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13.02.2020, Jamal Tuschick

Absturzbereit im existenzialistischen Furor

Weiter aus dem Gespräch mit Ute Cohen. Offen bis zur Absturzbereitschaft und angefeuert von existenzialistischem Furor äußert sich die Autorin im Mainlabor zu ihrem Werk und darüberhinaus. Wir zitieren aus einem schriftlichen Schlagabtausch, der sich über Wochen hinzog. 

Liebe Frau Cohen, sind Sie eine politische Autorin?

„Unsere Gesellschaft ist brutal! Houellebecq packt‘s in Frankreich an, ich hier…“ Auch Thomas Wörtche hat den Romaninhalt passend beschrieben: „Eine Hölle mit blauem Himmel“

Der Begriff „Poor Dogs“, also eine wirtschaftliche Bezeichnung für ein negatives Marktwachstum mit einem relativ geringen Marktanteil, ist Namenspate des neuen Romans von Ute Cohen. Ein Buch, das fordert, provoziert, ekelt und unterhält. Diese Welt, die sich dem Leser nun eröffnet, ist eine Mischung aus „The Wolf of Wall Street“, „Die Firma“ und „American Psycho“. Es sind Menschen, die hier in den Vordergrund rücken, die den Bodenkontakt verloren und jegliche Grenzen überschritten haben. Die ethischen und gesellschaftlichen Grundsätze gelten nicht für diese Charaktere. Jegliche Moral wird hier außer Kraft gesetzt. Was sind das für Menschen, die mit riesigen Geldsummen jonglieren? Menschen, die meinen Macht zu besitzen und diese in allen Facetten missbrauchen. Ihre Welt wird immer kleiner und auch die Globalisierung schrumpft. Die Länder als Spielfeld der erhobenen Spitzenklasse einer Gesellschaft, der man hier schwer Sympathie entgegenbringt.

Ich erinnere hier noch einmal an Ute Cohens Romandebüt Satans Spielfeld. Darin schildert die Erzählerin den fortgesetzten Missbrauch eines Mädchens irgendwo in Bayern auf dem Land. Der Täter, ein Minimogul, strotzt vor Selbstbewusstsein.

Bauleitner ist Bauunternehmer, ein Durchstecher und Vorteilnehmer. Seine Ehe-Inge findet keine Gnade mehr in den Augen des Kleinstadt-Tycoons. Die Verzweifelte konkurriert mit ihren Töchtern und deren besten Freundin Marie um Fragilitätsvorsprünge. Herausgemeißelte Schlüsselbeine, zurecht gehungerte Taille … Inge kauft sich Mädchenkleider. Wir sind in den obszönen Siebzigerjahren, Rolf Dieter Brinkmanns sexistischer Roman „Keiner weiß mehr“ ist ein Bestsellererfolg. Die Feinschmecker warten auf eine würdige Neuübersetzung von Vladimir Nabokovs „Lolita“. Steht ein Genie auf Zwölfjährige, dann gehört das zur Genialität. Siehe Roman Polanski. Alle sehen den neusten Woody Allen und identifizieren sich mit Allens Großstadtneurotikern. Den Vogel ab schießt David Hamilton. Das Markenzeichen des perversen Briten ist die Pädophilie im Weichzeichner. Auch darauf steigen viele ein. Hamilton formuliert ein Ideal. Seine Ikonografie der pubertierenden Elfe liefert Ute Cohens Roman „Satans Spielfeld“ die Folie. Der Minimogul will seine eigene Bilitis. Wikipedia sagt „Bilitis ist ein Film … (von Hamilton) nach Gedichten von Pierre Louÿs.“ Bauleitner vergleicht Marie mit der Titelheldin. Er fotografiert das Mädchen in der Waschküche. Er animiert sie mit einschlägigen Fotos. „Siehst du, Mädchen lassen sich gerne fotografieren. Das ist Kunst. Du darfst es aber nicht erzählen.“

Das Grauenhafte vollzieht sich im unwahren „Einverständnis“ des Opfers. Marie kommt den Erwartungen des Täters entgegen. Sie wähnt sich auf einem Hochseil der Freiwilligkeit. 

Weiter aus dem Gespräch mit Ute Cohen. Sie schreibt: „Eine Attrappe hat er sich erschaffen, sagen Sie, wohl wahr! Marie wird zu einer diabolischen Schöpfung Bauleitners im Laufe des Romans. Eine Automatenpuppe ist sie, entseelt durch Schmerz und Ohnmacht. „Satans Spielfeld“ ist ein „Nachtstück“, bewegt sich wie E.T.A. Hoffmanns Texte auf der dunklen Seite des Mondes. Marie oszilliert zwischen Olimpia, Lolita und Gretchen. Olimpia ist sie, Attrappe, seelenloser Automat; und doch vereinnahmt gerade diese Gefühlsleere den Täter. Was Wunder, ist er doch der Schöpfer dieses untoten Mädchens! Wie aber sieht es aus mit Lolita, lieber Herr Tuschick, dieser Seelenschwester, die wir nur durch das manipulative Prisma eines Humbert Humbert kennen? Wie sieht es aus mit diesem armen Gretchen, mit Gretchens güldener Kette, mit ihrer Perlenschnur aus Tränen?“ 

Ich antworte: „Liebe Frau Cohen, Nabokov geht den Weg des Woody Allen in die Tonne und an den Pranger der Geschichte. Es gibt kein Zurück. Wir marschieren alle gemeinsam in eine Richtung, die männliche Selbstherrlichkeit auch da verurteilt, wo sie angeblich mit weiblicher Komplizenschaft und Lust hochgefahren wurde.  Empfindungen sind schwächer als Parolen. Die Natur setzt sich in den Parolen durch, nicht im Empfindungsspektrum. Da reicht das Natürliche nur bis zur Delinquenz. Der Trotz, mit dem manche lange Celiné und Jünger gegen Pc-Argumente verteidigt haben, ist genauso aufgebraucht wie der Snobismus in der Nabokov-Verehrung, der sich in der Verstiegenheit erschöpft, der Missbrauch sei so gut geschrieben (nicht beschrieben). Sie werden niemanden mehr finden, der das sagt. Der Punkt ist: es gibt kein Einverständnis mit der eigenen Hin- und Abrichtung. Alles, was in dieser Richtung auf der Identifikation-mit-dem-Aggressor-Schiene aufploppt, gehört zum Stockholm Syndrom.“

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