MenuMENU

zurück zu Main Labor

16.02.2020, Jamal Tuschick

Wir sind jetzt in der Lage, den Antisemiten zu verstehen. Er ist ein Mensch, der Angst hat. Nicht vor den Juden, gewiß: vor sich selbst, vor seinem Bewusstsein, vor seiner Freiheit, vor seinen Trieben, vor seiner Verantwortung, vor der Einsamkeit, vor der Veränderung, vor der Gesellschaft und der Welt; vor allem, außer vor den Juden ... der Mensch, der ein unbarmherziger Felsen, ein rasender Sturzbach, ein vernichtender Blitz sein will: alles, nur kein Mensch. Jean-Paul Sartre 

Delphine Horvilleur - Sie ist eine von drei Rabbinerinnen Frankreichs, Chefredakteurin des Periodikums Tenou’a und eine Stimme Europas. In ihrem aktuellen Essay analysiert Horvilleur den Hate Train mit Faschismus und Misogynie als Tender des Antisemitismus.

Die jüdische Ausnahme

2003 führt Israel in einer Meinungsumfrage der Europäischen Kommission einen seltsamen Wettbewerb an. Ein repräsentativer Querschnitt von Personen soll sich zu einer Liste ausgewählter Länder äußern und sagen, welche Nation »die größte Gefahr für den Weltfrieden« darstelle. Israel rangiert dabei vor dem Iran, Irak und Nordkorea. Ein winziges Land als oberster Friedensstörer und Gefährder des friedlichen Zusammenlebens auf der Welt ... Diese Rangordnung stimmt nachdenklich: Wird Israel tatsächlich als Bedrohung für das, was es ist, aufgefasst oder für das, was es bei seinen Nachbarn auslöst? Ist es per se gefährlich oder erst durch das, was es bei seinen Feinden bewirkt? Ein Anknüpfungspunkt an die bereits erwähnte These von Jean-Claude Milner: Die Juden (für viele heutzutage mit Israel gleichbedeutend) stehen für das, was die Gruppe oder die Welt daran hindert, eins zu sein und sich zu einer befriedeten Gesamtheit zu fügen. Sie sind das, was den Frieden im hebräischen Sinne – Schalom bedeutet wörtlich Unversehrtheit, Vollkommenheit – verhindert. Damit die Welt in Frieden leben kann, muss sie das von den Juden verkörperte Trennende loswerden.

Pressetext: Wo liegen die Ursprünge antisemitischen Denkens? Was heißt es, jüdisch zu sein, ohne den definierenden Blick des Antisemiten? Und wie hängen Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit zusammen? Delphine Horvilleur ist eine von drei Rabbinerinnen Frankreichs und eine der einflussreichsten Stimmen des liberalen Judentums in Europa. In ihrem Essay beleuchtet sie die fatalen Parallelen von Antisemitismus, Faschismus und Misogynie. Dabei spannt sie den Bogen von religiösen Texten bis hin zur politischen Gegenwart. Ihr Buch eröffnet uns eine neue Perspektive auf eine alte Frage, die sich in unserer Gegenwart erneut mit großer Dringlichkeit stellt. Delphine Horvilleur, geboren 1974 in Nancy, ist Rabbinerin und die Leitfigur der Liberalen Jüdischen Bewegung Frankreichs (MJLF). Sie ist Herausgeberin der Zeitschrift Tenou’a und Autorin mehrerer Bücher zum Thema Weiblichkeit und Judentum. Überlegungen zur Frage des Antisemitismus ist ihr erstes Buch in deutscher Übersetzung.

Antisemitismus konstruiert sich stets als Ganzheitsangst und als Ganzheitstraum, der den Juden als Ausnahme erscheinen lassen will. Sartres »außer vor den Juden« erlaubt dem Antisemiten, bequem »außen vor« zu bleiben. Aus diesem Grund wird ihn das jüdische Auserwähltsein stets begeistern. Es grenzt eine Gruppe aus, die er, der Antisemit, bewusst ausgrenzt, um sich selbst zu definieren. Das Auserwähltsein fungiert in der Schrift der Juden als Beweis für das, was in seiner persönlichen Lesart bereits als gesichert gilt.

Fest steht jedoch, dass sozusagen ein Mikro-Volk und ein Mikro-Gebiet völlig unverhältnismäßig die leidenschaftlichsten Debatten auf internationaler Ebene entfachen. Die Israel-Frage wird bei manchen zur fixen Idee, und es wäre ebenso naiv wie unehrlich zu behaupten, dass die Bezeichnung Jude mit all ihren geschichtlichen Konnotationen nichts damit zu tun hätte. Die symbolische Tragweite der Bezeichnung führt ein Eigenleben und wirkt sich zwangsläufig auf die von Israel erfahrene Ablehnung aus.

Hanser schreibt:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

täglich erreichen uns Nachrichten über antisemitische Vorfälle in ganz Europa. Erlebt der Antisemitismus eine Renaissance oder war er nie weg? Delphine Horvilleur eröffnet uns in ihrem Buch Überlegungen zur Frage des Antisemitismus eine neue Perspektive auf eines der hartnäckigsten Übel der Menschheitsgeschichte.

Delphine Horvilleur ist Rabbinerin und „eine der gefragtesten Intellektuellen“ Frankreichs (Der Spiegel). In ihrem Buch geht sie den Ursprüngen des Antisemitismus auf den Grund, indem sie die alten Schriften einer feministischen Lektüre unterzieht. Wo taucht das erste Mal Antisemitismus in der Thora auf? Und wie hängen Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit zusammen?

Mit großer Klarheit und argumentativer Brillanz zeigt uns Delphine Horvilleur Leitmotive des Antisemitismus auf und spannt dabei den Bogen bis hin zur politischen Gegenwart. Ihr Essay ist eine zeitgemäße Relektüre talmudischer Legenden und zugleich eine scharfsinnige Analyse gegenwärtiger Identitätspolitik.