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14.02.2020, Jamal Tuschick

Ute Cohen und ich reden weiter über ihr Werk und das Leben. Zurzeit sind wir mit Cohens jüngstem Roman „Poor Dogs“ vollauf beschäftigt.

Omnipotenzchiffre

Die Autorin reagiert vehement, eher noch unbegreiflich heftig auf meinen Vergleich ihres Helden André mit Tom Wolfes Masters of the Universe. Sie haut mir den Master in einer Entgegnung um die Ohren. Der Begriff wurde von Wolfe in „Fegefeuer der Eitelkeiten“ literarisiert, neu konnotiert und international etabliert. Irgendwo erzählt Wolfe, wie die Omnipotenzchiffre zu ihm kam. Sie begegnete ihm in einem Kinderzimmer. Master of the Universe bezeichnet eine Spielzeugfigur. In Wolfes Roman übernehmen Wertpapierhändler die Produktbezeichnung. Mit Ironie verdecken sie ihre Hybris. Sie wollen nicht, dass du merkst, wie ernst sie es meinen.

The man of the moment/toast of the town: Das ist jener von Bruce Willis sehr ordentlich gespielte Journalist Peter Fallow, der dem Ex-Master of the Universe Sherman McCoy (Tom Hanks) heimleuchtet, bis er als Honk in New York herumschlappt.  

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Aus einer Ankündigung

André und Eva arbeiten für eine Unternehmensberatung und alles scheint ihnen möglich zu sein. Liebe und Leben wird nach Business-Modellen ausgerichtet. In der Welt ihres Hardcore-Kapitalismus ist alles auf Nutzenmaximierung ausgerichtet. Sie leben und handeln immer mit dem Gedanken an die Gewinnmaximierung. Auch im Privaten. Liebe ist nur ein Begriff und die Beziehungen und die Ehe sind Modelle der sexuellen Grundversorgung. Die Figuren handeln kühl, berechnend und immer nur mit dem eigenen Vorteil im Blick. Politisches und sozial korrektes Handeln verdrängen sie immer mehr. Es sind teilweise Männer, die Frauen als sich wehrende oder als sich fügende Wesen einordnen. Macht-, Business- und Sexspiele als Droge und als Mittel zum Weg an die Spitze. Gier, Belästigung und Machtmissbrauch sind an der Tagesordnung. Sie sind auf der Suche nach einer Vision für das neue Jahrtausend und alles wirkt für sie grenzenlos. Doch der Absturz folgt, nicht nur mit der Finanzkrise.

Ich schreibe:

André tritt auf als des „Vaters Rache und der Mutter Hoffnung“. Er ist mathematisch begabt und orientalisch belesen. Nach seinen Begriffen sind die Deutschen untertänig und die Franzosen genügsam.

So formuliert sich ein Charakter im Roman. André schwankt. Mal ist die Welt der reine Aberglaube, dann wieder eine reine Rechenaufgabe. Ihn zwingt der Aufsteigerehrgeiz, den Willen über die Tatsachen zu stellen.

André rockt die Realität nach seinen Begriffen, und begreift nicht, dass er sich außerhalb des Systems befinden müsste, um aus der Rolle eines Unterworfenen schlüpfen zu können.

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Die Spieler*innen treffen sich in Hotels, hypen ihren Status, täuschen Geschäftstätigkeit vor, um Spesen zu rechtfertigen, und sind mit diesem Programm Lichtjahre von jedem Master of the Universe-Horizont entfernt.

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Ute Cohen reagiert vehement, eher noch unbegreiflich heftig auf meinen Master of the Universe-Vergleich. Sie haut ihn mir in einer Entgegnung um die Ohren. Der Begriff wurde von Tom Wolfe in „Fegefeuer der Eitelkeiten“ literarisiert. Irgendwo erzählt Wolfe, wie die Omnipotenzchiffre zu ihm kam. Sie begegnete ihm in einem Kinderzimmer. Master of the Universe bezeichnet eine Spielzeugfigur. In Wolfes Roman übernehmen Wertpapierhändler die Produktbezeichnung. Mit Ironie überspielen sie ihre Hybris. Sie sind die Herren des Universums. Sie greifen Staaten an, stürzen Gesellschaften ins Elend und soweit sie zu den Besten gehören, ziehen sie sich zurück, bevor sie vierzig sind.

