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09.02.2020, Jamal Tuschick

„The Street“ - Früh begegnet dem Leser Mrs. Hedges als allwissende Altbewohnerin jenes abgerockten Miethauses, in dem die taffe Single Mom Lutie Johnson mit ihrem Blubb den Abschied von der Vorstellung feiert, ein braver Mann könne hilfreich sein.

Allwissende Altbewohnerin

Schwachköpfe kehren auch aus Niederlagen ruhmvoll heim. Michel de Montaigne.  

Mrs. Hedges verblüht wie eine Zimmerpflanze auf der Fensterbank. Unwillkürlich zählt man die Bordellwirtin zu den Miesen im Stück, auch wenn Ann Petry verdächtig lange von allem Aufschlussreichen absieht. Schließlich gibt sie zu, dass Mrs. Hedges dem Olymp von Harlem angehört. Diese Geschichte in der Geschichte geht so:

Vor langer Zeit kam ein gewaltiges Baby in Georgia zur Welt. Sein Anblick rief, wenn nicht Angst, Abscheu und Argwohn, dann doch wenigstens Unbehagen hervor. Die Hypertrophie mündete in einer gewaltigen Masse – einem monströsen Muskelstrotz von solcher Ungeheuerlichkeit, dass alle Weißen das Weite suchten, sobald Mrs. Hedges in Erscheinung trat. Das bewog die arme Frau, sich im Verborgen breit zu machen und das Tageslicht zu meiden. Sie migrierte aus ihrem Dorf im Süden nach Harlem in New York und existierte da in einem Flur, den sie nur verließ, um nachts Mülltonnen abzuklappern.

Ein weiblicher Herkules in Lumpen

Eines Nachts begegnet sie einem Weißen, der ihre Domäne mit größerem Geschick beackert und sie zu einer Kooperation einlädt. Dieser Allianz magischer Persönlichkeiten scheint die Sonne des Glücks. Man expandiert und steigt ins Immobiliengeschäft ein. Man steigt auf, bleibt aber bescheiden bei aller Gerissenheit.

Man nimmt von den Armen. Gern hält sich Mrs. Hedges schadlos an nutzlosen Männern, die als Freier in die Fliegenpatschenpresse ihres supervisionären Überblicks geraten.

Sie macht Lutie Vorschläge, in denen der gesunde Menschenverstand überkocht. Doch Petrys Heldin balanciert auf einer phantastischen Ideallinie. Jede Ernüchterung wird dafür abgemahnt, dass sie Lutie heimgesucht hat. Wie manche Helden in den Romanen von Joseph Conrad folgt Lutie ihrem Traum. Hoffnungsschwanger betritt sie eines Abends die Lobby des Casinos. Es riecht nach „Bohnerwachs, Alkohol und Parfum.“ 

Harlem-Hai

Petry zitiert die Hauptsätze einer Gastronomie-Stimmung: wenn der Betrieb allmählich in Gang kommt und die Vorbereitungshandlungen noch einen beinah privaten Charakter haben.

Lutie nimmt das Spiel der Verfolger (im Geist der Bühnentechnik) in sich auf. Auf der sinnlos illuminierten Bühne probt die Band.

Was vorher geschah

Lutie hat das Interesse eines Harlem-Hais der 116th Straße geschärft. Nicht, dass Boots Smith sich in Lutie verlieben könnte, dazu ist er zu abgebrüht. Aber er kann ihr doch nützlich sein, da Luties Beine sich in seinem Kopf überkreuzen.

Jeder glaubt, er sei dem anderen über.

Boots will nur „mit der guten alten Bandmasche“ eine Kneipensirene aufgerissen haben. Lutie möchte lediglich das Potential des liquiden Hipsters für ihre Zwecke nutzen.

Boots is the Cool. Man muss „The Street“ lesen, um zu begreifen, wo die Ikonografie der Popkultur ihren tristen Ursprung hat. Ein gesellschaftlich deklassiertes Publikum behauptet sich auf Außenbahnen, die sich in der Retrospektive als Horchposten der Zukunft darstellen.

