agency Sister Dahlia. Die Autorin meistert sämtliche Überprüfungen ihrer fiktiven Identitäten.

Screenings entsprechen auf den viralen Kontakthöfen der ständigen Praxis. Ebner schildert die Testverfahren und charakterisiert die Türsteher vor den Portalen zu geheimen Chaträumen.

Zwischen Kalaschnikow und Facebook

Extremismus verfestigt sich in einer Kombination von äußerem und innerem Druck. Nach Attentaten werden Unterstützerfamilien mit staatlichen Sanktionen überzogen, die den Radikalisierungsprozess dynamisieren. Gleichzeitig bearbeiten Kombattanten die Kandidaten, bis es für sie kein Zurück mehr gibt und die Mentoren des Dschihad frei über sie verfügen können. Verschärft wird die Situation von heimkehrenden Veteranen, die in Syrien, im Irak oder auf den Philippinen ihr ziviles Repertoire verloren haben und trotzdem ganz selbstverständlich ihre medialen Anschlüsse polieren. Ein Alltag zwischen Kalaschnikow und Facebook entbehrt für sie aller heiklen Übergänge.

Facebook, so Ebner, bietet den Anbahnungsszenarien einen unverfänglich-attraktiven Hintergrund und eine Abklärungsarena, bevor man Aspirant*innen ins Dark Social-Milieu lotst. Die Aufklärerin fand heraus, dass die militärischen Niederlagen des IS die weibliche Seite des Islamismus aufbauen.

„Man könnte den IS-Chat manchmal fast mit einem feministischen Forum verwechseln.“

Alle „Extremisten lieben das neu entstandene Informationsschlachtfeld“, da es sich asymmetrisch effektiv bespielen lässt. Die etablierten Informationskanäle verlieren ihre Monopole an die Geschwindigkeit des Informationsflusses.

Tempo tötet, sagten die alten Meister.

Geschwindigkeit ist die neue Wahrheit. Die Phase des Zu-Spät beginnt immer früher. Kommt die Desinformation vor der Information, hat die Wahrheit keine Chance mehr. Den Online-Diskurs frisieren „Akteure … die nichts Gutes im Schilde führen“. Sie haben jedes Mal gewonnen, wenn ins Netz gegangene Zeitungen auf sie reagieren (müssen). Ihr Geschäft besteht darin, Impulse zu setzen, die solche Impulse auslösen.

Während früher ein Journalist mit seinem Periodikum identifiziert wurde, so dass man als Gegenspieler*in die Front seines Hauses vor sich hatte und bald schon im Rückspiegel sah, werden Journalist*innen heute von ihrer Aktionsgemeinschaft abgesprengt und in der Isolation delegitimiert. Ebner wäre von einer Retourkutsche beinah überrollt worden. Sie ging voll ins Risiko, als sie das Gründungsmitglied der „English Defence League“ Tommy Robinson mit Rassismus assoziierte. Robinson stellte und konfrontierte sie. Ein Kameramann filmte den Übergriff, in dem die Wahrheit keine Chance hatte.

„Warum haben Sie mich als Rassisten bezeichnet?“

Die Frage suggeriert eine Behauptung, die von Ebner vorsorglich gar nicht aufgestellt wurde. Die kluge Vermeidung würde jedoch zum Bumerang, müsste man sie erklären.

Da liegt der Dreh.

Robinson sagt dem Sinn nach: Das große Machtgefälle gibt es nicht mehr. Ihr könnt mit eurer anachronistischen, für juristische Schleiertänze entwickelte Differenzierungsakrobatik um den heißen Brei herumschleichen, solange ihr wollt, sobald ihr einmal in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen meinen Namen und Irgendwas mit Rassismus connectet, ist das meine Party.

Ebner verliert ihren Job und muss sich gefallen lassen, als jemand zu gelten, der die Sicherheit von Kolleg*innen gefährdet, weil er nicht abschwört.

An der Grenze zur roten Linie agieren Brandbeschleuniger, die sich nicht nachsagen lassen müssen, Rassisten und Antisemiten zu sein, obwohl ihre Anhängerschaft sich einschlägig ausweist. Jeder heimlich Irre, der seiner rassistischen Grundeinstellung mit viel Fleiß und Sinn fürs Infame viral-kompatible Bastelarbeiten widmet, kann sich auf einen Vordenker berufen, ohne dass der Leuchtturm den Betrieb einstellen muss.

Das Hauptproblem besteht darin, dass sich auf den kreativen Hass „antidemokratischer … Graswurzel-Bewegungen“ mit Nonchalance kaum reagieren lässt. Das heißt, man sieht leicht angegriffen aus, wenn man sich wehrt. Die Visualisierung von Erschöpfung und Empörung wirkt auf die Aggressoren stimulierend. Die Produktion von Spott und Häme steigt. Die Bearbeiteten erwartet das „kollektive Storytelling“ auf einer Vermutungsbasis, die von der „digitalen Signatur“ des Anvisierten provoziert werden. In der Gleichzeitigkeit von viral und real steckt die Gefahr einer Gleichsetzung. Die Akteure der Gegenseite agieren unkontrolliert als Polizei, Staatsanwalt, Richter und gesetzgebende Versammlung. Fallen Sie so einer Abteilung anonymer Ächter*innen in die Hände, blüht Ihnen das Weitere unter dem Banner:

Für dich gilt die Rechtsordnung nicht mehr. Mir dir spielen wir Kulturrevolution. Dich jagen wir viral und real.

Ebner spricht von mindestens 250 Universitätsprofessor*innen, „die Opfer rechter Online-Kampagnen“ wurden.

