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08.02.2020, Jamal Tuschick

„Lyrik ist der ungleiche Kampf eines einzelnen Gedankens mit der trivialen Welt“. Adam Zagajewski

Mit Şafak Sarıçiçeks neuen Gedichten „Jamsids Spiegelkelch“ im Spiegelsaal des Prager Altstadthotels Josef und im Tschechischen Nationalmuseum. Die antike Woodstock steht im Zentralarchiv des Národní muzeum. Der Neorenaissance-Palast stellt sich als Dominante vor Kopf des Wenzelsplatzes dar. Man sieht aus großen Fenstern den Hauptschauplatz der Tschechischen Revolution.

In Istanbul esse ich meist zuhause, wo es eben hausgemachtes Essen gibt. Geistige Nahrung isst sich zur Zeit hauptsächlich in meiner Bücher-App, in lyrischer Form, mehrheitlich bei den Surrealisten Lateinamerikas, aber einige Tage ging es auch auf Schiffsfahrt mit Yehuda Halevi von Spanien nach Ägypten.

Yehuda Halevi und Adam Zagajewski

Einst schilderte Michel Krüger seinen Freund Adam Zagajewski als einen Mann, „der immer wieder von vorn anfängt … verraten von seiner biologischen Uhr“. - Und dann sitzt er auch noch in der Hauptstadt der DDR fest … zu einer anderen Zeit, „als man noch auf der falschen Seite der Mauer leben konnte“.

Zagajewski sagt über Lyrik: „Sie ist etwas Festliches, obwohl die Sprache so gewöhnlich ist, da wir das Brot mit kaufen.“

„Die Lyrik ist zu stark. Deshalb wird sie vermieden.“

Daran muss ich denken, während ich Gedichte von Sarıçiçek lese. Sie gehören zur Babylonischen Bibliothek, der Baal-Schwur im Opfertempel ist ihnen eingeschrieben.

Die Künstler als junge Männer: Şafak Sarıçiçek und Heiner Müller

Baal-Schwur im Opfertempel

In dem Gedicht „Gerstenkorn und Pauken“ besingt der Dichter die seltenen Erden von Mesopotamien. Er verweist auf den Ursprung der Zivilisation als menschlichem Zustand zwischen Euphrat und Tigris (Dicle).

Şafak Sarıçiçek, „Jamsids Spiegelkelch“, Gedichte, mit Illustrationen von Deniz Sarıçiçek, edition offenes feld, 79 Seiten

Sarıçiçek schildert die Geschichte als „Strickfaden“ und erinnert an „Beschwörungen im Tierfell“.

Das Gedicht lässt sich als Liste von Listen lesen; wie man ursprünglich über den fußläufigen Aasfresser hinaus ging, der seine Fieberträume vor Angst zitternd in den Savannen sang. Wie der Mensch sich erhob und aus der Erde schöpfte. Wie er seinen ersten Mythos als Flammenhüter gewann und sich heraldische Botschaften direkt hinter die Ohren auf die Haut schrieb.

Die Dimension ist episch, der Ton lyrisch. 

Die ganze Zivilisation könnte eine bewahrheitete Einbildung sein.

*

Sarıçiçek erzählt von „obdachlosen Tönen“ in „Konzertträumen“.

Sozialistischer Hyperrealismus

Sarıçiçek betrachtet die Welt vom sozialistischen Anfang. Er ist ein bekennender Dichter, geschult und in die Reihe gestellt von Brecht nicht zuletzt. Mich erinnert Sarıçiçek an den jungen Heiner Müller.

„Aber es hat die Klasse mehr Gesichter / Als immer Stiefel auf der Welt sind und / Das Blut in dem Gesicht des Fallenden / Macht doch die rote Fahne nur sichtbarer!“

Welten liegen zwischen diesem Optimismus und der Einsicht: „Immer noch rasiert Woyzeck seinen Hauptmann. Der Panzerzug der Revolution ist geronnen zu Politik. Woyzeck lebt, wo der Hund begraben liegt. In uns die Hoffnung, dass der Hund als Wolf wiederkehrt.“

Anfang der Fünfziger lebt Müller illegal in Berlin. Am Westen interessieren ihn nur die Filme, in jeder S-Bahnstation gibt es ein Kino. Müller kommt aus der Kleinstadt, da sind „die Ungerechtigkeiten persönlicher“. Er dichtet wie der Weise vom Berg: „Ihr lasst euch gern in euren Flüssen treiben / den sommerlichen, wenn der Himmel brennt. / Im Regen fragt ihr: wie lang wird der bleiben / vergessend: es ist Wasser, das ihr kennt.“

Berlin raucht noch, die Stadt „wird nie ganz in Ordnung kommen“. Halbasiatisch ist sie, eine Membran des Ostens. Eine Insel im Sumpf. Müller genießt seine Entwurzelung.

So streift Sarıçiçek durch Istanbul. Er berichtet im Mainlabor.

Weiter aus dem Briefwechsel

Lieber Jamal, das Istanbuler Wetter ist nunmehr ein winterliches geworden, nach einem sehr langen teils sommerlichen Herbstwinter. Der Himmel heute war klar, mit einem Blau, dass den Dingen scharfe Konturen verleiht. Kein Wind. Lässt er sich aber erblicken, so verleiht diesmal die Kälte den Dingen Konturen, den eigenen Dingen, wie den Händen und dem Gesicht. Also - ganz gutes Wetter. 

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In Istanbul esse ich meist zuhause, wo es eben hausgemachtes Essen gibt. Geistige Nahrung isst sich zur Zeit hauptsächlich in meiner Bücher-App, in lyrischer Form, mehrheitlich bei den Surrealisten Lateinamerikas zur Zeit, aber einige Tage ging es auch auf Schiffsfahrt mit Yehuda Halevi von Spanien nach Ägypten. Also im Ergebnis, in der Küche und wenn man so will, wo es sonnig ist.

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Relativ übersichtlich und geordnet, bei enger Auslegung. Weit ausgelegt aber, also im Kreativen: Die literarische Bleibe wechselt in Sprüngen. Oft bin ich mit Elif Batuman in ‘The Idiot’, zu slawischen Gastgebern unterwegs. In diesem Moment, gerade jetzt, mit Pierre Reverdy, im Straßenzirkus und cinematisch-seriell mit dem wunderbaren, verzauberten ‘Carnivàle’ on ‘The Road to Damascus’.

Ist die Liebe vor Ort?

Verliebte Augen sollte ich nur für Justitia haben, für die nächste Zeit. Ansonsten ist die Liebe im eigentlichen Sinne immer vor Ort, wenn man sich ihr öffnet. Da man sie, ein Binsenspruch, stets in sich trägt. Die Liebe ist immer vor Ort, weil das Gute und das Schöne und das Glauben daran in dem Menschen immer schwerer wiegt. Gehen wir da mit Nazım Hikmet!

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