„I Am The Cool“ – Screamin‘ Jay Hawkins

Ghetto Glamour 

Lebenslänglich Liftboy - Harlem mag ein hartes Pflaster sein, auf dem der Schwarze Mann schon als Knabe kniet, um sich schuhputzend etwas dazu zu verdienen; mit der Aussicht auf einen Aufstieg zum Liftboy. Aber Harlem ist gewiss der einzige New Yorker Schauplatz grandioser Schwarzer Selbstinszenierungen. Nur in Harlem verlieren die Deklassierten vor den Siegen der Bürgerrechtsbewegung ihren Diener*innen-Status. Ann Petry schildert die Ambivalenz von Ghetto & Glamour in dem 1946 erstmals veröffentlichten Roman „The Street“, der nun als Wiederentdeckung gefeiert wird. Petry beschrieb die Wirkungen von Intersektionalität, als man den Begriff noch nicht zur Verfügung hatte. Ihre Heldin Lutie Johnson versucht mit eisernem Fleiß dem vorgezeichneten Elend zu entkommen. Sie verausgabt sich in ihren Bemühungen und geht durch eine Schule der Desillusionierung.   

Die Tochter eines Gewohnheitstrinkers und Schwarzbrenners, der nach dem Tod von Luties Mutter seine geräumige Wohnung raumgreifenden Trinkgenossinnen öffnet, entgeht mit siebzehn den Taubenschlagkalamitäten in eine Ehe. Der kräftige Müßiggänger Jim verkörpert die virile Resignation. Die schlechten Aussichten auf dem Arbeitsmarkt dienen ihm als Ausrede für alles. Er überlässt Lutie die Brot- und die Hausarbeit. Offiziell ist Jim zu stolz, um sich den Spielregeln in einer weißen Welt zu unterwerfen.

Eine italienische Einwanderin macht Lutie klar, dass sich Jim selbst demontiert, indem er jedwede Verantwortung abgibt.

Lutie kommt gar nicht auf die Idee, es sei auch noch etwas anderes möglich, als sich abzurackern. Mit Bravour erfüllt sie die Aufgaben eines Hausmädchens und versäumt dabei das Glück mit ihrem Sohn Bubb.

Petry beschreibt den Rassismus in allen Relationen, auch da, wo er kaum der Rede wert zu sein scheint. Die Hausfrau zeigt sich dem Hausmädchen gegenüber aufgeschlossen. Sie verschleiert die Hierarchie so wie man etwas Unschönes abdeckt. Zugleich besteht sie auf subtile Beweise der Unterordnung.

Lutie studiert den familiären Betrieb ihrer Arbeitgeber. Sie adaptiert Aspekte des weißen Lebensstils, zunächst ohne zu erkennen, dass sie so nur ihre Arbeitsbedingungen verschärft. Schließlich begreift Lutie, dass sie von jeder echten Achtung ausgeschlossen bleibt. In der Zwischenzeit geht Jim fremd. Lutie empört sich kurz, dann nimmt sie Bubb mit in eine weiterhin prekäre Selbständigkeit. Sie bezieht eine Art Wohnhöhle, findet Arbeit in einer Wäscherei und qualifiziert sich nach Feierabend.

Lutie hat den Aufstieg vor Augen. Sie will etwas aus sich machen.

Als Objekt der Begierde eines sinistren Hausmeisters namens Jones muss sie mit Nachstellungen rechnen.

Die Misere endet nicht. Sie zeigt sich nur in immer neuen Kostümen. Eine Begünstigte des geilen Schleichers Jones sieht sich von Verdrängung bedroht. Um Lutie auszuschalten, schaltet Min einen Juju-Mann ein. Der Zauberer firmiert als David der Prophet im Theater der Verzweiflung. 

Min trägt das Geld für ihre dritten Zähne zu dem Übersinnlichen in der 140th Street.

Ob David der Richtige für Mins niederträchtige Absichten ist? 

Bannstrahl der Dunkelheit

Gestern endete die fortlaufende Besprechung von Ann Petrys wiederentdecktem prä-intersektionalem Millionseller „The Street“ mit der Frage: „Ob David der Richtige für Mins niederträchtige Absichten ist?” Erinnern wir uns gemeinsam. Min bangt um ihren Unterschlupf in den Verließen von Hausmeister Jones. Petry schildert den Mann als einen Ausbund hormonell übersteuerter Widerwärtigkeiten. Jones ist scharf auf Petrys Leitstern Lutie Johnson, einer Single Mom im Ultimatefightmodus um eine bessere Zukunft für sich und ihren Sohn Blubb. Bei David, die Juju-Koryphäe residiert legendär in der 140th Straße, kauft Min magische Verteidigungsmunition, um Luties Leuchtkraft mit einem Bannstrahl der Dunkelheit zu kontern.   

Dass dir einer zuhört und dir seine miserable Aufmerksamkeit „schenkt“; ein kleiner Selbstbetrug am Rand weit größerer Verfehlungen. Du bezahlst natürlich für den interessierten Blick ungefähr in deine Richtung. Noch nie im Leben, soweit deine Erinnerungen (all die vernebelten Ansichten) reichen, hat sich dir einer ganz und gar zugewandt. Ob er dir gewogen war oder eben nicht. Das spielte überhaupt keine Rolle im allgemeinen Desinteresse. Noch nicht mal in der Verachtung war je jemand bereit, dir die Totalität einer eigenständigen Person zuzubilligen.

„Die Zubereitung und die Behandlung machen zehn Dollar.“

Dieser Juju-Joe namens David ist anders. Der sieht dir in die Seele, der nimmt dich ganz auf in seiner Ritualdiagnostik, und dazu gibt es außerdem noch ein grünes Pulver in einer schicken Schachtel.

Mehr hat Min noch nie gekriegt als diesen pulverisierten und schöngefärbt-abgepackten Katzenkot und Mäusescheiß. Damit steigt sie frohgemut in den Bus, zu dumm selbst für eine kleine Palastintrige in ihrer Harlemer Friedenshütte (Denke ich an Büchner in der Nacht/küsst mich die Muse auf Verdacht.)

Der Müll hat seinen eigenen, vielstimmigen Gesang. Er ist der Punk von Harlem. Der Schamlosteste als Konkurrent*innen im Wettbewerb um die übelste Tristesse. Im Weiteren rivalisieren „die Müßiggänger mit den Müden“. Die einen haben noch nie gearbeitet und werden es auch nie tun, die anderen putzen Schuhe, verkaufen Lose, bedienen Fahrstühle und putzen weißen Dreck weg.

Keiner hat eine Chance, doch ist das schon so lange so, dass es auch keinen wundert. Petry beschreibt Innenansichten der Segregation; das psychologische Gerüst der konstitutionellen Zurücksetzung einer gesellschaftlichen Gruppe, die außerhalb ihres Ghettos keine Repräsentanzen bilden kann.

Transkontinentales Desaster

Untereinander hält man sich Ätzspiegel vor. Man treibt die Verachtung an wie ein sprungunwilliges Pferd: auf einem toxischen Parcours. Petry war die erste Autorin, die einen bedrückenden Alltag so beschrieb, dass sich das Dilemma der Mehrfachdiskriminierung im Plural seiner Erscheinungen zu erkennen gab. Vergleicht man den 1946er-Nachkriegsroman „The Street“ mit den auf dem Scheitelpunkt der Gegenwart entstandenen, unter dem Titel „Kollektive Amnesie“ veröffentlichten Gedichten von Koleka Putuma, erkennt man das transkontinentale Desaster in seiner Kontinuität. 

