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15.02.2020, Jamal Tuschick

Seit Wochen liegen wir uns schriftlich in den Armen. Ute Cohens zwischen zwei galaktischen Romanpolen pulsierender Erzählweltraum ist für uns zum Lieblingskosmos geworden. Wir haben unser eigenes All, in dem wir herumschießen können, wie wir Bock haben. Wir genießen die Schwerelosigkeit in einem artifiziellen Außerhalb des verzweifelt Leiblichen.

Verzweifelt leiblich

Natürlich widerspreche ich Ute Cohen, wenn sie Anstalten macht, Gewalt zu feiern. Es ist aber auch Chronistenpflicht, ihrem Standpunkt einen Platz im Gespräch anzubieten:

„Gewalt – ein Faszinosum! Vergessen wir nicht, dass sich hinter roher, körperlicher Gewalt, subtiler psychischer Gewalt und rücksichtsloser Zwangsausübung auch etwas Mächtiges, Großes und Eindrucksvolles verbirgt. Gewalt kommt zwittrig daher, stößt ab oder zieht unweigerlich in den Bann. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich bin als Kind vergewaltigt worden. Mein Roman „Satans Spielfeld“ lotet diese schillernden Seiten der Gewalt aus, die Vereinnahmung und Bannung jenseits von Täter- und Opferrollen.“

Aus der Ankündigung

Andre´, ein sephardischer Jude aus Frankreich, und Eva, eine Katholikin aus Bayern, lernen sich in einer amerikanischen Unternehmensberatung kennen. In einer Welt scheinbar grenzenloser Mo¨glichkeiten verlieren beide den Boden unter den Füßen. André managt Leben und Liebe nach Business-Modellen. Eva ist zerrissen zwischen Selbstbestimmung und Liebe.

„Poor Dogs“ ist ein triefend böser Roman, der in sich eine Spannung aufbaut, die eine überspitzte, aber leider wohl auch realistische Welt aufzeigt. Es sind Figuren, die jegliche Grundlage der Menschlichkeit aus den Augen verlieren und alles nach Portfolio-Analysen und weiteren Business-Modellen ausrichten. Der Text hat etwas, im wahrsten Sinne des Wortes, Cooles und ist stets kurz, einfach und ohne weitere Erläuterung gehalten. Somit baut sich langsam eine Handlung und, wenn überhaupt möglich, ein Bezug zu den Charakteren auf. Es ist kein Wohlfühlbuch und man hadert mit den Charakteren. Daher fällt das Lesen ab und zu schwer, aber es ist auch schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen, weil man gefesselt wird und sich dem Ganzen irgendwie nicht entziehen kann und mag.

Weiter im Gespräch mit Ute Cohen. Die Autorin führt aus:

„Gewalt ist deutbar. Gewalt zu deuten und umzudeuten kann das Überleben garantieren (zum Garanten später; den Deutungsgaranten lass ich mir nicht nehmen!). Als Betroffene, als Gebannte schärft man den Blick, feilt an einem Prisma, das Gewalt in ihrer Ästhetik erkennt. Das Unerträgliche abzuspalten, gelingt nur durch die Erschaffung von Bildern und Parallelwelten, die eine ganz eigene Schönheit entfalten. Schmerz, Wunden, Narben werden verfremdet und in ihrer brüchigen, fragilen und doch titanenen Beschaffenheit erkannt. Das reale Geschehen verblasst dagegen. Nach dem GewaltAKT wird man handlungsfähig, gestärkt durch diese zweite Welt der Ästhetik und Poesie. Denn was – um Himmels willen! – schenkt uns sonst die Kraft, zu überleben, wenn nicht Schönheit, Kunst und Poesie? Dazu mehr, eines Tages, ein Essay vielleicht zur „Poesie der Gewalt“.

Nun weiß ich nicht mehr, wer das Stück geschrieben hat:

„Der in der Gewaltpresse geformte Körper verleibt sich die Zwittrigkeit ein: Er erscheint geschwächt und zugleich abgehärtet. Der Auslöschung nah, begegnet er der Welt mit Furchtlosigkeit. Was kann ihm noch passieren, was nicht schon geschehen ist? In POOR DOGS bietet sich da der Katharsis ein Kissen: Evas Körper, geschwächt, ausgezehrt, abgenutzt (Wovon? Doch von der Gewalt der Mutterschaft?), erfährt, was Evas Psyche längst weiß: Leben bedeutet Survival of the Fittest. So wie sie im Business schmerzlos handelte, muss sie auch als Frau vorgehen: André muss mit allen Mitteln zurückerobert werden, koste es, was es wolle. Der Heilungsprozess, die Rückverwandlung eines mütterlichen Körpers aber braucht Zeit, die Eva – zunächst – nicht vergönnt ist.“

Ute Cohen reagiert auf eine beiläufige Bemerkung. Meines Erachtens garantiert André Evas Lebensbeat. In einer Lesart junger Eifersucht wirkt André beinah böse, jedenfalls haltlos egomanisch. Ich sehe aber deutlich, in welchem Ausmaß ihn seine Mutter steuert und als ihre Potenz einsetzt. Sie kontrolliert André und hält ihn unter einem Schirm, den Eva nicht penetrieren kann. Auch deshalb nicht, weil sie den Schirm gar nicht wahrnimmt und sich auch nicht ausreichend kultiviert hat. 

In der übergeordneten Betrachtung entspricht André, ungeachtet seiner Fremdgängerei und den beruflichen Abenteuern, dem Einstellungsprofil. Er bewegt sich in seinem Rahmen. Wieder widerspricht Ute Cohen in ihrer Zustimmung meiner Analyse:

„André, der Garant, der Sicherheit gewährt und nimmt? Ja. Ein Pakt aus verbotenem Ehrgeiz und Lethargie? Ja. Allerdings erschöpft sich die Konstellation darin nicht: Garant und Garantienehmerin sind schließlich einen Deal eingegangen, und in diesem geht es um mehr als Sicherheit. Es geht um Profit – Liebes- und Gewinnmaximierung! Dealbreaker sind Evas Unfähigkeit, sich dem patriarchalen System unterzuordnen und Andrés Scheitern am eigenen und oktroyierten Anspruch. Beide haben diesen blinden Fleck ihres Deals nicht erkannt. Sie haben ihre scheiß Due Diligence nicht sorgfältig genug durchgeführt!“

Ute Cohen spitzt zu:

„In dieser Zwangslage gibt es für André und Eva nur zwei Möglichkeiten: Tod oder Leben!“