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10.02.2020, Jamal Tuschick

Unerschrockene Moderne

Manchmal verdient auch Pressearbeit eine besondere Würdigung. Die Kollegin Sabine Schaub schickte so brillantes Material, dass ich es ganz einfach nicht bei zwei schnöden Hinweisen auf eine gewiss hervorragende Veranstaltung belassen kann. Lauter Kleinode der noch unerschrockenen Moderne bieten sich einer Besichtigung an. Heute präsentiert das Mainlabor mit großem Dank für einen unerwarteten Gewinn eine Geschichte von Robert Walser in Begleitung von Erinnerungen an Herwarth Waldens Sturm, der im wilhelminischen Deutschland in einem ganz und gar anti-wilhelminischen Geist alle Felder der Kultur bespielte. Es grüßt der Blaue Reiter und mit ihm Wassily Kandinsky und Franz Marc. 

Franz Marc - Der Turm der blauen Pferde

Stellen Sie sich vor: Franz Hessel flaniert am Landwehrkanal bis zum Potsdamer Platz, Robert Walser arbeitet in der Galerie Paul Cassirers, Rilke schwärmt für Henry van de Velde, Irmgard Keuns "kunstseidenes Mädchen" sitzt im Café Josty und aus dem VOX-Haus an der Potsdamer Straße tönen die neuen Couplets der "goldenen Zwanziger Jahre". Tilla Durieux und Paul Cassirer, Marie von Bunsen, Herwarth und Nell Walden, Harry Graf Kessler, Walther Rathenau und Gerhart Hauptmann - sie alle waren im alten Berliner Tiergartenviertel zwischen 1900 und 1933 zu Hause.

Und sie alle kommen in einer Veranstaltung am 21. Februar ab 18 Uhr in der Matthäus-Kirche am Matthäikirchplatz (10785 Berlin-Tiergarten) noch einmal zu Wort.

Die verschwundene Stadt  (Teil 2) - Rekonstruktion des alten Tiergartenviertels 1900 und 1933 - Mit den Studierenden der HfS Ernst Busch Luise Hart, Dominik Hartz, Aurelius Thoss, Alina Weinert und in der Regie von Kerstin Hensel

Paul Cassirer, gesehen von Leopold von Kalckreuth 1912 (c) Stadtmuseum Berlin

Villa Gilka (c) Stadtmuseum Berlin – Das Herrenhaus war eine Ruine, als sich da die „Sturm“-Galerie (als Erweiterung der von Herwarth Walden herausgegebenen Zeitschrift „Der Sturm“) etablierte. Im März 1912 fand die erste Ausstellung statt. Titel: „Der Blaue Reiter. Franz Flaum. Oskar Kokoschka. Expressionisten.“ Gezeigt wurden Werke von A. Bloch, H. Braque, D. Burljuk, W. Burljuk, H. Campendonk, R. Delaunay, A. Derain, R. Dufy, E. Epstein, F. Flaum, O. Friesz, P. P. Girieud, N. Gontscharowa, Herbin, E. Kahler, W. Kandinsky, E. L. Kirchner, O. Kokoschka, A. Macke, F. Marc, G. Münter, M. Pechstein, H. Rousseau, M. de Vlaminck.

Die kleine Berlinerin (1909) von Robert Walser

Berlin ist die schönste, bildungsreichste Stadt der Welt. Ich wäre abscheulich, wenn ich hiervon nicht felsenfest überzeugt wäre. Lebt nicht hier der Kaiser? Würde er hier zu wohnen nötig haben, wenn es ihm hier nicht am besten gefiele?

Der Tiergarten ist herrlich. Ich und Papa wohnen im vornehmsten Viertel. Viertel, die still, peinlich sauber und von einer gewissen Älte sind, sind vornehm. Das ganz Neue? Ich möchte nicht in einem ganz neuen Haus wohnen. Am Neuen ist stets irgend etwas nicht ganz in Ordnung.

Man sieht fast gar keine armen Leute, z. B. Arbeiter, in unserer Gegend, wo die Häuser ihre Gärten haben. Es wohnen Fabrikbesitzer, Bankiers und reiche Leute, deren Beruf der Reichtum ist, in unserer Nähe. Nun, da muß also Papa zum mindesten sehr wohlhabend sein.

Papa unterstützt die Kunst und die Künstler. Es ist Handel, was er treibt. Er kauft und verkauft Gemälde. Es hängen sehr schöne Gemälde in unserer Wohnung.

Die Sache mit Vaters Geschäften, glaube ich, ist so: die Künstler verstehen in der Regel nichts von Geschäften, oder sie dürfen aus irgendwelchen Gründen nichts davon verstehen. Oder es ist so: die Welt ist groß und kaltherzig. Die Welt denkt nie an die Existenz von Künstlern. Da tritt nun mein Vater auf, der Weltmanieren besitzt und allerhand bedeutungsreiche Beziehungen hat, und macht diese im Grund vielleicht ganz kunstunbedürftige Welt auf die Kunst und auf die Künstler, die darben, auf schickliche und kluge Art aufmerksam. Papa verachtet oft seine Käufer. Aber er verachtet oft auch die Künstler. Es kommt da ganz darauf an.

Unser Berlin platzt bald überhaupt von Neuheit. Vater sagt, alles historisch Denkwürdige werde hier verschwinden, das alte Berlin kenne kein Mensch mehr. Berlin ist allen übrigen deutschen Städten eben einmal voran, in allen Dingen. Es ist die sauberste, modernste Stadt der Welt. Wer sagt das? Nun, natürlich Papa. Wie gut er eigentlich ist. Ja, ich kann viel von ihm lernen.

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