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07.02.2020, Jamal Tuschick

Gestern endete die fortlaufende Besprechung von Ann Petrys wiederentdecktem prä-intersektionalem Millionseller „The Street“ mit der Frage: „Ob David der Richtige für Mins niederträchtige Absichten ist?” Erinnern wir uns gemeinsam. Min bangt um ihren Unterschlupf in den Verließen von Hausmeister Jones. Petry schildert den Mann als einen Ausbund hormonell übersteuerter Widerwärtigkeiten. Jones ist scharf auf Petrys Leitstern Lutie Johnson, einer Single Mom im Ultimatefightmodus um eine bessere Zukunft für sich und ihren Sohn Blubb. Bei David, die Juju-Koryphäe residiert legendär in der 140th Straße, kauft Min magische Verteidigungsmunition, um Luties Leuchtkraft mit einem Bannstrahl der Dunkelheit zu kontern.

Bannstrahl der Dunkelheit

Dass dir einer zuhört und dir seine miserable Aufmerksamkeit „schenkt“; ein kleiner Selbstbetrug am Rand weit größerer Verfehlungen. Du bezahlst natürlich für den interessierten Blick ungefähr in deine Richtung. Noch nie im Leben, soweit deine Erinnerungen, all die vernebelten Ansichten, reichen, hat sich dir einer ganz und gar zugewandt. Ob er dir gewogen war oder eben nicht. Das spielte überhaupt keine Rolle im allgemeinen Desinteresse. Noch nicht mal in der Verachtung war je jemand bereit, dir die Totalität einer eigenständigen Person zuzubilligen.

„Die Zubereitung und die Behandlung machen zehn Dollar.“

Dieser Juju-Joe namens David ist anders. Der sieht dir in die Seele, der nimmt dich ganz auf in seiner Ritualdiagnostik, und dazu gibt es außerdem noch ein grünes Pulver in einer schicken Schachtel.

Mehr hat Min noch nie gekriegt als diesen pulverisierten und schöngefärbt-abgepackten Katzenkot und Mäusescheiß. Damit steigt sie frohgemut in den Bus, zu dumm selbst für eine kleine Palastintrige in ihrer Harlemer Friedenshütte (Denke ich an Büchner in der Nacht/küsst mich die Muse auf Verdacht.)

Ann Petry, „The Street“, Roman aus dem amerikanischen Englisch von Uda Strätling, Nagel & Kimche, 384 Seiten, 24,-

Der Müll hat seinen eigenen, vielstimmigen Gesang. Er ist der Punk von Harlem. Der Schamlosteste als Konkurrent*innen im Wettbewerb um die übelste Tristesse. Im Weiteren rivalisieren „die Müßiggänger mit den Müden“. Die einen haben noch nie gearbeitet und werden es auch nie tun, die anderen putzen Schuhe, verkaufen Lose, bedienen Fahrstühle und putzen weißen Dreck weg.  

Keiner hat eine Chance, doch ist das schon so lange so, dass es auch keinen wundert. Petry beschreibt Innenansichten der Segregation; das psychologische Gerüst der konstitutionellen Zurücksetzung einer gesellschaftlichen Gruppe, die außerhalb ihres Ghettos keine Repräsentanzen bilden kann.

Transkontinentales Desaster

Untereinander hält man sich Ätzspiegel vor. Man treibt die Verachtung an wie ein sprungunwilliges Pferd: auf einem toxischen Parcours. Petry war die erste Autorin, die einen bedrückenden Alltag so beschrieb, dass sich das Dilemma der Mehrfachdiskriminierung im Plural seiner Erscheinungen zu erkennen gab. Vergleicht man den 1946er-Nachkriegsroman „The Street“ mit den auf dem Scheitelpunkt der Gegenwart entstandenen, unter dem Titel „Kollektive Amnesie“ veröffentlichten Gedichten von Koleka Putuma, erkennt man das transkontinentale Desaster in seiner Kontinuität.

Aus der Vorschau: Koleka Putuma beschäftigt sich mit dem Schwarz- und Frau-Sein und taucht dabei unerschrocken in die Geschichte ihres Landes ein. Ihre Gedichte fordern Gerechtigkeit, pochen auf Sichtbarkeit und bieten Heilung. Putuma erforscht in ihnen Konzepte von Autorität – in akademischer Welt, Religion, Politik und Beziehungen –, um zu fragen, was wir gelernt haben und was wir verlernen müssen. „Meine übergroße Schuluniform war ein Sparbuch aus Stoff.“ --- „Neu bedeutete Wohlstand, auch wenn’s nicht wahr war.“ Trauer und Erinnerung, Schmerz und Freude, Sex und Selbstliebe machen „Kollektive Amnesie“ zu einer kraftvollen Würdigung und Offenbarung all dessen, was vergessen und ignoriert worden ist – sowohl in der südafrikanischen Gesellschaft als auch in uns selbst.

