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16.02.2020, Jamal Tuschick

Nichts steht unter einem glücklichen Stern im Leben von Inge Meyer. Sie gräbt ihre zu Tode verschütteten Eltern aus und findet die Leiche der Mutter auf besondere Weise versehrt. Fledderer amputierten Glieder des Ringfingers. Nicht erst die Bergung traumatisiert die zum Schluss als Luftwaffenhelferin in Berlin eingesetzte, Jahre vom Reichsarbeitsdienst beanspruchte, angehende Trümmerfrau.

Poetische Stenografie*

Poetische Stenografie*

*Adolf Endler bezeichnete Inge Müllers lyrischen Telegrammstil als „poetische Stenografie“.

Eingebetteter Medieninhalt

Nichts steht unter einem glücklichen Stern im Leben von Inge Meyer. Sie gräbt ihre zu Tode verschütteten Eltern aus und findet die Leiche der Mutter auf besondere Weise versehrt. Fledderer amputierten Glieder des Ringfingers. Nicht erst die Bergung traumatisiert die zum Schluss als Luftwaffenhelferin in Berlin eingesetzte, Jahre vom Reichsarbeitsdienst beanspruchte, angehende Trümmerfrau.

„1945 war jeder ein Greis.“

„Die Ausnahme und die Regel

Wehrmachtshelferinnen von Offizieren zum Beischlaf kommandiert, täuschen zweimal wöchentlich Monatsblutungen vor.“

Roswitha Schieb errichtet das Koordinatenkreuz der Verzweiflung einer nach den Regeln der Zeit und ihrem Verdrängungsgeboten heil durch den Krieg gekommenen (unsichtbar) Verletzten. Vielleicht steckt bereits in dieser paradoxen Beobachtung ein Motiv für den Müller-Titel „Krieg ohne Schlacht“. Ines Geipel sagte es wohl zuerst: Inge war im Krieg und Heiner schrieb darüber.

Inge, geborene Meyer, verheiratete Müller, geschiedene Lohse, geschiedene Schwenkner; vorübergehend privilegiert als Frau und Mitglied der DDR-Funktionselite und dann vermutlich gleich wieder verdammt als Ehebrecherin und Geliebte eines Unzulänglichen von außerordentlicher Gefräßigkeit, geht in keinem Schema auf.

„Ihr Leben war ein heroischer Kampf gegen den Wunsch, sich zu töten.“

Heiner über Inge Müller

Einige Bemerkungen, die Heiner postum auf Inge münzte, kamen direkt aus dem Gefrierfach. Natürlich sicherte sich Müller mit Kälte, entscheidend ist aber, dass er zu Inges Enttäuschungen zählte.

Die gleichberechtigte Arbeitsgemeinschaft, die sich Inge wünscht, gibt es nicht.

Schieb schreibt:

„Als sie 1953 den noch wenig bekannten Heiner Müller kennenlernte und bald (mit ihm) im ersten Stock ihres Hauses zusammenlebte, stellte sie sich eine produktive, gleichberechtigte Schriftstellerbeziehung vor, ein Wunsch, der sich so nicht erfüllen sollte.“

Das Haus, in dem Inge mit Telefon und Haushälterin herrschaftlich unzufrieden residiert und doch noch froh werden will, liegt am Lehnitzsee und hat einen gediegenen Hausherrn, der beruflich dem Friedrichstadtpalast vorsteht. Herbert Schwenkner könnte Müller als Laus in seinem Pelz erlebt haben.

Roswitha Schieb, „Risse. Dreißig deutsche Lebensläufe“, Lukas Verlag, 299 Seiten, 24.90 Euro

Nebenan wohnt Friedrich Wolf und jetzt kommst du als Heiner, der im „Sonntag“ (heute „Freitag“) rezensiert, und steigst mit Frau Schwenkner hinter die Wolken.