Eingebetteter Medieninhalt

Einst wollte sie Sturmjägerin werden und Tornados erforschen. Heute jagt Julia Ebner Rechtsextremist*innen nicht nur in den Darknetrooms der Gegenkulturen.

Virale Virulenz und Terrorsozialisation

„Für einen Rechtsextremen sieht er fast zu normal aus.“

Edwin Hintsteiner trägt seine Überzeugungen nicht zur Schau. Julia Ebner trifft den „Obmann der Identitären Bewegung Salzburg“ in einem Wiener Café. Die Extremismusexpertin präsentiert sich mit Perücke als Jennifer Mayer, „Philosophiestudentin aus Österreich, zurzeit im Auslandssemester in London“.

Julia Ebner arbeitet im Institute for Strategic Dialogue (ISD) in London.

Hintsteiner, der bald mit einem Anti-Omas-gegen-Rechts-Tweet Furore die Gemüter erregen wird, ist nur zweite Wahl. Ursprünglich sollte „der österreichische Kopf der Bewegung“ die Aspirantin Jennifer Mayer in Augenschein nehmen. Doch Marin Sellner kann nicht. Auf der Frankfurter Buchmesse konzentriert er gerade das öffentliche Interesse auf sein neues Buch. Sellner erzeugt jede Menge medialen Schaum. Die Frage ist, wer und was steckt dahinter.

Die Expedition zu identitären Basen beginnt mit einer falschen Bestellung. „In dem alten Wiener Kaffeehaus“ wünscht sich Mayer den Schaum von der Sojamilch.

Das ist ein Fauxpas.

Mayers Screener sieht selbstgefällig darüber hinweg. Er wähnt sich auf der sicheren Seite. Der Kurzschluss eine attraktive Person interessiert sich für die identitäre Bewegung. Folglich interessiert sich die Person für mich deaktiviert sein Skepsis-Zentrum. Er erläutert ein paar Sprachregelungen, mit denen man sich den Kontaminationen des Vorläufer-Fundamentalismus entziehen möchte, ohne die Kontinuität des faschistischen Denkens aufzugeben. Wir kennen den Covertalk vom „Ethnopluralismus“ bis zur „Remigration“. Interessanterweise entfalten die neuen Begriffe keine abdeckende Wirkung. Der Rassismus steht ihnen auf der Stirn geschrieben. Mit solchen Wörtern kann man sich nur ausweisen. Hintsteiner avanciert im Text zum Stichwortgeber eines Thesenreferats. Ebner resümiert den Stand der Dinge im Sektor der „Umvolkungs“-Paranoiker*innen.

Die Hintsteiners streben zu einer Homogenität in einem mythischen Abendland. Sie identifizieren sich über Mainstreamvorlieben, die im identitären Kontext Kodefunktionen bekommen.

Ebner beschreibt das als einen analytischen Lapsus im Forschungsfeld. Sie hat nie etwas anderes erlebt als diese Unübersichtlichkeit in der Verdichtung. Dabei war es einmal sehr einfach, links von rechts zu unterscheiden. Jede Seite lief wie mit Fahnen durch die Gegend.

Für Akteure, die Gramsci in ein rechtes Avantgardemodell einpassen, ist das Einfallstor der Differenz der Liberalismus. Wer sich nicht offen gegen „Feminismus, Multikulturalismus und Egalitarismus“ aussprechen möchte, kombiniert seine Kritik mit einer Kritik am Liberalismus. Solche Einbrüche in linke Domänen und Umzüge in linken Diskurskostümen schreien nach einem neuen Instrumentenkasten.

Eine Eintrittskarte erwirbt man mit einem kenntnisreichen Bekenntnis zu Nietzsche. Auch Bemerkungen zu „Fight Club“ und „Matrix“ können politische Standortbestimmungen implizieren. „Eine Standardmetapher“ ist George Orwells „1984“ als Kennzeichnung des „Überwachungsstaats“.

Ruraler Rand und feudale Resistance

In England steuert Ebner/Mayer in den Aufbau einer identitären Zelle hinein.

Sie lernt:

„Subversion (ist effektiver als) Konfrontation.“

Bei „einem geheimen Strategietreffen“ trifft Ebner alias Mayer Sellner in einer Londoner Airbnb-Wohnung. Seit geraumer Zeit versucht er „das kulturelle Narrativ (zu) verändern“, eingedenk des Gramsci-Paradigmas von der kulturellen Hegemonie, die sich in gewaltarmen Gleichgewichtsübungen ergibt.

Gramsci gewann seine Einsichten in der Analyse von Prozessen, die zur italienischen Nationalstaatlichkeit führten. Eine der wichtigsten Erkenntnisse war, dass der bäurischen Bevölkerungsmehrheit keine ausschlaggebende Bedeutung zukam. Die Vielen ließen sich als ruraler Rand marginalisieren und stellten eine zu geringe Größe im „Historischen Block“ dar. Bürgerliche Kräfte übernahmen die revolutionäre Aufgabe und absorbierten die Energien der feudalen Resistance.

Eine Stimmung wie vor der Französischen Revolution lässt sich nicht einfach aus dem Hut der Geschichte zaubern. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb die Identitären ihre „kontrollierten Provokationen“ am liebsten mit bürgerlichen Aktivist*innen bis zum „Tipping Point“ vorantreiben. An diesem Punkt haben die „Mainstreammedien“ keine andere Wahl mehr, als zu berichten und so einer „strategischen Polarisierung“ Vorschub zu leisten.

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