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05.02.2020, Jamal Tuschick

Paris um 1860 - Das Leben ist eine Operette, allerdings eine katholische. Die um sich greifende Restauration schmälert die Baudelaires, Flauberts und Goncourts. Sie gibt der Kirche ihre alte Macht zurück. Napoleon III. kuscht vor dem Papst. Jetzt kommt der Augenblick, da wir uns wieder Tomasi di Lampedusas „Leoparden“ zuwenden müssen. Die feudale Welt dreht sich um Fragen der Legitimität. Die Legitimität des zweiten französischen Kaisers ist absurd fadenscheinig, während Ferdinand II. als König beider Sizilien sowie als Chef des Fürsten von Salina - vom dynastischen Standpunkt aus betrachtet – vollkommen berechtigt herrscht. Das nutzt ihm indes wenig in Anbetracht seiner Schwäche. Ein alter Schlendrian rächt sich. Der Leopard Don Fabrizio Corbera verweigert ihm unerklärt die Gefolgschaft, um nicht mit dem schwachen König gemeinsam baden zu gehen. Er analysiert Ferdinands Gegenspieler Garibaldi als einen Mann, von dem sich Höherstehende etwas versprechen. Daraus schließt Salina, dass der Revolutionär an einer aristokratischen Leine liegt. Sonst hätte man Garibaldi nicht zum Zug kommen lassen.

Die Farce auf dem Thron

Louis Napoleon Bonaparte (1808 – 1873) leitete die letzte durchgreifende Restauration seines Landes im 19. Jahrhundert ein. Als Napoleon III. erneuerte und finalisierte er das französische Kaisertum nach einem Staatsstreich. Gleichzeitig führte ein Putschist den Triumphzug der Moderne an. Der „kleine Napoleon“ (Victor Hugo) machte Paris zum „Epizentrum des Aufbruchs in die Zukunft“.

Walburga Hülk beseelt die Metropole an der Seine mit Zeitgenossen, denen der Kaiser lächerlich erscheint. Die Romanistin zeigt die größten Geister der Epoche im Morgenmantel ihrer Bedeutung. Flaubert schlägt sich mit Studien zu Madame Bovary herum. Baudelaire schlägt sich als Kunstkritiker durch. Er bespricht Ingres und Delacroix. In einen Kalender der Genauigkeit trägt Hülk die Marken ein, die den um 1855 breit geschätzten Ehrenlegionär und Akademievirtuosen Jean-Auguste-Dominique Ingres von seinerzeit Missachteten und heute höher als Ingres eingestuften Künstler*innen in den Augen der Gegenwärtigen von Damals unterschieden. Bonapartes Bauwut kostet Langschläfern und Schwerhörigen das Leben. Wer nicht schnell genug räumt, fliegt mit seinen vier Wänden in die Luft und endet im Schutt der alten Zeit. Hülk überfliegt ihre eigene Metaphorik. Sie prescht durch die Register; jeder Erzähleinfall steigt im Turbopaternoster auf. Kein Heutiger kann moderner sein als es Baudelaire in der Haussman(n)ia ist. Ihm liegt Delacroix‘ erzählende Malerei, in der Dante, Shakespeare, Stendhal und Byron aufkreuzen. Indem Baudelaire dem Maler ein „Übermaß an Imagination“ attestiert, gewährt er sich selbst den üppigsten Kredit bei la reine de facultés – der Königin der Fachbereiche.

Keine Konjunktur für Nostalgiker

Eingebetteter Medieninhalt

In Tomasi di Lampedusas sizilianischer Saga ist Machtlegitimation ein zentrales Thema. Den Fürsten von Salina, ein ergrauter Schwerenötiger mit poetischen Neigungen, trägt ein einfallsloser Konservatismus. Er hält seine Privilegien für gerechtfertigt. Seine Argumente folgen der Logik einer in ihre Ämter hineingeborene Funktionselite. Den politischen Neuerern um Garibaldi stellt er die Frage: Habt ihr etwas Besseres als den bourbonischen Schlendrian? Vor allem jedoch fragt er: Was legitimiert eure Herrschaft?

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“, Roman, Deutsch von Burkhart Kroeber, 398 Seiten, Piper, 24,-

Heutigen erscheint selbstverständlich, was einem Salina vollkommen abwegig vorkommt: im Volk den Souverän zu sehen. Nach feudalen Maßstäben zählt nur die bewegende Kraft. In diesem Kontext stellt Frieden keinen Wert dar. Die Ökonomie dient der Bewaffnung. Es ist nicht uninteressant, dass der bürgerliche Teilhabeanspruch allmählich aus einem antagonistischen Konzept erwächst.

Rock’n‘Royal

Den royalen Prinzipal interessiert nur Pomp & Punk. Die Prachtentfaltung dient der Repräsentation, aber der Grund der Repräsentation ergibt sich aus der Befehlsgewalt.

Wem und wie vielen befiehlt ein Fürst?

Der König beider Sizilien hat in seinem Fin de Siècle keinen Richelieu und keinen Metternich an seiner Seite. In seiner Not genügt ihm der Fürst von Salina, dieser sentimentale Lebemann, der überall da scheitert, wo sich nicht andere an seiner Stelle in die Bresche werfen. Begegnet er etwas anderem als nackter Ergebenheit, zieht er sich in das Schneckenhaus seiner parfümierten Eitelkeit zurück. Er hat das Ritterliche seiner dynastischen Konstitution abgestreift. Er kennt die historische Bedeutung des leichten Lebens nicht mehr. Die alte Gleichung, leicht lebt, wer leicht stirbt, gehört nicht mehr zu seinem Wissensschatz. Allerdings erinnert sich sein Neffe Tancredi Falconeri sehr wohl an die andere Seite der Medaille einer aristokratischen Existenz. Tancredi bezieht seine Legitimation aus seiner Zukunftsfähigkeit. Frei von schlechtem Gewissen, verrät er den König, dem er seine Basis verdankt.

Angelicas Attraktivität koinzidiert mit Garibaldis Zukunftsfähigkeit

Tancredi schlägt sich auf die Siegerseite. Er reitet mit Garibaldi und verbindet sich mit der reichen Bürgermeisterstochter Angelica.

Tancredi geht zweimal eine nicht standesgemäße Verbindung ein, um sich im aristokratischen Sattel zu halten.

Tomasi erwägt die Bedeutung des Vertrauensbruchs gegenüber dem König beider Sizilien. Er legt den Schluss nah, dass eine Treue aus Trägheit im Verhältnis zu einem Unfähigen den größeren Verrat, als Verrat an der eigenen Klasse darstellt.

Tomasis Charakterisierungen sind parteiisch und sogar diskriminierend

Tancredis Entscheidung gegen einen schwachen König und für seine noch jugendfeste Herkunft verlängert seine Rechte. Aus dem unbekümmerten Mut ergibt sich die Legitimation. Die Repräsentationskosten übernimmt Angelica als töchterliche Verlängerung eines schlauen Tölpels und priesterschwarz gewandeten Wichts, der es zwar zu Wohlstand, nicht aber zu gesellschaftlicher Bedeutung bringen konnte. Die Bedeutung bringt die Tochter. Sie macht den Kohl fett.

Napoleon III. macht aus der Geburt seines Sohns ein Staatsereignis

Wenige Jahre vor diesem degoutanten Joint Venture unternimmt der auf dem Putschweg Kaiser gewordene, vom Papst nicht anerkannte und deshalb im hohen Maß legitimationsschwache … fahrt nach Frankreich, guckt euch an, wie katholisch dieses Land heute noch ist … Napoleon III. einen vergleichbaren Versuch, einen umstrittenen Herrschaftsanspruch zu legalisieren. Das erzählt

Walburga Hülk in „Der Rausch der Jahre. Als Paris die Moderne erfand“, Hoffmann und Campe, 416 Seiten, 26,-

Napoleon III., die Farce auf dem Thron, sagen die einen, bürgerlich versiert, ein Genie des Friedens, der Macher von Paris, sagen andere, versucht den verweigerten Segen auszugleichen, indem er seinen neugeborenen Sohn zum Beweis eines Gottesgnadentums macht.

Seht her.

Taufpate ist der ewige Papst Pius IX.

Im Subtext steht:

„Eine solche Taufe zählt soviel wie eine Krönung.“
In Wahrheit zeigt der Papst nur die Macht der Kirche, deren Legitimität ein lächerliches halbes Jahrhundert nach der Französischen Revolution außer Frage steht.

Die Restauration zieht überall die Vorhänge vor. Die Kirche sagt durch die Blume päpstlicher Unfehlbarkeit: Der Knabe gehört uns. So degradiert Pius IX. Napoleon III. zum Kasper: indem er einen Säugling über den Vater erhebt. Der Düpierte verwandelt die Herabsetzung in einen Karneval seiner Kaiserwürde. Der wahre Kaiser aber ist der Fortschritt, der sich gerade selbst genug ist, und ganz von allein ausschreitet. Der letzte französische Kaiser dient dem Fortschritt als Quartiermacher. Das wissen sogar die Nachtjacken unter den Brücken der Seine. Wer seinen Arsch nicht schnell genug aus den Feierlinien der Haussmania zieht, wird gesprengt.

Wir reden hier doch über ein Epochenproblem. Napoleon III. hat das gleiche Problem wie der Fürst von Salina. Beide betrachten missmutig ihre brüchige Basis. Napoleon III. steckt in der Legitimationskrise jedes Usurpators, dessen Selbstermächtigungen an Grenzen stoßen.

Der Anspruch auf schrankenlose Macht wird vom leisesten Einspruch (von der geringsten Einschränkung) annulliert. Totalität ist keine Einbahnstraße. Wo sie nur behauptet wird, bringt sie das ganze Haus zum Einsturz.

Das macht Napoleon III. zur historischen Null. Deshalb reüssiert er nicht als Bürgerkaiser. Der Widerspruch zwischen bürgerlich und kaiserlich kassiert alle Verdienste.

Anders der Fürst von Salina. Schon seine Vorfahren hingen gut ab in der Dekadenz eines burlesken Regimes. Ihn formt die retrospektive Melancholie eines an seine Würde geketteten Mittelsmannes zwischen einem toten König und einem lebhaften Volk. Der schlagende Beweis seiner Ohnmacht ist: man kann ihn mit seinem Wissen beklauen, ohne abberufen zu werden.

Auch hier sehen wir wieder einen sich schließenden Kreis.

Niemand vermochte sich effektiver zu bereichern als Angelicas Vater im Amt des Bürgermeisters. Mit Tancredis Ehe ergibt sich eine Kompensation. Das geschickt vermehrte Fürstengeld kommt nun wieder einem fürstlichen Spieler zugute. Tancredi zeigt sich den Abräumern auf der Gegenseite gewachsen. Er geht nicht weniger skrupellos vor als der Bürgermeister. Dem Fürsten von Salina bleibt in der Zwischenzeit nichts anderes übrig als die Wechselfälle seines Schicksals summend zu bedenken. Aus seinem Wissen zieht er kaum einen Nutzen. Natürlich hätte ich lieber rigoros formuliert: zieht er keinen Nutzen. Das wäre falsch. Salina bringt nämlich nicht ohne Geschick seine Leute unter die Haube. Er tut das einzige, was zu tun ihm noch bleibt. Er demissioniert nicht in die Depression. 

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