MenuMENU

zurück zu Main Labor

16.02.2020, Jamal Tuschick

Ute Cohen schreibt: „Ob André mir sympathisch ist, fragen Sie? Wie lange kann man sein Spiegelbild lieben? Bis es zersplittert?“

Splitterndes Spiegelbild

Seit Wochen diskutieren Ute Cohen und ich Cohens zweiten Roman „Poor Dogs“. Das Werk ist bis zum Titel genial. Damit kann man sich auf- und unterhalten in einer auf Dauer gestellten Sundowner Stimmung. Die Autorin schmeißt mit knackigen Formulierungen nur so um sich. Ich zitiere:

„Ficken oder gefickt werden, das ist hier die Frage! In den Neunzigerjahren erlebte der Glaube ans große Geld einen vorläufigen Höhepunkt. Jegliche Moral wurde außer Kraft gesetzt. In der Finanzkrise 2008 folgte der große Absturz. Wie ticken die Menschen, die mit dem großen Geld jonglieren?“

Wie immer geht es um alles. Zwei Menschen, die sich nicht guttun, erleben die Magie der magnetischen Anziehung. Beide wollen sich auf die oberflächlichste Weise in einem Geld- und Status-Rausch verschwenden. Während Evas Absturz ungebremst verlaufen könnte, wird André von starken Familienbanden gehalten.

*

Eva heiratet zwar den Mann, den sie begehrt. Trotzdem kriegt sie nicht, was sie will. Sie stürzt durch die Stadien der Ernüchterung ihres Mannes, dem nicht genug klar war, was es bedeutet, dass Eva niemand beigebracht hat, was seiner Mutter auf die einfachste Weise eingebläut wurde. Andrés Mutter begreift vor allen anderen die Schwächung, die mit Eva in das Haus der Levis eingezogen ist.

Aus der Ankündigung

André und Eva arbeiten für eine Unternehmensberatung und alles scheint ihnen möglich zu sein. Liebe und Leben wird nach Business-Modellen ausgerichtet. In der Welt ihres Hardcore-Kapitalismus ist alles auf Nutzenmaximierung ausgerichtet. Sie leben und handeln immer mit dem Gedanken an die Gewinnmaximierung. Auch im Privaten. Liebe ist nur ein Begriff und die Beziehungen und die Ehe sind Modelle der sexuellen Grundversorgung. Die Figuren handeln kühl, berechnend und immer nur mit dem eigenen Vorteil im Blick. Politisches und sozial korrektes Handeln verdrängen sie immer mehr. Es sind teilweise Männer, die Frauen als sich wehrende oder als sich fügende Wesen einordnen. Macht-, Business- und Sexspiele als Droge und als Mittel zum Weg an die Spitze. Gier, Belästigung und Machtmissbrauch sind an der Tagesordnung. Sie sind auf der Suche nach einer Vision für das neue Jahrtausend und alles wirkt für sie grenzenlos. Doch der Absturz folgt, nicht nur mit der Finanzkrise.

Evas Schwäche kommt aus einer heimlichen Überheblichkeit, die weniger unangebracht wäre, hätte sie nicht zuvor ihr Blatt überreizt. Ein kleines Talent ging so verloren. Die „verkümmerte Wölfin“, so André uncharmant in seiner Analyse, verkleinert sich in einer „Hündin“, die zu ihrem Nachteil ehrgeizig bleibt.

Jetzt, da alles sich dem Ende zuneigt und das Spiel verloren ist, paktiert der verbotene Ehrgeiz mit der Lethargie.

Eva verliert, was sie im Spiel gehalten hat: alttestamentarisch Stück für Stück. Das ist die Moral von der Geschichte. Man kann sich nicht für Sicherheit hergeben und dann aus Unzufriedenheit, Dummheit und (in der Sicherheit wie ein Gas aufsteigender) Hybris den Garanten demontieren: ohne sich selbst in Gefahr zu begeben.   

Das ist meine Einschätzung. Ute Cohen kontert:

„Here we go: Der Notanker als Dreh- und Angelpunkt! Genau an diesem Punkt beginnt die fatale Abwärtsspirale. Die unterschiedlichen Sozialisierungen und Traumwelten Andrés und Evas dividieren sich nun komplett auseinander. Ob Eva in diesem Moment die Notnagel-Lösung bewusst ist, bezweifle ich. Ihr Denken und Handeln ist auf Erfolg ausgerichtet, auf extreme Wirkung auch in der Liebe. Durchstarten als Business Woman oder Unterwerfung als Liebende. Strategie und Taktik sehe ich da nicht, wohl aber Folgsamkeit gegenüber der Leistungsmaxime. André hingegen übt erst Rache, als seine Arbeits- und Lebensaufteilung scheitert. Eva füllt ihre Rolle nicht nach seinen Vorstellungen aus. Er erkennt, dass sie die bessere Strategin gewesen wäre, als Mutter und Hausfrau aber „underperformed“. Ihrer beider Lebenstraum, einer „Holy Family“, der männliches Manna auf das goldene Dach regnet, zerrinnt. Die Ahnung dieses Versagens führt zum Rückzug in altbewährte, altvertraute Muster: katholisches Patriarchat, Sissi-Romantik, sephardisch-arabische Familienmuster. Die Berater-Devise „No risk, no fun“ wird ersetzt durch komplett risikoaverses Verhalten. Ein Leben ohne Risiko ist beider Ding aber nicht: Woher den Kick sich holen, wenn Liebe sich als leere Hülse entpuppt und die Business-Welt für einfachere Gemüter und weniger komplexe Biographien gemacht zu sein scheint?“

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen