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12.02.2020, Jamal Tuschick

So wie die Architekten der Azteken keine profanen Ziele verfolgten, folglich auf das Gemeinwohl nichts gaben, in ihren Sakralbauten aber das höchste Niveau des Epochenwissens erreichten, so verschwendet und erhält sich Isabelle Eberhardt nach einer Ökonomie, die Georges Bataille dem Sinn nach vor-pietistisch nennt.

Die Architekten der Azteken

Isabelle Eberhardt, Georges Bataille

Die Bosheit der Brüder

Eingebetteter Medieninhalt

Isabelle Eberhardt unterhält Freundschaften zu Personen, die sie für einen Mann halten. So unerkannt feiert sie durchwachte Wüstennächte unter einem mit Ewigkeit prahlenden Himmel als Messen höchster Wahrhaftigkeit. Eberhardt vertieft sich in den mystischen Islam und in das Journal der Brüder Goncourt. In ihr arbeitet der Widerspruch zwischen sich verzehrenden und unternehmenden Kräften. Sie synchronisiert die Bosheit der Brüder Goncourt mit dem Bruderschaftspathos geheimreligiöser Zirkel. So wie die Architekten der Azteken keine profanen Ziele verfolgten, folglich auf das Gemeinwohl nichts gaben, in ihren Sakralbauten aber das höchste Niveau des Epochenwissens erreichten, so verschwendet und erhält sich Eberhardt nach einer Ökonomie, die Georges Bataille vor-pietistisch nennt.

Bataille konstatiert den Leistungsstand der Azteken auf den Terrassen ihrer Opferhandlungen. Er unterscheidet Verschwendung von Verlust; eine Merkwürdigkeit, über die das protestantische Denken hinweggeht. Man führte Kriege, um der Sonne möglichst viele Gefangene weihen zu können. Vielleicht erklärt das, warum sich die ursprünglichen Amerikaner von europäischen Usurpatoren überrumpeln ließen.

Bataille schreibt: „Eine militärische Gesellschaft ist eine unternehmende Gesellschaft“ im Gegensatz zu der kultisch sich verzehrenden Gemeinschaft. Er streift den „Pietismus des frühen Islam“. Mohammed habe der vorislamisch-individuellen Ruhmsucht Disziplinbegriffe mit allen von Foucault beschriebenen Wirkungen eingegeben. Das prophetische System geißelte den Verschwender, der vorher als „unverträglich wilder Krieger“ (Bataille) der Stammesdichtung zu ihrem heroischen Immergrün verholfen hatte.

Nebenbei. Die gegenwärtig allseits angemahnte postheroische Aushandlungsattitüde, die Söder zur hinterlistigen Nachahmung Habecks veranlasst, zeigt den Ministerpräsidenten als puritanischen Meistermineur. Mohammed organisierte mit der Frömmigkeit seiner Gefolgschaft eine Mechanisierung ihrer Gemüter (Bataille). Widerstand leistete die Poesie vorübergehend gegenkulturell im Untergrund.

„Erst nach der unaufhaltsamen Eroberungswelle des frommen Heeres wurde die poetische Tradition (mit gedrechselter Verhöhnung und umständlichen Beleidigungen des Feindes) wiederaufgenommen.“ 

Der Sieger braucht die Strenge nicht, ohne die ein Anwärter nicht auskommt.

Bataille: „Der Islam ist … nicht Verzehrung, sondern (funktioniert) wie der Kapitalismus (als) Akkumulation der verfügbaren Kräfte.“

Er erlahmt in unangefochtenen Grenzen.

An einer anderen Stelle erklärt Bataille, dass die fränkische „Ritterreligion“ und ihre Poesie arabischen Einflüssen unterlag. Die Troubadoure folgten der andalusischen Minne. Achthundert Jahre später taucht dann Isabelle Eberhardt im Maghreb auf und betreibt „vor dem Einschlafen“ religiöse Gewissenserforschung. Sie erlebt ihr Glaubensglück als Illumination. Gleichzeitig trägt sie sich mit den seidenen Erwartungen einer Debütantin. Sie schickt ihre Kurzgeschichten herum, bemerkt den „wohltuenden Einfluss des Journal des Goncourt“ und betont die seelische Vertrautheit mit ihrem Mann Slimène.

Eberhardt hält sich spirituell für äußerst ergiebig:

„Gott hat einige fruchtbare Samen in meine Seele gepflanzt.“

Sie glaubt, dass „die Flamme ihrer Intelligenz“ von der Liebe zum Islam „entzündet“ wurde. Überall entdeckt sie Zeichen der Prädestination.

Ab und zu erinnert sich die Wahrheitssucherin an komfortable Stunden in ihrer europäischen Vergangenheit.

Sie sucht den Tod in Erwartung des Todes ihres Liebsten.

Eberhardt verweigert sich das Recht auf einen größeren Zeitvorrat. Im August 1901 ist schon alles furchtbar gedrängt; jeder Versuch, dem Leben eine neue Wendung zu geben, erscheint als „Verbrechen“.

Eberhardt spitzt ihre Lage zu.

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