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07.02.2020, Jamal Tuschick

Empowerment versus Rechtslage - Nach Hasnain Kazim sollen dem Sagbaren deutlich engere Grenzen gesetzt sein als vom Strafrecht vorgesehen. Der Autor begibt sich sendungsbewusst ins Offene der zivilgesellschaftlichen Aktion mit den Risiken rechtloser Machtausübung. Kazim operiert mit dem Begriff „Abwertung“. Wer andere abwertet, wird geächtet. Fraglich bleibt unter anderem, wer orchestriert die Ächtung? Wem kommt das Recht zu, am Gesetz vorbei, Bürger*innen zu ächten?

Hohepriester des Ächtungsrigorismus

Hasnain Kazim macht kein Hehl aus seiner Entschlossenheit. „Wer andere psychisch angreift oder mit körperlicher Gewalt bedroht, bewegt sich jenseits des Akzeptablen … So jemand braucht Kontra.“

Der „muss spüren, dass Worte Folgen haben, Folgen, die nicht zwangsläufig juristischer Art sein müssen“. Kazim hält es für richtig, „dass ein Mensch wegen solcher Grenzüberschreitungen in den sozialen Medien … gesperrt wird, keine Einladungen mehr erhält, ausgegrenzt wird, seinen Job verliert, eine Geldstrafe zahlen muss oder im Gefängnis landet.“

Die Frage lautet, wer, wenn nicht ein Gericht, stellt so was fest?

Hasnain Kazim, „Auf sie mit Gebrüll! … und mit guten Argumenten. Wie man Pöblern und Populisten Paroli bietet“, Penguin, 206 Seiten, 13,-

Der Autor plädiert für rigorose Ächtung, denn „Ächtung markiert die Grenze zwischen dem Sagbaren und dem Unsagbaren, zwischen anständigem und unanständigem Verhalten (und Reden) … Zu glauben, man müsse Leuten jenseits dieser Grenze entgegenkommen … ist eine Illusion.“

Empowerment versus Rechtslage - Nach Kazim sollen dem Sagbaren deutlich engere Grenzen gesetzt sein als vom Strafrecht vorgesehen. Der Autor begibt sich sendungsbewusst ins Offene der zivilgesellschaftlichen Aktion mit den Risiken rechtloser Machtausübung. Kazim operiert mit dem Begriff „Abwertung“. Wer andere abwertet, wird geächtet. Fraglich bleibt unter anderem, wer orchestriert die Ächtung? Wem kommt das Recht zu, am Gesetz vorbei, Bürger*innen zu ächten?

*

Kazim nimmt seine eigene Biografie zum Beispiel dafür, wie schnell Einwandererkinder Deutsch lernen.

„Bereits nach ein, zwei Jahren kann mit vielen von ihnen Unterhaltungen führen wie mit in Deutschland aufgewachsenen Kindern auch.“

Kazim unterscheidet zwischen konstruktiven und destruktiven Darstellungen mit Lösungspotential. Er rät zur Präzision, so dass kein „Spielraum für Interpretationen“ entstehen kann. Fast im gleichen Atemzug erörtert Kazim Unterschiede, die sich aus dem Kontext einer Aussage ergeben können.

Sagt Kazim: „Das Gejammere vieler Menschen in Deutschland geht mir auf die Nerven“ nimmt er eine andere Wirkung an, als würde die Bundeskanzlerin sich mit dieser Feststellung in die Öffentlichkeit begeben. Also stellt sich doch die Frage, wie interpretationsresistent sich etwas grundsätzlich sagen lässt.

Kazim baut auf anekdotische Evidenz. Er plaudert so vor sich hin, um immer wieder aus den seichten Fangteichen eines Umtriebigen im Kürzlich-traf-ich-Modus hochzuschrecken und an die Decke eines Unbedingt zu gehen.

Es hagelt den Strunz des Selbstverständlichen im Brustton des Bedeutungsvollen.

