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17.02.2020, Jamal Tuschick

Täglich erreichen uns Nachrichten über antisemitische Vorfälle in ganz Europa. Erlebt der Antisemitismus eine Renaissance oder war er nie weg? Delphine Horvilleur eröffnet uns in ihrem Buch Überlegungen zur Frage des Antisemitismus eine neue Perspektive auf eines der hartnäckigsten Übel der Menschheitsgeschichte.

Die antizionistische Kritik trägt allenthalben autobiografische Züge. Das Bild der jüdischen Diaspora erlebt seinerseits einen Wandel, der nicht direkt an Israel, sondern mehr noch an die mittlerweile weltweite postkoloniale Debatte geknüpft ist.

Im Gedenken an Simone und Marceline, »Mädchen von Birkenau«, die uns beigebracht haben zu leben. Im Gedenken an Sarah und Isidore, meine zugleich über- und unterlebenden Großeltern.  

Auszug

Kurz nach dem Holocaust verkörperten die Juden in Europa eine unterdrückte, verletzliche Minderheit; Israel dementsprechend den legitimen Zufluchtsort für ein Volk, das Europa nicht hatte retten können oder wollen. Ein paar Jahrzehnte später hat sich Israel für viele in eine unterdrückerische und kolonisatorische Militärmacht verwandelt, in ein Land, dessen Gründung Europa aus schlechtem Gewissen zugelassen hat. Zionistische Juden können in Europa kaum noch Sympathiepunkte sammeln. Für zahlreiche Europäer ist der Zionismus von einem emanzipatorischen und selbstbestimmten Projekt eines nationalen Zufluchtsorts für die Juden zu einem System kolonialer Unterdrückung und Unterwerfung der Schwächeren geworden. Und dieser Wandel bestätigt den Diskurs all derer, Rom, die christliche Welt und Deutschland waren zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Geschichte von dieser Sichtweise überzeugt. Die Existenz des Staates Israel scheint diese Bedrohung zu reaktivieren und das erträumte Einvernehmen zu zerstören. »Wenn nur Israel nicht wäre«, scheinen die Befragten zu murmeln, gäbe es in der Welt zumindest an-näherungsweise ein Ganzes, Vollständiges. Genau diese beeinträchtigte Integrität wird auch von einem Teil der arabischen Welt beschworen: Ohne Israel wäre das Umma (Gemeinschaft aller Muslime) intakt und wundersam versöhnt. 

Delphine Horvilleur - Sie ist eine von drei Rabbinerinnen Frankreichs, Chefredakteurin des Periodikums Tenou’a und eine Stimme Europas. In ihrem aktuellen Essay analysiert Horvilleur den Hate Train mit Faschismus und Misogynie als Tender des Antisemitismus.

Was habe ich mit Juden gemeinsam? Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam. Franz Kafka

Israel dürfe allerdings nicht zwingend mit den Juden gleichgesetzt werden, wird manch einer einwenden. Das stimmt natürlich. Aber die permanente Verwechslung der beiden Begriffe spielt unbestritten eine Schlüsselrolle in jenem Konflikt. Diese Tatsache ist vielen arabischen Intellektuellen bewusst, darunter auch Edward Said, der wiederholt bekräftigt hat, dass der Erfolg der palästinensischen Sache stark von der Identität des Gegenlagers abhänge. Dieser Konflikt hätte ihm zufolge nie die gleiche Aufmerksamkeit bekommen, wenn nicht aus-gerechnet die Juden die Feinde gewesen wären. Der Historiker Yuval Harari relativiert humorvoll die jüdische Macht und macht sich über die Obsession der Anti-semiten lustig: »Am liebsten würde ich ihnen sagen: Beruhigt euch! Die Juden sind interessante Menschen, aber wenn man die Geschichte ein bisschen genauer in den Blick nimmt, muss man zugeben, dass ihre Wirkung auf die Welt im Vergleich zu …

Mit seiner fremden Anwesenheit und seinem Status als westliche »Einpflanzung« mitten in einer arabischen Einheit, der es, wie jeder weiß, ohne Israel ganz prächtig gehen würde. Folglich werden diejenigen Juden, die sich als Zionisten bezeichnen, von der übrigen Welt als Komplizen jener Zersplitterung wahrgenommen, die sich mutmaßlich zu einer weltweiten auswachsen könnte. Die gegen die Juden erhobenen Anklagen antworten häufig in irgendeiner Form auf die Geschichte der Anklagenden. Die antizionistische Rhetorik in Frankreich und Großbritannien macht Israel zu einem kolonialistischen Unternehmen. 

Fortsetzung folgt.

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