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15.02.2020, Jamal Tuschick

Erste Folge einer neuen Serie im Mainlabor: Arbeitstitel Alpha-A. Mitarbeit: Daniela Waldau

Mit Zement geflickt

Sie werden schnell erwachsen, die Ghettograzien Eliška & Compagnie. In ihrem Viertel verlängert eine namenlose Mafia im Verein mit der Armut Traditionslinien. In einem Regime gelockerter Leibeigenschaft bestimmen Verbrecherdynastien Bezirksbiografien. Für die Ingenieurstochter Eliška scheint es kein Entkommen zu geben.  

Es gibt keinen Himmel für ihre Höhenflüge. Für Eliška geht es lange nur um den Abstand zum Dreck. Knapp entgeht sie der abschüssigen Laufbahn einer Geliebten des kriminellen Vorstands. Sie expandiert trotzdem im Schlepptau permanent Eskalierender. Wer zur Besinnung kommt ist schon so gut wie tot. 

Aufstieg bedeutet Abschied von der Herkunft und Nicht-Ankunft im Zielhafen. Man verödet auf halber Strecke, steril geworden in dem brutalen Dazwischen, oder um es mit Feridun Zaimoglu zu sagen: Den White Trash kannst du dir nimmer aus der Visage wischen. Man könnte auch Hannibal Lector als Spezialisten da zitieren, wo er den Ehrgeiz von Agent Starling als allergische Reaktion auf die Umgebung ihrer Kindheit verspottet. Siehe Das Schweigen der Lämmer.

Didier Eribon ruft in Rückkehr nach Reims den Preis auf, den jemand wie Eliška für die Überwindung seiner Klasse zahlt.  

*

Jeder kennt das. Der Bremsschirm öffnet sich zu früh, man hängt in der Luft, wie Evel Knievel am 8. September 1974 als Leichtmatrose der Raumfahrt in seiner steam-powered rocket Skycycle X-2 über dem Snake River Canyon im US-Bundesstaat Idaho. Ernestines Großmutter, Esther Grey, schmiert zur gleichen Zeit und in derselben Gegend ab, indem sie es versäumt mit ihrem Pettingpartner Bowler Green durchzubrennen. Stattdessen verfällt sie Old Crown. Der glühende Verfechter der Aufrichtigkeit bindet am Tage der Übernahme dem Fußvolk seines Mormonen Chapter einen Bären auf, um sich und Enkel Bill einen Freiraum mit weltlichem Entertainment zu verschaffen. Anstatt, wie angegeben, einen Gottesdienst zu besuchen, mischen sich die beiden für insgesamt fünfzig Dollar unter das Publikum eines Mannes, der sich in einen ballistischen Körper hineinträumt. Opas Lüge und Knievels Erwachen verändern Bills Weltbild dramatisch. Doch darum geht es heute nicht.

Esther Grey, von der inzwischen kein Mensch mehr glaubt, dass sie je jung war, rutscht wie Korn durch den Trichter einer absurden Unvermeidlichkeit der Schicksalsmühle entgegen: als fünfzehnjährige Zweitfrau eines Patriarchen in Short Creek, Arizona. Die ihr vorgesetzte Hauptfrau heißt Donata. Crowns vor Redlichkeit strotzende Bigotterie kann sich in einem System institutionalisierter Pädophilie sicher fühlen. 

„Sie wird sich in ihrem Inneren verschließen“, verkündet der Schriftsteller Shawn Vestal in einem Roman, der auf Deutsch Loretta wie Lolita heißt. Der Originaltitel Daredevils zitiert Evel Knievel’s Motorcycle Daredevils. Risikounternehmer Knievel setzt Maßstäbe bei Motorradstunts in der Hochzeit des Wettlaufs zum Mond. Das virile Ideal verkörpert der Astronaut, Knievel mischt den Elvisstil dazu. Er gibt den Stutzer mit Gehstock, der Knauf ist versilbert.