Als Hohepriester des Ächtungsrigorismus klimpert Kazim mit dem Kleingeld seiner Ansichten und empfiehlt im Zusammenhang mit einer strukturellen Lebensungerechtigkeit:

„Gewöhnt euch dran.“

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Mit „bestimmten Leuten“ will Kazim keinen „gemeinsamen Nenner“. Ich komme darauf zurück. Anbei meine Besprechung des Vorläufertitels.  

In der Post von Karlheinz wird an die Wand gestellt, ausgerottet und angezeigt; als läge wenig zwischen einer Exekution, einem Genozid und einer Gerichtsverhandlung.

Signierter Hass

Inzwischen geben sie ihre Titel und Telefonnummern an. Anwälte und Architekten fürchten keine Statusverluste mehr, wenn ihre Kommentarspaltenexzesse und andere Entladungen der Anonymität ohne Weiteres entzogen werden können. Manche sagen „Kultur“ statt „Rasse“ und „kulturfremd“ statt „rassisch minderwertig“, aber alle meinen das Gleiche, nämlich eine von fremden Einflüssen gefährlich gestörte volksgemeinschaftliche Homogenität, die zu verteidigen als vornehme Aufgabe verstanden wird.

Hasnain Kazim, „Post von Karlheinz: Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte“

Bei der Bestimmung der Grenzen des Sagbaren in den Sprechweisen des Ressentiments steht die Meinungsfreiheit bloß als Popanz auf dem Prüfstand. Die Amme der Demokratie wird strapaziert, um in ihrem Ach und Weh andere Angriffsgeräusche untergehen zu lassen. In Wahrheit schießen Keyboard Warrior nicht auf die Meinungsfreiheit, sondern auf die Unantastbarkeit der menschlichen Würde. Strategisch geht es um Verminderungen der Standards zum Schutz von Minderheiten. Geschliffen werden die Achtungswälle. Angegangen werden Personen, die sich als Repräsentanten von Minderheit im öffentlichen Raum schildern lassen. Die größte Zumutung liegt in der Zuschreibung. Ein deutscher Journalist mit indisch-pakistanischen Eltern gerät so automatisch in die Rolle des Gemeindesprechers ohne Gemeinde. Er muss sich mit Fiktionen auseinandersetzen. Davon berichtet der Journalist Hasnain Kazim in „Post von Karlheinz“.

Nicht seine Kritik (an was oder wen auch immer) erscheint dem Leserpostschreiber als das Übel, sondern die Herkunft des Kritikers. Ein „Ausländer“ soll kein Recht auf eine Stimme im Streit der Deutschen haben. Natürlich ist Kazim kein Ausländer und es gelingt auch keinem „echten Deutschen“ seine Sprecherkompetenz herabzusetzen. Bedenklich ist gleichwohl Kazims Erreichbarkeit für Hass. Längst trennt Kazim kein intellektueller Jägerzaun mehr von seinen Angreifern aus dem Bauch der gesellschaftlichen Mitte als dem neuen rechten Rand.

Zwei Jahre erwies Kazim seinen Kritikern die Ehre humorvoller Repliken. Er übte sich in grotesker Kunst und machte aus dem Dreck der Invektiven ein Fest der Schlagfertigkeit. Kazim erkannte: „Islamisten und Neonazis sind Geschwister im Geiste“

Rechtsextremismus ist Regression – eine infantile Reaktion auf Vielfalt. Das beweist der Satzbau deutscher und türkischer Karlheinzis. Mit Nachdruck reagieren sie auf den semantischen Rückstoß. Ein hohes Aufkommen von Ausrufezeichen zeigt sie an. Ihre Rechtschreibung ist eskapistisch. Es wird an die Wand gestellt, ausgerottet und angezeigt, als läge wenig Bemerkenswertes zwischen einer Exekution, einem Genozid und einer Gerichtsverhandlung. Allerdings glauben nur deutsche Karlheinzis, dass man jeden Muslim ungestraft „Ziegen-“ wahlweise „Kamelficker“ nennen darf.

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