In meiner Jugend, die sich Jahrzehnte hinzog, war Frankfurt voller Mini-Master. Sie rollten auf Skateboards zum Dienst, im Anzug. Vor den Windfängen tauschten sie die Sportschuhe gegen englische Handarbeit.

Distinktion erwarb man mit einer extrem degoutanten Attitüde. Man kam nach der Arbeit so frisch wie nach der Sunday-Post-Run-Shower in eine verkommene Bahnhofsviertelkaschemme und unterhielt sich in der Gesellschaft äußerst armer Zeitgenoss*innen über Londoner Schuhmachermeister und den Schneider der Stunde Yohji Yamamoto.

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Man trainierte im Fitnessclub des Interconti. Das war reiner Snobismus, aber auch dafür gab es eine Tarnadresse. Man begründete die Entscheidung mit dem Arbeitsargument, im Interconti könne man zu jeder Tages- und Nachtzeit aufs Laufband. Erscheinen die Papiertiger in Wolfes Roman (in ihrer Vermessenheit) bereits lächerlich bis zur Kenntlichkeit der narzisstischen Überschüsse, so wurden sie von meinen Freunden in den Sektoren der Scheinbedeutung weit übertroffen. Die unabweisbare Lächerlichkeit im Geleit eines regressiven Aktionismus lief schon unter der Überschrift: Alles, was du brauchst, ist eine Story. Ich möchte noch hinzufügen, dass diese hohlen Typen unglaublich sexy wirkten. Dazu bald mehr.

Ute Cohen geht in die Vollen:

„‘Master of the Universe‘ ist der Strippenzieher im System, einer, der nicht nach unten treten, aber auch nicht nach oben buckeln muss, der Game Changer, der den Spielregeln nicht folgt, sondern sie setzt. Der Master of the Universe ist Macht an sich. (Anmerkung der Redaktion: Bei Wolfe ist der Master oft he Universe ein pubertärer Witz.) Davon ist André Quantensprünge entfernt, ja, aber kann man von einem Systemabkömmling verlangen, dass er den Ast, auf dem er sitzt, absägt, dass er das System in die Luft jagt und Alternativen erschafft? Wohl kaum. Wir unterschätzen allzu oft die Konditionierung, weil wir den freien Willen abgöttisch lieben und verehren, dabei aber die Wirklichkeit ausblenden. Wir bewegen uns in unserem endkapitalistischen Gesellschaftssystem wie Pavlov’s Dogs. Das Wasser läuft uns im Mund zusammen, wenn allein das Glöckchen ertönt, das uns die Erfüllung unserer Wünsche verheißt. Wir sind näher dran an Skinner und seinem Behaviorismus, als wir glauben. Augen auf! Was wäre, wenn menschliches Verhalten in erster Linie gelernte Reaktionen auf Umweltreize wären? Was wäre, wenn die inneren Prozesse in einer immer schneller sich drehenden Welt nicht mehr in Gang gesetzt werden können? Was wäre, wenn sie die Protagonisten abtöten ­aus zeit- und aufmerksamkeitsökonomischen Gründen? Dann breiten sich Andrés aus, vervielfältigen und klonen sich selbst. Das wäre der Sieg über die Arbeiter und die Produzenten; die nächste Stufe zum Schöpfergott in einem untergehenden Abendland wäre erklommen. Habe ich Sympathie mit diesen Figuren? Nein, ich betrachte sie wie Laborratten, wohl wissend, dass es kein Entkommen gibt.“

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