MenuMENU

zurück zu Main Labor

05.02.2020, Jamal Tuschick

Maggie Nelsons „Autobiographie eines Prozesses“ ankert in der vielschichtigen Umgebung des Mordes an der Schwester ihrer Mutter. Jane Mixer studierte an der University of Michigan. Im März 1969 suchte sie für den Besuch der Eltern eine Mitfahrgelegenheit und geriet an ihren Mörder, der angeblich Fetischhandlungen an der Leiche vornahm, um dann noch sechsunddreißig Jahre auf freiem Fuß zu bleiben. Die Verhaftung von Gary Earl Leiterman zwang die Hinterbliebenen seines Opfers in eine Konfrontation, mit der keiner mehr gerechnet hatte.

Verworfene Varianten

Ist ein Arzt, der zum Mörder wird, nicht viel mehr ein Mörder als ein Arzt? Wer sich zu einem Mord bereitfindet, gerät in eine gesellschaftliche Schieflage. Wie alle Extremisten kann er nicht mehr damit rechnen, dass seine Verdienste gewürdigt werden. Er schließt seine inneren Exzellenzen von der Agora aus. Der Markt wird zum Richtplatz. Maggie Nelson beschreibt diesen Prozess am Beispiel des Mörders ihrer Tante Jane Mixer. Sechsunddreißig Jahre nach der Tat überführt ihn ein Ermittler der Michigan State Police. Der Detective-Sergeant Eric Schroeder wirkt mit seinem Eifer beinah unprofessionell. Er schließt sich mit Nelson auf eine rührende Weise kurz. Er umarmt sie bei der ersten Begegnung. Offenbar spürt er eine starke Verbindung. 

Maggie Nelson, „Die Roten Stellen. Autobiografie eines Prozesses“, aus dem Englischen von Jan Wilm, Hanser, 221 Seiten, 23,-

„Ich wusste, Jane war 23 Jahre alt, als sie starb, und befand sich in ihrem ersten Studienjahr an der juristischen Fakultät der University of Michigan.“

Die Tat ließ sich zwar so ohne Weiteres nicht dem Schema eines Serienmörders zuordnen, dem bei seiner Verurteilung die Ermordung „von sieben jungen Frauen im Washtenaw County“ zur Last gelegt werden würde, trotzdem verlängerte sie in der öffentlichen Wahrnehmung eine monotone Reihe des Grauens. John Collins vergewaltigte seine Opfer. Er legte ihre Leichen achtlos ab und verging sich an ihnen in ausschweifenden Schändungsakten.

„Zum ersten Mal schlug Collins im Juli 1967 zu: Eine junge Frau namens Mary Fleszar war vom Campus der Universität von Michigan verschwunden. Einen Monat später wurde ihr verwester Leichnam gefunden. Man hatte sie erstochen und Hände und Füße abgehackt.“

Quelle

Jane Mixer wurde nicht vergewaltigt und die Fundstelle ihrer Leiche ließ keine einschlägigen Schlussfolgerungen zu; zumindest nicht mit der derben Eindeutigkeit der Ablageplätze anderer Opfer in dieser Zeit und Gegend. In der Collins-Ära überschattete das Muster des „Michigan-Killers“ alles, was sich im Zusammenhang mit Jane Mixers Tod tatsächlich feststellen ließ. Man interpretierte die Lage der Opfer-Habseligkeiten in einem Fetischkontext; obwohl das Arrangement von Polizisten als pietätvoll geschildert wurde.

Ein Eindruck, der haften blieb. Jahrzehnte später erklärt ein Zeuge vor Gericht: „Es sah fast so aus, als ob der Täter Mitgefühl für das Opfer hatte.“

Es schien so, als habe Gary Earl Leiterman „den Leichnam der Frau“, die er umgebracht hatte, „vor der Kälte schützen wollen“.

Die Umstände deuteten auf eine „Gefechtsbeisetzung“ hin. Lässt sich ein gefallener Soldat unter Beschuss nicht bergen, werden seine Sachen zwischen den Extremitäten deponiert.

Ein den Hals drapierender Strumpf war lange als Indiz dafür gewertet worden, dass der Täter sein Opfer gewürgt hatte. In einem neuen Betrachtungslicht stellte sich die Kombination als Hinweis auf einen Druckverband dar.    

Leiterman war zwanzig Jahre Militärsanitäter gewesen. Dazu bald mehr.

Retardierendes Rollenspiel

Jahrzehnte nach der Tat nähert sich ein Gericht der Aufklärung eines Mordes. Der Täter erscheint als Fossil und so uninteressant wie sonst kein Mensch in der Arena des Rechts, während unter den Sachverständigen Personen als Spezialist*innen auftreten, die der Autorin wie Teenager vorkommen. Besonders angetan ist Maggie Nelson von einer noch nicht dreißigjährigen DNA-Analytikerin, „die im Rahmen des Anschlags aufs World Trade Center vom 11. September 2001“ Exzellenzbeweise erbrachte. Mit der Koryphäe meldet „das 21. Jahrhundert“ seinen Deutungshoheitsanspruch an.

Nelson umkreist den Punkt, dass viele Expert*innen noch gar nicht geboren waren, als eine Schwester ihrer Mutter von einem Sadisten gewürgt und erschossen wurde, der sich als Krankenpfleger und Ehemann Jahrzehnte in der Unauffälligkeit verstecken konnte. Im Prozess wirkt er geistesabwesend. Von Krankheiten zersetzt, bietet er sich den rechtsstaatlichen Abläufen nur noch als Wrack an.

*

Nelson erkennt die unbefriedigende Funktion eines retardierenden Rollenspiels in der pompösen Genugtuung, die der Staat sich selbst verschafft. Der Täter lässt sich kaum noch bestrafen. Vor jeder Einsicht steigen Nebel auf.

Reue verlangt Gedächtnis.

Die Hinterbliebenen erkennen kaum, dass der Gerechtigkeit „Genüge getan“ wird. Nelson verdammt „die Sünden des Passivs“, die dem Ausschluss einer plebiszitären Vergeltung nach ihren Begriffen folgen. Ein halbherziges Plädoyer für mehr Vitalität im Geist einer unbeherrschten Urteilsfreude rülpst auf wie eine Biereruption.

Nelson steigt durch die Dunkelkammern ihrer Familiengeschichte. Eine in der Jugend schwer renitente Schwester engelt nun in einem Chapter der Neuen Sozialen Bewegungen. Die gemeinsame Boomermutter trinkt zu viel, frönt kindischen Gewohnheiten und erinnert sich an ein unsolides Liebesleben. Die Männer der Familie sind tot oder aus anderen Gründen nicht zu gebrauchen. Letztlich erschöpft sich die Rezeption des späten Rechtspflegeakt in der Sphäre von Mutter und Tochter. Die Frauen verbergen voreinander ihre Ratlosigkeit.

Es existiert eine literarische Annäherung an die Tante, die von einem (den Familienbetrieb in einen Kälteschatten verbannenden) Angstgenerator ausging. Jane Mixer wurde als Dreiundzwanzigjährige in einem zwischen Campus und Serienmord oszillierenden Kontext umgebracht. Das Verbrechen reihte sich in eine Reihe von „sieben brutalen Morden“. Für die Autorin ergaben sich grauenhafte Perspektiven. Schreibend versuchte sie sich ihrer Angst zu entledigen. Als die Polizei sie davon in Kenntnis setzte, dass der mutmaßliche Mörder identifiziert sei, fürchtete Nelson ihn zunächst als potentiellen Mörder ihrer eigenen Person. Zugleich musste sie sich von dem Gedanken lösen, ihre Tante sei das Opfer eines Serientäters geworden.  

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen