MenuMENU

zurück zu Main Labor

09.02.2020, Jamal Tuschick

In der Retrospektive erscheint die niedersächsisch-ländliche Kindheit wie für ein anderes Leben gemacht. „Langweilig“ nennt die Aktivistin ihren geografisch-sozialen „Hintergrund“. Im Kontext des Erzählten erscheint langweilig als Synonym für idyllisch.

Grüne Kindheit

Carola Rackete repräsentiert den Mix aus Protest und Politik im Fridays for Future-Stil. Sie sagt: „De facto gäbe es ohne NGOs wie Sea-Watch keine richtige Seenotrettung im Mittelmeer. Wir übernehmen, was die Staaten unterlassen, weil es an ihrem Wirtschaftssystem rüttelt.“ Rackete verweigert sich grundsätzlich einer überkommenen Aushandlungspraxis. Sie geht auf Konfrontationskurs. Sie sagt: „Es ist Zeit zu handeln.“ In ihren Aufruf „Handeln statt Hoffen“ erzählt sie von einer Kindheit im Celler Umland.

„Schon früh war ich gerne in der Natur.“

Von jeher sympathisiert Carola Rackete mit der stadtabgewandten Seite des Lebens. Die Lage ihres Elternhauses ist für ein naturwüchsiges Heranwachsen ideal. Einen großen Garten begrenzt der Waldrand. Jahrzehnte später bewirbt sich Rackete bei einem europäischen Freiwilligendienst um eine Hilfstätigkeit im Bystrinsky Naturpark: einem von Gebirgszügen dominierten Naturschutzgebiet mit UNESCO Welterbe-Status auf der russischen Halbinsel Kamtschatka.

Die Aktivistin erinnert Mücken als Plage. Sie schlägt Holz, repariert Unterkünfte. Das Gelände ist so unwegsam, dass ein Aktionsteam drei Tage braucht, um siebzig Kilometer zu bewältigen. Rackete begegnet Ewenen (Foto), die auf die ursprünglichste Weise in einer kaum kultivierten Landschaft bestehen.

Versäumnis und Versagen – Carola Rackete erkennt in dem Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Klimakrise eine moralische, Katharsis anmahnende Krise des Westens. Angesichts der katastrophalen Auswirkungen unseres Lebensstils ist es höchste Zeit, die anglosphärische Leitidee „von der unerschöpflichen Natur“ aufzugeben.

Die polyglotte Naturschutzmanagerin und Nautikerin war an Polarexpeditionen beteiligt. Sie lenkte einen deutschen und einen britischen Eisbrecher und fuhr auf dem Greenpeace-Forschungs- und Kampagnenschiff „Arctic Sunrise“. Als Verantwortliche auf der „Sea-Watch 3“ traf Carola Rackete eine weltweit diskutierte Entscheidung. Sie setzte sich über ein Verbot des italienischen Innenministeriums hinweg, indem sie ihr Schiff mit vierzig aus dem Mittelmeer geretteten Geflüchteten an Bord (und einundzwanzig Crewmitgliedern) in den Hafen von Lampedusa steuerte.

Die letzte Generation

Rackete erklärt: „Wir sind vielleicht die letzte Generation“, die den Klimakollaps verhindern kann. „Wir müssen den Überkonsum von Ressourcen beenden und der globalen Ungerechtigkeit … etwas entgegensetzen.“

Carola Rackete, „Handeln statt Hoffen. Aufruf an die letzte Generation“, Droemer Knaur, 170 Seiten, 16,-

Die weltweit diskutierte Situation an Bord der Sea-Watch beschreibt Rackete als verkleinertes Abbild einer transkontinentalen Schieflage.

Sechzehn Tage bittet Rackete alle möglichen Anlaufstellen vergeblich um die Erlaubnis, einen Hafen der Europäischen Gemeinschaft anlaufen zu dürfen. Die Kapitänin schildert, wie die Bojen der Hoffnung sich von ihren Ankern lösen und davontreiben. Es ist glühend heiß an Bord, die Geborgenen sind „entkräftigt und mutlos“.

Jeder Notfall könnte nun tödlich verlaufen. Die Küstenlinie von Lampedusa schimmert wie ein Schmucksaum.  

Während die Sea-Watch 3 in einer bürokratischen Quarantäne liegt, gelangen bei Geisterlandungen dreihundert Migrant*innen auf Lampedusa an Land. Es gibt sogar ein amtliches Procedere für die illegalen Landungen. Die Erhebungen erfolgen unter dem Schirm einer gewissen Diskretion. Die Sea-Watch 3 ist aber zum Politikum geworden. Deshalb bleiben die in der Mehrzahl „durch Gewaltanwendung in (libyschen) Lagern“ traumatisierten Passagiere weiter unversorgt.

„Keinem Europäer, keiner Europäerin würden unsere Regierungen das zumuten.“

„Es ist Rassismus, nichts anderes.“

„Wir schwitzen hier, weil andere, die in klimatisierten Büros sitzen, die Entscheidung treffen, nichts zu tun.“

Alle sind dermaßen am Ende, dass man sogar die als Galionsfiguren eingeflogenen Parlamentarier*innen an Deck Wache schieben lässt.

Rackete befürchtet Selbstmordversuche und andere Verzweiflungstaten. Bei einer Aktion vor Malta im Januar 2019 war ein Mann ins Wasser gesprungen, mit der Idee schwimmend an Land zu kommen. Er musste noch einmal gerettet werden.

Ein Gebot der Humanität

Am siebzehnten Tag wechselt die Kapitänin den Modus und geht in die Offensive.

„Ich bin ruhig und konzentriert.“

Das Zollboot kreuzt vor der Sea-Watch 3, diesem Pflegefall von einem Kahn. Die Vereitlung des Anlegemanövers misslingt.

„Das ganze Drama der Flüchtlingspolitik … auf einer 50 Quadratmeter großen Bühne.“

Bald nach der empowerten Einfahrt in den Hafen meldet die Tagesschau:

Die Flüchtlinge waren Mitte Juni aus einem Schlauchboot vor der Küste Libyens gerettet worden. Die deutsche Kapitänin Carola Rackete sei von der italienischen Polizei verhaftet worden, so ein Sprecher. „Wir sind nicht erleichtert, wir sind wütend“, sagte Rackete einer Mitteilung zufolge. „Diese Landung hätte vor mehr als zwei Wochen stattfinden sollen, und sie hätte von den Behörden koordiniert statt behindert werden sollen.“

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen