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12.02.2020, Jamal Tuschick

Lieber Jamal Tuschick, Ihr Blick auf „Satans Spielfeld“ fasziniert mich. Es ist erstaunlich, dass dieses weibliche Prisma bisher noch kaum thematisiert wurde. Dabei nimmt die Verkümmerung des Körpers einen ganz wesentlichen Raum im Buch ein. Herzlich Ute Cohen

Der Erscheinungstermin wurde vorgezogen.

Liebe Frau Cohen, ich setze Ihr kleines Stück morgen auf den Blog und hoffe, dass wir im Gespräch intensiv bleiben. Zurzeit ist das mein Lieblingspunkt: Andrés Hybris rasiert sich selbst in Prozessen, die traumhafte Bilder abwerfen. Sobald mir neue Fragen einfallen, stelle ich sie Ihnen. Mit bestem Gruß Jamal Tuschick

Vom Sie zum du auf der Ideallinie eines gemeinsamen Interesses

Reality sometimes exceeds fiction. Während sich Eva Illouz noch an der Vereinnahmung der Romantik durch den Kapitalismus abarbeitet, sind die Protagonisten in POOR DOGS auf ihre hündische Natur zurückgeworfen.

Seit Wochen sind wir im Gespräch. Wir haben beide schon, jeder für sich in seinem Haushalt, alles stehen und liegen gelassen, manchmal brummte der Staubsauger einfach weiter, weil es dringend wurde und unbedingt nötig war, sich einmal wieder ins Wort zu fallen oder wenigstens zu ergänzen. Inzwischen sind wir beim du. Hals über Kopf haben wir uns in einen Streit verliebt, indem Ute Cohen den Feminismus kritisiert, den ich verteidige.

Delinquente Arroganz und delirierende Selbstsucht

Wie wir uns auch drehen, es geht stets um Cohens Werk. Wie viele wissen, debütierte die Autorin mit der autobiografischen Missbrauchsgeschichte „Satans Spielfeld“. In „Poor Dogs“, ihrem zweiten Roman, schildert Cohen einen Machtbesessenen, an dem sie kein gutes Haar lässt. Wieder sehe ich mich in der Rolle des Verteidigers einer Romanfigur, die als reale Person ihr nogo-Hashtag bekäme, aber doch nicht als Modeerscheinung in einem kreativen Prozess.  

Cohen wütet gegen ihre eigene Kreatur; eine Göttin, die zu missbilligen beliebt. Hier eine Probe mit Schmackes:

„Wer weder die Welt der Unternehmensberatungen noch die Finanzwelt kennt, mag POOR DOGS als grenzgängerisch empfinden, als Ausgeburt einer wahnwitzigen Autorin, die den Kapitalismus aufs Korn nimmt. Die Wahrheit aber ist: Reality sometimes exceeds fiction. Während sich Eva Illouz noch an der Vereinnahmung der Romantik durch den Kapitalismus abarbeitet, sind die Protagonisten in POOR DOGS auf ihre hündische Natur zurückgeworfen: Friss oder stirb, leck mich oder krepier, die Kehle zeigen oder die Gurgel durchbeißen. Romantik ist längst Teil eines Systems, in dem es nur noch um Unterwerfung und Dominanz geht. Macht ist der Schlüssel zum Handeln aller Figuren; der Kapitalismus gibt den Handlungsrahmen vor, reduziert sich auf Matrizen, die alle Figuren erfassen, umklammern, hin- und herrücken wie Spielfiguren. Sieger in diesem tödlichen Spiel ist derjenige, der die Matrix beherrscht und es schafft, sich von einem namenlosen Fragezeichen zum Star aufzuschwingen, der Cashcows für sich instrumentalisiert und der vor allem nicht in die Ecke der Elenden, der Poor Dogs abdriftet. Die permanente Angst, zur Spielfigur degradiert zu werden, einer ungreifbaren Macht ausgesetzt zu sein, führt dazu, dass Liebe nur noch als Tool, als Hilfsmittel für einen bestimmten Zweck begriffen wird. Der Zweck kann sexuelle Lusterfüllung sein, gesellschaftlicher Aufstieg, Befriedigung einer neurotischen Kontrollsucht oder – ganz biologistisch gesehen – Fortpflanzung und Erhalt der als überlegen geglaubten Spezies. Super, hyper, ultra, mega – POOR DOGS ist eine Biographie der Größenwahnsinnigen.“

Dazu bald mehr.

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