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09.02.2020, Jamal Tuschick

Als seine Mutter an den Tropf der Bedürftigkeit geschlossen wurde, hatte er keine Zeit für proaktives Mitleid. Vom Gewissen gebissen, leidet der Erzähler nun um so mehr an seinem Vater, dessen herausforderndes Wesen das Alter nicht mildert. Der Alte ist ein an Parkinson erkranktes Raubein. Der Dampf des Draufgängers kondensiert zwar zum moribunden Greisenschweiß, doch bleibt ein Wille, der dem Himmel trotzt, und sei es mit der blauen Apothekenfee Viagra als Amme.

Vom Gewissen gebissen

Dickichtperspektive

Der knorrig-knurrige und manchmal auch wehleidige Witwer rechnet von jeher mit einer Komplizenschaft, die nie bestand. Der von dem wüsten Vater abgestoßene Sohn verweigerte den Pakt der Männer im Haus gegen die Mutter und Schwester sowie allen anderen Eindringlingen (in der Dickichtperspektive des alten Mannes, dem es schwer fällt zu begreifen, dass er keinen Kumpel gezeugt hat, sondern einen Beobachter seines verschwiegenen Seins).

David Albahari, „Heute ist Mittwoch“, aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann, Schöffling & Co, 200 Seiten, 22,-

In „Heute ist Mittwoch“ zieht David Albahari Artefakte aus einem verschlickten Untergrund. Er erzählt von einer überspülten Welt, die als farbenfroher Eurokommunismus beinah unabhängig von der UdSSR vielen einst vorbildlich erschien. Von der festlichen Wahrnehmung Jugoslawiens ist nichts übriggeblieben.

Von der Festigkeit des Vaters auch nicht. „Wie ein verheulter Clown“ sieht er aus, wenn er sich auf die Suche nach seiner verlorenen Autorität begibt. Die Kernfamilie rückt unter sozialem Beschuss zusammen. Die Schwester des Erzählers übernimmt nach ihrer Scheidung Aufgaben der verstorbenen Mutter.

Ab und zu lässt der Alte die Sau raus und erzählt von seinen Verbrechen als Scherge, der Federbetten mit dem Bajonett attackierte, obwohl kein Zweifel an der Unschuld der Heimgesuchten bestand.

Es wurde „exemplarisch erschossen“; nach der schwarzpädagogischen Devise: Erschieße drei und erziehe dreitausend.

Solche verheerenden Eingriffe in die Welt wirken wie ein Fluch, der den Hinfälligen allmählich außer sich geraten lässt.

Heiner Müller schreibt: „Welches Grab schützt mich vor meiner Jugend.“

Das Leben hat kaum noch etwas für den Vater übrig. Er fühlt sich ausgesetzt und von den Kuren des Sohnes keineswegs getröstet. Er war nicht nur Täter, auch ihm wurde zugesetzt. Man hat ihn erniedrigt, so wie er mit furiosem Sadismus andere in den Staub zwang.

Das ist die Quintessenz in Albaharis Roman: Die vollbrachten und die erlittenen Gemeinheiten bewirkten nichts außer Stumpfheit. Eine Katharsis fand nicht statt, jede Klärung blieb aus. Noch finsterer aber ist, dass der Erzähler die blinde Bösartigkeit des Vaters wie einen alten Motor unter neuem Blech weiterlaufen lässt. Die väterliche Niedertracht ist übergelaufen.  

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