MenuMENU

zurück zu Main Labor

06.02.2020, Jamal Tuschick

Lebenslänglich Liftboy - Harlem mag ein hartes Pflaster sein, auf dem der Schwarze Mann schon als Knabe kniet, um sich schuhputzend etwas dazu zu verdienen; mit der Aussicht auf einen Aufstieg zum Liftboy. Aber Harlem ist gewiss der einzige New Yorker Schauplatz grandioser Schwarzer Selbstinszenierungen. Nur in Harlem verlieren die Deklassierten vor den Siegen der Bürgerrechtsbewegung ihren Diener*innen-Status. Ann Petry schildert die Ambivalenz von Ghetto & Glamour in dem 1946 erstmals veröffentlichten Roman „The Street“, der nun als Wiederentdeckung gefeiert wird. Petry beschrieb die Wirkungen von Intersektionalität, als man den Begriff noch nicht zur Verfügung hatte. Ihre Heldin Lutie Johnson versucht mit eisernem Fleiß dem vorgezeichneten Elend zu entkommen. Sie verausgabt sich in ihren Bemühungen und geht durch eine Schule der Desillusionierung.

Ghetto Glamour

Die Tochter eines Gewohnheitstrinkers und Schwarzbrenners, der nach dem Tod von Luties Mutter seine geräumige Wohnung raumgreifenden Trinkgenossinnen öffnet, entgeht mit siebzehn den Taubenschlagkalamitäten in eine Ehe. Der kräftige Müßiggänger Jim verkörpert die virile Resignation. Die schlechten Aussichten auf dem Arbeitsmarkt dienen ihm als Ausrede für alles. Er überlässt Lutie die Brot- und die Hausarbeit. Offiziell ist Jim zu stolz, um sich den Spielregeln in einer weißen Welt zu unterwerfen.

Eine italienische Einwanderin macht Lutie klar, dass sich Jim selbst demontiert, indem er jedwede Verantwortung abgibt.

Lutie kommt gar nicht auf die Idee, es sei auch noch etwas anderes möglich, als sich abzurackern. Mit Bravour erfüllt sie die Aufgaben eines Hausmädchens und versäumt dabei das Glück mit ihrem Sohn Bubb.

Ann Petry, „The Street“, Roman aus dem amerikanischen Englisch von Uda Strätling, Nagel & Kimche, 384 Seiten, 24,-

Petry beschreibt den Rassismus in allen Relationen, auch da, wo er kaum der Rede wert zu sein scheint. Die Hausfrau zeigt sich dem Hausmädchen gegenüber aufgeschlossen. Sie verschleiert die Hierarchie so wie man etwas Unschönes abdeckt. Zugleich besteht sie auf subtile Beweise der Unterordnung.

Lutie studiert den familiären Betrieb ihrer Arbeitgeber. Sie adaptiert Aspekte des weißen Lebensstils, zunächst ohne zu erkennen, dass sie so nur ihre Arbeitsbedingungen verschärft. Schließlich begreift Lutie, dass sie von jeder echten Achtung ausgeschlossen bleibt. In der Zwischenzeit geht Jim fremd. Lutie empört sich kurz, dann nimmt sie Bubb mit in eine weiterhin prekäre Selbständigkeit. Sie bezieht eine Art Wohnhöhle, findet Arbeit in einer Wäscherei und qualifiziert sich nach Feierabend.

Lutie hat den Aufstieg vor Augen. Sie will etwas aus sich machen.

Als Objekt der Begierde eines sinistren Hausmeisters namens Jones muss sie mit Nachstellungen rechnen.

Die Misere endet nicht. Sie zeigt sich nur in immer neuen Kostümen. Eine Begünstigte des geilen Schleichers Jones sieht sich von Verdrängung bedroht. Um Lutie auszuschalten, schaltet Min einen Juju-Mann ein. Der Zauberer firmiert als David der Prophet im Theater der Verzweiflung.  

Min trägt das Geld für ihre dritten Zähne zu dem Übersinnlichen in der 140th Street.

Ob David wohl der Richtige für Mins niederträchtige Absichten ist? Dazu bald mehr.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen