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11.02.2020, Jamal Tuschick

#EliltaMesmer #MeToo #blackfeminism #intersectionality #feminismus #boomerbeat #socialjusticewarrior #WomenEmpowerment

Mutter und Tochter - Lula Gherezghiher, Elilta Mesmer

„Steingebet“ heißt der erste Roman von Elilta Mesmer, der im Mainlabor in Fortsetzungen vorab erscheint. Das Debüt handelt von Flucht und Vertreibung. Es erzählt von Unrecht und Widerstand. Eliltas Mutter spielt eine tragende Rolle im eritreischen Freiheitskampf. Sie ist die Witwe eines Ermordeten. Eliltas Vater stand für die Unabhängigkeit seines Landes ein und zahlte den höchsten Preis.

Trotzdem erlebt Elilta eine unbeschwerte Zeit. Sie ist gern draußen. Zum Spielzeug wird alles, was die Natur bietet. Die kleine Städterin schließt ihren ersten Pakt mit der zukünftigen Dorfjugend, während sich Segen distanziert. Die jüngere Schwester gibt einer häuslichen Lebensweise den Vorzug: ganz aus eigenem Antrieb. Was Elilta wenigstens manchmal paradiesisch erscheint, ist für Segen als Spielplatz viel zu dreckig.

Persönliches Pech

Jonas ist schon älter, ungefähr zwölf. Trotzdem will er mit uns spielen. Ich verstehe seine Motivation nicht. Alle haben Respekt vor Jonas. Er ist ein Entscheider. Was gespielt wird und wer mit wem in einem Team ist, bestimmt er; nur eben normalerweise in der Altersklasse über mir und meiner Schwester Segen.

Doch heute dreht er ein großes Rad, und wir in die Wildnis versprengten Stadtkinder sind mit von der Partie. Jonas befiehlt auch da, wo er mit seinen Ratschlägen besonders großzügig erscheint.

Wir sollen ihm genau zuschauen. Gespannt achte ich auf jedes Detail. Jonas läuft zum Brunnen, steigt auf den Steinrand und überspringt das Rund der Öffnung. Mir stockt der Atem.

„Jetzt springt ihr“, befiehlt Jonas.

Keiner will, alle wissen, dass das gefährlich ist. So gefährlich wie verboten.

Jonas verlangt eine kollektive Überschreitung. Er hat zwar die Macht, aber nicht das Recht von uns etwas zu verlangen, dass alle Eltern drakonisch missbilligen müssen

Zum ersten Mal erlebe ich mich in einem Widerspruch zwischen den Forderungen des Anführers einer Kinderkohorte und den Anweisungen der Erwachsenen.

Mein kleiner Cousin kapituliert vor den Erwartungen des Bewunderten. Er will die Nachahmungsprise einstreichen. Ich halte ihn zurück; wir zerren aneinander.

Ich drohe dem Jüngeren mit der Virtuosität einer Aufsicht führenden Person im Zustand der Überforderung.

Jonas verlacht das Minidrama. Es vollzieht sich gleichermaßen in seinem Triumphschatten und auf seinem Territorium. Sein kleiner Fan schmollt. Ein anderes Spiel beginnt.  

Der Brunnen ist vergessen. Nicht für den Kleinen. In einem Moment meiner nachlassenden Achtsamkeit reißt er sich los, erstürmt freudig-furios das Mauerwerk und stürzt im Sprung ab.

Es gibt Textaugenblicke, in denen sich der Tempopräsens verbietet und die narrative Logik sich der historischen Wahrheit anschließt.  

Ich will mich nicht schildern, wie ich schrie. Meine Verzweiflung war voller Angst. Das Schuldgefühl traf mich wie ein Schaufelhieb. Sofort begriff ich auf einer fast schon abstrakten Ebene die Totalität der Ungerechtigkeit. Jonas hatte meinen Cousin angestiftet, aber ich trug die Schuld ganz allein. Das musste mir niemand erklären. Ich war ein Mädchen, das ein Kind verloren hatte. Das lag auf einer Linie mit einer unberechtigten Schwangerschaft, nur, dass es viel schlimmer war. Mein Vater war ermordet worden, meine einst strahlende Mutter stand kurz dafür, als Bettlerin wahrgenommen zu werden, und ich hatte mit meinem persönlichen Pech den Stamm um einen männlichen Nachkommen gebracht. Ich war gezeichnet und verflucht.  

Dann kamen die Erwachsenen, aufgescheucht vom Geschrei einer unterschwellig schon wütenden Gemeinschaft. In der Kolossalklage spielte die Zugehörigkeitsfrage bereits eine große Rolle. 

Ein Mann wird ermordet. Ein Leben endet vor jedem Anfang. Das sind die katastrophalen Koordinaten in Elilta Mesmers Roman „Steingebet“. Im Zentrum der Ereignisse steht eine eritreische Familie. In ihrer Heimat leidet sie unter äthiopischer Herrschaft. Mihret, die Mutter der Erzählerin Elilta, arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule in Asmara. Zugleich leitet sie eine Widerstandszelle der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF). Sie erlitt die Ermordung ihres Ehemannes und - als Schockfolge - den Verlust eines ungeborenen Kindes. Nach einer Denunziation muss Mihret Hals über Kopf untertauchen. Sie lässt ihre schlafenden Kinder zurück und bittet eine Fremde, dafür zu sorgen, dass die Töchter einen Weg in den Untergrund finden. Wiedervereint mit den Töchtern flieht sie unter schwierigsten Bedingungen außer Landes. Bedroht wird sie nicht nur von den Besatzern, sondern auch von eigenen Landsleuten. Ihr Status als allein reisende Frau macht sie angreifbar.  Die Flucht endet in Ludwigsburg. Die Auswirkungen der traumatischen Erlebnisse prägen die familiäre Situation und werden transgenerationell weitergegeben an die in Deutschland geborenen Nachkommen. Die Familie begegnet sich in bedingungsloser Liebe und dem Glauben an Gott. Das Gute schützt nicht vor dem Bösen. Elilta lebt am Saum eines Abgrunds, der Tod ist immer nah - ein fußkranker, von seinem Rudel abgesprengter Schakal, der hinterher humpelt und die Erzählerin nie aus den Augen verliert.

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