Vestal schickt den Leser auf eine Zeitreise. Hippieland ist abgebrannt. Der Sommer der Liebe gehört einem utopischen Damals. Lorettas Eigentum passt in einen Schuhkarton.

Was aber geschieht mit Esther Grey auf dem fundamentalistischen Hot Spot ihrer Wahl. Rechtzeitig verhaften Bundesagenten Crown so wie andere Männer einer Splittergruppe namens Raureiter des Herrn, die fern loser Sitten in großen Städten auf Kuhwiesen und in Trailerparks die Apokalypse erwarten. Das Geschehen rings um die heimatlose Esther Grey splattert in einer Hasenjagd, die an das Texas Chain Saw Massacre erinnert und von Zuschauern als Schädlingsbekämpfungsaktion rezipiert wird.    

Fünfzig Jahre später ist Esther Grey offiziell nur noch die schusselige Oma von Ernestine. Ihre Nachtfahrt der Seele kriegt keiner mit. Schließlich dreht sich das Leben nur noch darum: wach zu sein mit Schmerzen, die leicht unerträglich werden, oder unterzugehen im Medikamentenschlummer nah der Bewusstlosigkeit.

Das Leben am Rand des Todes geizt sogar mit Illusionen. Esther Grey notiert ihre letzten Reinfälle in der Folge vorsichtiger Hoffnungen. Tumore greifen sie an, ihr zerstörtes Rückgrat wurde mit Zement geflickt. Der sarkomen Gier entreißt Esther Grey eine Geschichte vom wilden Tier Tod, die wieder einmal kein Mensch hören will.

James Hetfield bemerkt in einem Interview, er würde sich nirgendwo auf der Welt so lebendig fühlen wie im Wald angesichts einer frischen Strecke. Der Vorgang des Tötens und der Anblick des Getöteten verpassen seiner Befriedigung eine Klimax mit dem Potential einer Katharsis. Um es verschraubter als Hetfield zu sagen: Vielleicht deklarieren wir eine humane Konstante als Atavismus, um uns zu blenden. Kommt es knüppeldick, zeigt sich im Überlebenswillen ein merkwürdiger Stolz. Der Stolz, andere überlebt zu haben. So stellt sich auf dem Vorhof die Frage, wen könnte man denn noch? Unter dem Druck andauernder Erpressungen, wie sie in den Banditendiktaturen der Knochenfresser üblich sind, klärt sich das Bewusstsein bis zum Wahnsinn - und so stellt Esther Grey mit geringem Lustgewinn (bei gleichzeitiger Trauer) fest, wer vor ihr gehen musste. Und jetzt auch noch Leonard Cohen. Bloß Bob, mit dem Esther Grey in der Zeit des vollen Glanzes eine Woodstock Voodoo Séance, die das kosmische Gleichgewicht erschütterte, Sterne in Trance versetzte und Jahwe mit Shiva versöhnte, in der Küche von Dennis abhielt, macht einen auf unsterblich. Am Morgen nach der spirituellen Himmelfahrt flog Esther Grey into the great wide open. Auf Sizilien landete sie mit Ernestines Großvater im Bett. Der junge Mann wollte Energie sparen, Esther Grey empörte sich. 

*

Im Windfang der Passage wohnen Junkies hinter einem Gemüsestand. Straßenbahnen halten vor der Auslage. Ernestine ist bei ihren Eltern immer wie in einer anderen Zeitzone. Es drängt die Eltern, der Tochter Vorschriften zu machen und ihr Verhalten zu kritisieren. Das kommt von weit her und geht tief. Es überlagert alles. 

*

Ernestine stürzt durch die Stadien der Ernüchterung ihres Mannes, dem nicht genug klar war, was es bedeutet, dass Ernestine niemand beigebracht hat, was seiner Mutter auf die einfachste Weise eingebläut wurde. Die Mutter begreift vor allen anderen die Schwächung, die mit Ernestine in das Haus der Licatas eingezogen ist. Eine unentschuldbare Schwäche, die in einem anderen Kontext zwar ausgeglichen werden könnte, aber in dieser anfälligen, von Gefahren besiedelten Konstellation das Risiko einer Verminderung bedeutet, die alle Licatas im engsten Kreis um Alpha-A aus dem Spiel nehmen könnte.

Immer wieder anders stellt sich die Frage, wer Beute und wer Jäger ist.

Die Schwäche kommt aus einer heimlichen Überheblichkeit, die weniger unangebracht wäre, hätte Ernestine nicht zuvor ihr Blatt überreizt. Ein kleines Talent ging so verloren. Die verkümmerte Wölfin, so Alpha-A uncharmant in seiner Analyse, verkleinert sich zwar offensiv, bleibt aber zu ihrem Nachteil ehrgeizig.

Ich muss abbrechen und will nur schnell mit vielen Worten schließen. Erst jetzt erkenne ich Alpha-As Schwäche. Er wird von Ernestine und seinen Geliebten (kennengelernt haben sie Eliška, ans Herzen legen möchte ich ihnen Meghan Polonsky) förmlich aufgeraucht. Das wird an anderer Stelle sehr realistisch beschrieben und bleibt erträglich, solange man sich vor Augen hält, dass der allwissende Erzähler involviert ist. Das ist so ein korrupter Schlüssellochgucker, voller Ressentiments und preiswerter Weisheiten. 

Jetzt sehe ich die Notgemeinschaft. Alpha-A braucht Ernestine, das war mir bis eben nicht klar. Wie sehr er sich selbst abtakelt mit seinem Wunsch, reich zu werden. Alpha-A (…) die nackte Kompensation. Vielmehr eine Gebärde als ein Mann. Aber hochtrabend bis ins finstre Tal. Ich zitiere ihn im Original. Sie kriegen was geboten:

„Je vais t'apprendre à vivre (wörtlich: Ich werde dich lehren, zu leben), das bedeutet, bisweilen mit einem drohenden Unterton: Ich werde dich formen, ja dich dressieren. Allerdings – und das Doppeldeutige dieses Spiels ist mir besonders wichtig – öffnet sich dieser Seufzer auch einer noch schwierigeren Fragestellung: Leben, kann man das lernen? Kann man das lehren? Kann man durch Disziplin oder durch Lernen, durch Erfahrung oder durch Experimentieren lernen (oder lehren), das Leben zu akzeptieren, ja mehr noch: zu bejahen? Diese Beunruhigung hinsichtlich des Erbes und des Todes klingt das ganze Buch [Spectres de Marx, 1993] hindurch an. Sie treibt sowohl die Eltern als auch ihre Kinder um: Wann wirst du verantwortlich werden? Wie wirst du schließlich die Verantwortung für dein Leben und für deinen Namen übernehmen?“

Das geht noch weiter. Aber ich erspare Ihnen vorläufig den Rest. Alpha-A will Ernestine erziehen, will sie so belehren wie er belehrt wurde; bis sie vor Stress anfängt Pheromone auszudünsten, um der Angelegenheit eine andere Richtung zu geben. Nicht, dass Ernestine Alpha-A panisch ernstnehmen würde.

Seine Frauen fühlen sich allgemein nicht aufgeschmissen. Er kriegt sie nicht dahin, wo er sie gern hätte; paralysiert vor Bewunderung. Er bleibt der von seiner Mutter unter Druck gehaltene Junge, der mit viel Geld den Familienkarren aus dem Dreck ziehen soll. Er ist ein überforderter Mensch mit lächerlichen Ansichten, den sich die Frauen reinziehen. Sogar Ernestine, die Anfälligste von allen, hat, das sehe ich nun ein, in ihren lichten Momenten ein phantasievolles Vergnügen an Alpha-A. Dann ist er der richtige Kleindarsteller auf ihrer Bühne. 

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