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04.02.2020, Jamal Tuschick

#Boomerbeat

Nachruf auf einen Unbekannten - Von Isobel Markus

Zwei Straßen weiter lebte ein älterer Mann in einem halb verfallenen Haus. Ich begegnete ihm häufig. Er war krank und ging in winzigen Schritten, die Füße zentimeterweise vor sich herschiebend, beide Arme und Hände abgewinkelt. Verwahrlost wirkte er, das Haar weiß und der Frisur längst entwachsen, sein Bart grau und wochenlang, aber seine Kleidung war zeitweise nahezu ordentlich. Das verwunderte mich.

Es fiel mir auch schwer, einzuschätzen, wie alt er war. Er hätte erst 60 oder schon 80 Jahre alt sein können, das weiße Haar, der beeinträchtigte Gang, aber ein irgendwie junges Gesicht mit einem Blick, der mich in seinem zeitlosen Ausdruck irritierte. Ich konnte mir diesen Mann in jedem Alter und in jedem Jahrhundert vorstellen. Vielleicht lag es an seiner Haltung. Er hielt Hals und Kopf sehr gerade und blickte an den Passanten vorbei, scheinbar ohne von ihnen Kenntnis zu nehmen. Aber ich wusste, dass er sie alle sah. Er sah jeden von ihnen. Er wusste genau, dass sie ihn ignorierten, obwohl sie ihn manchmal schon von weitem bemerkten und dann schnell die Straßenseite wechselten. Und er wusste genau, dass sie wegschauen würden, wenn sie doch an ihm vorbei mussten. Vielleicht machte er sie hilflos oder er war ihnen unheimlich, er, der wie ein Obdachloser aussah, es aber nicht war. Er, der mit seiner Disziplin im Spazierengehen, in der Hartnäckigkeit seiner Tippelschritte, erstaunliche Strecken im Kiez zurücklegte und ihnen seine Krankheit, sein Dahinsiechen in aller Verletzlichkeit zeigte. Es verunsicherte sie immer wieder. Es beschämte sie. Es verunsicherte und beschämte auch mich.

Ich habe oft weggesehen, wenn ich ihm näher kam, war darauf bedacht, seinem starren Blick nicht in die Quere zu kommen. Aber ich schämte mich jedes Mal deswegen. Ich fragte mich, ob da jemand war bei ihm, für ihn oder wie er lebte in diesem Haus hinter den vergilbten Gardinen und dem verwilderten Garten, so ganz allein. Und ich fragte mich, ob man nicht mal fragen müsse.

Einmal dann, vielleicht vor einem Jahr, sind wir uns an der Ampel begegnet, deren Schaltung immer zu kurz eingestellt ist. Er stand auf der anderen Straßenseite und unsere Blicke trafen sich, bevor es grün wurde. Als ich seine Höhe erreichte, war er kaum vom gegenüberliegenden Bordstein weggekommen, aber die Ampel sprang schon wieder auf Rot. Diesmal konnte ich nicht weggucken, also überwand ich meine Scheu und fragte, ob er Hilfe benötigte. Seine Augen waren blau und hell. Sie sahen mich nicht an. Seine Stimme war fest und er sprach erstaunlich schnell. »Das wäre nett«, sagte er. »Die Ampel ist lästig. Und der Verkehr hat so zugenommen. Bleibt keine Zeit, um die Straße zu überqueren.«

Ich nahm seinen Arm und begleitete ihn vor den wartenden Autos auf die andere Seite.

Seine Fingernägel waren lang und ich fragte ihn, ob er zu Hause Hilfe habe.

»Ach«, sagte er. Es klang abwertend. »Ich will keinen. Ab und zu schicken sie eine Schwester, die ist in Ordnung, die andere dagegen gar nicht.«

»Ich verstehe«, sagte ich.

»Ich glaube nicht«, antwortete er.

Ich schwieg und als wir die andere Seite erreichten, bedankte er sich, aber dann rief er fast grob: »Jetzt kannste wieder gehen.«

Beim nächsten Mal begegneten wir uns in seiner Straße. Ich nickte ihm vorsichtig zu.

»Na«, sagte er. »Da sind Sie ja.«

Erstaunt, dass er sich an mich erinnerte, fragte ich schnell, wie es ihm ginge.

»Es geht«, er blieb stehen. »Es wird nachts jetzt kalt«, sagte er und sah mich lauernd an.

Ich stimmte zu. »Manchmal kann man den Winter morgens schon riechen«, ergänzte ich.

»Ich beobachte die Tiere in meinem Garten«, sagte er. »Sie zeigen es mir.«

»Welche Tiere?«, fragte ich.

»Die Spinnen, die kommen jetzt ins Haus und dann die Vögel, viele Vögel. Amseln, Sperlinge, Meisen und ein Eichelhäher, aber auch Eichhörnchen, zwei Katzen, Mäuse. Manchmal kommt ein Marder, ein Igel oder ein Fuchs vorbei. Sie bereiten sich auf den Winter vor«, erklärte er. »Nur die Katzen nicht.«

»Die müssen nicht, die sind satt«, sagte ich.

Er lächelte. Es sah aus wie eine Grimasse.

Seitdem sprachen wir über das Wetter und die Tiere, wenn wir uns trafen. Meine Fragen, wie die nach seiner Krankheit, seinem früheren Beruf oder bloß, ob er Kinder hatte, blieben ungestellt und auch sonst unbeantwortet. Ich traute mich nicht zu fragen und erfuhr stattdessen stets etwas Neues über die Wetteraussichten und die Tiere in seinem Garten.

Gestern kam ich seit Langem mal wieder in seiner Straße vorbei und erkannte sein Haus kaum wieder. Der Garten war gerodet, das Dach neu gedeckt, die Fenster neu und nackt ohne die Gardinen, volle Container vor dem Zaun. Ich blieb betroffen stehen, betrachtete das fremde Haus und wurde traurig. Als ich weiterging, ärgerte ich mich. Am meisten darüber, dass ich ihn nie nach seinem Namen gefragt hatte.

Lieber unbekannter Spaziergänger, ich hoffe sehr, dass Sie dort, wo Sie hingegangen sind, die Tiere im Garten beobachten können und sehen, wie das Wetter wird.

Hier wird es bald kalt. Man kann abends schon die ersten Gänse wegziehen hören.

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