Eingebetteter Medieninhalt

Die Schwierigkeiten nehmen zu und die Widerstandskraft erlahmt. Das Schicksal erscheint wie ein Zocker mit manikürten Nägeln als Generaldementi Schwarzer Not. Nicht mit mir. So heißt offensichtlich die Losung eines Freiers, der Lutie am Tresen der Quartierskaschemme von der Verlegenheit befreit, selbst für ihre Zeche aufzukommen.

Ann Petry, „The Street“, Roman aus dem amerikanischen Englisch von Uda Strätling, Nagel & Kimche, 384 Seiten, 24,-

Boots Smith zeigt sich resolut, er beherrscht das Morsealphabet allein (im Glanz überwältigender Anziehungskraft) trinkender Frauen.

Ich hab was weggelassen, weil ich dachte, es geht auch so. Aber nein, so geht es nicht. Lutie trifft Boots als Kneipensirene. Singend lockte sie das Männchen. Es kam an wie eine „auf ihre Beute fixierte“ Katze und wählte seine Worte so automatisch wie bedacht.

Boots macht Lutie ein Angebot, während sie sich selbst auszählt.

Sie hat verloren. Ihr Kampf ist zu Ende. Sie unterschreibt die Kapitulationsurkunde, indem sie Boots' Avancen signiert.

Wie gar nicht so selten, wenn eine Niederlage endgültig ist, stellt sie sich als vermeintlicher Triumph (oder vorsichtiger formuliert: als Verbesserung) ein/dar.

„Für die Dame ein Bier“, sagt Boots. Er verfügt bereits über Luties Stellung in der Bar.

Boots macht seine Ansagen.

„Sein Gesicht (ist) derb, abgebrüht, skrupellos.“

Ein Schnitt skarifiziert ihn nach den Regeln von nur über meine Leiche. Lutie angelt sich das Scarface von der 116th Straße. Sie weiß, was sie erwartet. Boots ist härter als Beton und so elastisch wie der Solist einer Bauchtanztruppe. Aber das Ghetto weiß: Besser so einen. Man will doch nur im Schatten eines Ego-Kolossal überleben. Um mehr geht es gar nicht.

Je ausgeschlafener der Wolf, um so sicher schläft man selbst.

Petry erzählt das so, dass man sich fühlt wie im Kino. Man hat die Filme alle schon gesehen, sie sind aber nicht nur zeitlich nach dem Roman gedreht worden. Die Autorin dekonstruiert den Harlem Mythos in der Hochglanzversion, um eine Hades-Harlem-Dimension mythisch einzuführen. In Boots' Gegenwart erkennt Lutie deutlicher als je zuvor den Ramsch, der sie umgibt. Die Läden halten Tinnef im Vorrat.

„Auf den Gemüseständen (liegen) Berge von verschrumpelten Orangen … welkem Kohl … der ganze Ausschuss – Fallobst, fleckiges, faulendes Gemüse.“

Vom Discount ausgenommen sind allein junge Körper. Endlich akzeptiert Lutie den Währungscharakter ihrer Attraktivität. Sie ist so reizend, dass ein Mann mit Möglichkeiten sich die Mühe macht, so zu tun, als wäre er bereit, sich für sie beinah ein Bein auszureißen.

*

Boots lädt Lucie zu einer Spritztour ein. Die gebürtige New Yorkerin sieht zum ersten Mal seit Jahren etwas anderes als die Blüten des Asphalt Dschungels. Boots fragt: „Was kennst du denn so für Songs?“

„Die üblichen. Night and Day …“

Wikipedia weiß: „Night and Day ist ein Song von Cole Porter aus dem Jahre 1932 aus dem Musical Gay Divorce. Die am 29. November 1932 erstmals aufgeführte Ballade wurde noch im gleichen Jahr zum Nummer-Eins-Hit und hat sich in den 1940er Jahren zum Jazzstandard entwickelt.“

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