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10.02.2020, Jamal Tuschick

Es fällt einem nicht sofort auf. Das arrondierende Auge überfliegt ein Colorado der Vers-Reliefe – verwitterter Formationen – schicker Gipfelkreuze – illuminierter Nischen. Doch dann versteht man: Koleka Putumas Gedichte haben den Charakter eines Fundorts von der Art wie ruhender Tagebau (auch als geologisches Tagebuch) zum Schauplatz von erdgeschichtlichen, archäologischen und trivialen Sensationen werden kann. Die Gedichte begründen eine

Ästhetik des Widerstands

Wie ein Grand Canyon für den Hausgebrauch liegt der aufgelassene Steinbruch in der Savanne. Manche Becken sind vollgelaufen, andere bieten sich einem Studium der Erosion an. Man findet genauso gut eine abgelatschte Sohle wie einen superb versteinerten prähistorischen Farnwedel oder eine um 1800 von ihrer Maschine abgesprengte Schraube. Soweit weg von Koleka Putumas Kollektion postkolonialer-Artefakte lande ich am Fallschirm der Evokation. Ich lasse die Seide liegen und kehre zum Ausgangspunkt zurück. Da klärt Koleka Putumas ihre Existenz in einem poetischen Aufstand.

Unterwerfungsplural

Das Weiße zwingt „uns“ auf die Knie. Der Unterwerfungsplural ist Schwarz, das Sakrale weiß. Koleka Putuma verhandelt die Usurpation der Seelen und Körper im Kontext des Kolonialismus in „Growing Up Black & Christian“ als An- und Absage.  

In immer neuen lyrischen Anläufen beschreibt sie einen von Rissen durchzogenen Alltag. Putuma schildert die Manifestationen einer unterbrochenen Kultur. Sie fahndet nach den Anschlüssen. Sie sucht und verspricht Heilung.  

Koleka Putuma, „Kollektive Amnesie“, aus dem Englischen und mit einem Nachwort versehen von Paul-Henri Campbell, Verlag Das Wunderhorn, 202 Seiten, 22,-

„Immer wenn sie uns über unsere Schwarze Kindheit ausfragen, sind sie ausschließlich an unseren Leiden interessiert ...“

Das lyrische Ich memoriert die Matratze seiner Oma, die alle Geschwister, Cousinen und „den Morgengeruch der Nachbarskinder beim Namen“ kannte. Die Matratze avanciert zur Metapher für Genügsamkeit und Lebensfreude aus Gemeinschaftssinn. Das Ich wendet sich gegen ein zentrales Du voller Vorurteile und Protesterwartungen.

Gospel & Gefängnis

Das Wort ist gleichzeitig Frohe Botschaft und Karzer in „Kein Ostersonntag für Queere“. Die poetische Instanz erwähnt den „zurückgestellten Traum/ (einer) Pastorentochter, die eine Muslima liebt“.

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