„Immer wenn sie uns über unsere Schwarze Kindheit ausfragen, sind sie ausschließlich an unseren Leiden interessiert ...“

Das lyrische Ich memoriert die Matratze seiner Oma, die alle Geschwister, Cousinen und „den Morgengeruch der Nachbarskinder beim Namen“ kannte. Die Matratze avanciert zur Metapher für Genügsamkeit und Lebensfreude aus Gemeinschaftssinn. Das Ich wendet sich gegen ein zentrales Du voller Vorurteile und Protesterwartungen.

Dekolonisation bedeutet nicht nur Protest.

Eingebetteter Medieninhalt

Koleka Putuma, „Kollektive Amnesie“, aus dem Englischen und mit einem Nachwort versehen von Paul-Henri Campbell, Verlag Das Wunderhorn, 202 Seiten, 22,-

Koleka Putuma wurde 1993 im südafrikanischen Port Elizabeth geboren. Im Sturm eroberte die preisgekrönte Dramatikerin und Spoken-Word-Künstlerin die südafrikanische Literaturwelt mit ihrem Lyrik-Debüt Collective Amnesia, das 2017 zum City Press Book of the Year ernannt wurde. 2016 erhielt sie den PEN South Africa Student Writing Prize, 2017 den Rising Star Award bei den Mbokodo Awards und 2018 wurde sie vom Forbes Magazin in die Liste der 30 vielversprechendsten afrikanischen Kreativen unter 30 aufgenommen. Koleka Putuma lebt derzeit in Kapstadt.

Lebenslänglich Liftboy - Harlem mag ein hartes Pflaster sein, auf dem der Schwarze Mann schon als Knabe kniet, um sich schuhputzend etwas dazu zu verdienen; mit der Aussicht auf einen Aufstieg zum Liftboy. Aber Harlem ist gewiss der einzige New Yorker Schauplatz grandioser Schwarzer Selbstinszenierungen. Nur in Harlem verlieren die Deklassierten vor den Siegen der Bürgerrechtsbewegung ihren Diener*innen-Status. Ann Petry schildert die Ambivalenz von Ghetto & Glamour in dem 1946 erstmals veröffentlichten Roman „The Street“, der nun als Wiederentdeckung gefeiert wird. Petry beschrieb die Wirkungen von Intersektionalität, als man den Begriff noch nicht zur Verfügung hatte. Ihre Heldin Lutie Johnson versucht mit eisernem Fleiß dem vorgezeichneten Elend zu entkommen. Sie verausgabt sich in ihren Bemühungen und geht durch eine Schule der Desillusionierung.

Ghetto Glamour - Erste Besprechung zu "The Street"

Die Tochter eines Gewohnheitstrinkers und Schwarzbrenners, der nach dem Tod von Luties Mutter seine geräumige Wohnung raumgreifenden Trinkgenossinnen öffnet, entgeht mit siebzehn den Taubenschlagkalamitäten in eine Ehe. Der kräftige Müßiggänger Jim verkörpert die virile Resignation. Die schlechten Aussichten auf dem Arbeitsmarkt dienen ihm als Ausrede für alles. Er überlässt Lutie die Brot- und die Hausarbeit. Offiziell ist Jim zu stolz, um sich den Spielregeln in einer weißen Welt zu unterwerfen.

Eine italienische Einwanderin macht Lutie klar, dass sich Jim selbst demontiert, indem er jedwede Verantwortung abgibt.

Lutie kommt gar nicht auf die Idee, es sei auch noch etwas anderes möglich, als sich abzurackern. Mit Bravour erfüllt sie die Aufgaben eines Hausmädchens und versäumt dabei das Glück mit ihrem Sohn Bubb.

Petry beschreibt den Rassismus in allen Relationen, auch da, wo er kaum der Rede wert zu sein scheint. Die Hausfrau zeigt sich dem Hausmädchen gegenüber aufgeschlossen. Sie verschleiert die Hierarchie so wie man etwas Unschönes abdeckt. Zugleich besteht sie auf subtile Beweise der Unterordnung.

Lutie studiert den familiären Betrieb ihrer Arbeitgeber. Sie adaptiert Aspekte des weißen Lebensstils, zunächst ohne zu erkennen, dass sie so nur ihre Arbeitsbedingungen verschärft. Schließlich begreift Lutie, dass sie von jeder echten Achtung ausgeschlossen bleibt. In der Zwischenzeit geht Jim fremd. Lutie empört sich kurz, dann nimmt sie Bubb mit in eine weiterhin prekäre Selbständigkeit. Sie bezieht eine Art Wohnhöhle, findet Arbeit in einer Wäscherei und qualifiziert sich nach Feierabend.

Lutie hat den Aufstieg vor Augen. Sie will etwas aus sich machen.

Als Objekt der Begierde eines sinistren Hausmeisters namens Jones muss sie mit Nachstellungen rechnen.

Die Misere endet nicht. Sie zeigt sich nur in immer neuen Kostümen. Eine Begünstigte des geilen Schleichers Jones sieht sich von Verdrängung bedroht. Um Lutie auszuschalten, schaltet Min einen Juju-Mann ein. Der Zauberer firmiert als David der Prophet im Theater der Verzweiflung. 

Min trägt das Geld für ihre dritten Zähne zu dem Übersinnlichen in der 140th Street.

Ob David der Richtige für Mins niederträchtige Absichten ist? 

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