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15.02.2020, Jamal Tuschick

Der Versuchung erlegen

Die Berliner Sezession wurde 1898 als Gegenpol zum akademischen Kunst- und Ausstellungsbetrieb gegründet. Ihr Präsident war Max Liebermann. Er machte Bruno und Paul Cassirer zu geschäftsführenden Sekretären. 1914 kam es zur Spaltung und unter der Leitung von Max Liebermann und Paul Cassirer wurde die Neue Berliner Secession konzessioniert, deren neues Gebäude sich in der Tiergartenstraße 21 a befand. Der Schriftsteller Robert Walser war während seiner Berliner Jahre kurz Paul Cassirers Sekretär. Das Kleinod anbei zeigt Walser hochgestimmt und vorwitzig. Er stellt sich auf eine Stufe mit den leitenden Herren. Der Brief zeigt, warum manche Menschen aus jedem Erwerbstätigkeitsrahmen kippen. Walser erkennt die Schärfe des Mangels nicht, zur Selbständigkeit nicht begabt zu sein. Er exponiert sich in der Abhängigkeit mit forscher Autonomieattitüde. Er spielt mit den Schellen und Klappern der Anmaßung. Er gibt den Leichtmatrosen als Kapitän und fordert Anerkennung auf dem falschen Platz. Das Mainlabor verdankt das buchstäbliche Prunkstück Sabine Schaub. Die Kollegin überließ uns zum Zweck der Ankündigung einer gewiss hervorragenden Veranstaltung (siehe weiter unten) brillantes Material.

Walther Rathenau

Secession

Berlin W., Kurfürstendamm 208/9

Berlin, den 15. Mai 07

 

Herrn

Dr. Walter Rathenau

Berlin.


Lieber, sehr geehrter Herr Doktor.

Herr Cassirer und ich werden uns sehr freuen, wenn Sie uns mitteilen wollen, wann es Ihnen möglich sein wird, uns einmal zu besuchen, um uns etwas abzukaufen. Wir bitten Sie, das zu tun und hoffen, Sie werden nicht böse sein, dass wir Sie an das Versprechen erinnern, einen E. R. Weiss zu kaufen. Mit den Prozenten, die die Sezession davon bekommt, haben wir bereits gerechnet, das heißt, der Gewinn ist bereits verbraucht (vertrunken) worden. Ist das nicht ein fabelhaft schönes Wetter jetzt? Wir waren, eine ganze Gesellschaft zusammen, neulich in Werder, und es gab da eine herrliche, abendliche Motorbootfahrt. Kommen Sie doch, bitte, bald einmal. Dadurch, daß Sie uns besuchen, machen Sie, daß das Geschäft etwas besser geht.


Inzwischen einen herzlichen Gruß

            in vorzüglicher Hochachtung

            Das Sekretariat der Secession

            RWalser

Im Anschreiben fehlt dem Rathenau-Walther ein h. Deshalb zwei Schreibweisen in einem Zusammenhang.

Stellen Sie sich vor: Franz Hessel flaniert am Landwehrkanal bis zum Potsdamer Platz, Robert Walser arbeitet in der Galerie Paul Cassirers, Rilke schwärmt für Henry van de Velde, Irmgard Keuns "kunstseidenes Mädchen" sitzt im Café Josty und aus dem VOX-Haus an der Potsdamer Straße tönen die neuen Couplets der "goldenen Zwanziger Jahre". Tilla Durieux und Paul Cassirer, Marie von Bunsen, Herwarth und Nell Walden, Harry Graf Kessler, Walther Rathenau und Gerhart Hauptmann - sie alle waren im alten Berliner Tiergartenviertel zwischen 1900 und 1933 zu Hause.

Und sie alle kommen in einer Veranstaltung am 21. Februar ab 18 Uhr in der Matthäus-Kirche am Matthäikirchplatz (10785 Berlin-Tiergarten) noch einmal zu Wort.

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