„Im Herbst 1953 lernte sie den damals mittellosen Heiner Müller auf einer Veranstaltung der ‚Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren‘ kennen. Heiner Müller zog in das Haus der Schwenkners ein und bewohnte unter Duldung von Inges Ehemann mit Inge den ersten Stock. Im Jahre 1955 heirateten Inge und Heiner.“ Wikipedia

Da er solange ein berühmter Unbekannter bleibt, muss Müller wieder und wieder im Westen wie im Osten und so auch im Westen und Osten von Amerika die Butterdose seiner Biografie auskratzen. Das strapaziert, es führt zu einem schleifenden Text, der sich an folgenden Punkten wiederholt. Eine Großmutter war für Hitler, sie ging bis zur Kreisleitung, um sich gegen eine Schergenbehauptung zu verwahren. Die Behauptung brachte ihren sozialdemokratischen Sohn in Verbindung mit einem Juden/Zigeuner als Vater. Müller bringt das so wie man ein Haar von der Zunge nimmt. Man kann sich ernsthaft nicht damit aufhalten, doch in die Fingerspitzen drängt die Einsicht, wie viel Entwicklung dazu nötig war, sich nicht bloß am Gras abzustreifen. Die Pyramide und der Hosenknopf: das sind Pole bei Müller. Ja, er habe die Russen als Usurpatoren wahrgenommen und Stalin sei ihm seit 1940 klargewesen. Trotzdem.

Mir geht es, wie den meisten. Man kommt zu leicht von Inge auf Heiner. Der Dichter schwelgt im Selbst. Er platziert sich auf Logenplätzen:

„Die DDR ist meine Erfahrung, die kann nur ich beschreiben.“ Auf das „nur“ kommt es an. Müller trifft die Feststellung 1961, als er mit Verhaftung rechnen muss. Eine Inszenierung der „Umsiedlerin“ an der Hochschule für Ökonomie in Karlshorst, Manfred Krug sitzt im Publikum, der „Sonntag“ brachte vorab einen Auszug, wird als zersetzend wahrgenommen. Der Zentralrat will den Dramatiker und seinen Regisseur B.K. Tragelehn im Gefängnis sehen. Der Amtsweg verlangt eine Absprache mit der Berliner SED-Bezirksleitung. Deren 1. Sekretär ist Paul Verner. Er beruft sich auf eine Chruschtschow-Direktive des XX. Parteitag der KPdSU aus dem Jahr 1956: „Für Ideologie wird nicht mehr verhaftet.“

Der Staatsrat lenkt ein, allerdings erwartet man Selbstkritik. Müller kommt der Forderung in der Gewissheit nach, „größer als die DDR“ zu sein. Er stellt diese Größe nicht dispositiv in den Raum, sondern als Tatsache. Müller begrüßt den Bau der Mauer „als freudiges Ereignis“. Die Mauer sei eine Chance, „freier zu arbeiten. Jetzt können wir offen und hart diskutieren.“

„Die Wälder sind gebaut / aus Schweigen und Geäst“. (Aus „Kleines Kirchenlied“)

Im Hoffnungsüberschuss zirkuliert die frühe Lyrik, die auf alles gesetzt wurde, was Papier war. In ihr spiegelt sich Inge als Gegenüber. Sie wird sechshundert Seiten hinterlassen, die sie als editorisches Neuland überdauern werden.  

Die hingeworfene Bemerkung am Rand einer Hotelrechnung oder auf einer Kneipenblockseite mit der Zeche im Zentrum kann eine Zeile sein, die einem Gedicht gehört, das nach zig verworfenen Anläufen schließlich doch noch seine Form gefunden hat.

Nun wird Inge von Heiners Deutungsmacht verschüttet. Zusammen arbeiten beide, die nunmehr als freischaffende Schriftsteller ihr Geld verdienten, an Hörspielen und Theaterstücken.

Inge „will nicht ersticken am Leisesein“. Sie erinnert „unablässige Todesangst“. Eine 1956 begonnene Affäre mit Wolfgang Müller, dem sechzehnjährigen Bruder Heiners, scheitert, die Beziehung zu ihrem Ehemann verschlechtert sich zusehends. Daran ändert auch der Heinrich-Mann-Preis nichts, mit dem beide 1959 geehrt werden. Zudem setzt Inge Heiners Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der DDR zu. Unter Depressionen und psychosomatischen Beschwerden leidend, versucht sie mehrfach, sich das Leben zu nehmen. Am 1. Juni 1966 stirbt die Schriftstellerin im Alter von 41 Jahren an Medikamenten- und an einer Gasvergiftung in ihrer Wohnung am Kissingenplatz 12. Seit 2006 erinnert eine Gedenktafel am Haus an Inge und Heiner Müller.