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17.02.2020, Jamal Tuschick

Cihan Acars im Hawaii* als Glückspilz aufgewachsener Held kann sich der Bewunderung auf zwei Kontinenten (kurz) kaum erwehren.

Gastarbeiterantike

Den üblichen Schwierigkeiten und Anfechtungen entzieht ihn seine Begabung. Wenn andere ihren Straßeneckenverpflichtungen nachkommen, zeigt Kemal Arslan seine Klasse im Training.

Bei Kemal reicht es zu mehr.

Er ist der eine unter Zehntausend; die Ausnahme von der Regel. Der Achtzehnjährige mit dem Profivertrag bei einem türkischen Verein. Cihan Acars im Hawaii* als Glückspilz aufgewachsener Held kann sich der Bewunderung auf zwei Kontinenten kaum erwehren.

Schnitt.

Interessanterweise stellt sich Kemal nie der Charakterfrage, ob er vielleicht nicht zu lässig war/am Steuer seines Jaguars. Damals, als er auf einer Piste vor Gaziantep sich von einem Rivalen auf seiner Position im Verein zu einem Straßenrennen herausfordern ließ, um sich schließlich an nichts mehr erinnern zu können, bis zum Erwachen im Krankenhaus.

Das Aus der Diagnose. Nie wieder Fußball.

An manchen Tagen humpelt Kemal, wohl wissend, wie schlecht das ankommt bei den Hyänen im Hawaii*.

*„Unteres Industriegebiet“ heißt die Gegend zwischen der Christoph- und Ellwanger Straße im Behördendeutsch. Manche sagen „Heilbronx“ zu einer Ecke von Heilbronn, deren soziales Gepräge aus der Gastarbeiterantike stammt. Die meisten reden vom Hawaii-Viertel.

Für den Namen gibt es eine Reihe volkstümlicher Erklärungen, denen Kemal keine Beachtung schenkt. Kemal macht sich nichts aus Folklore. Er nimmt die Dinge wie das Wetter. Seine Herkunfts- und Zugehörigkeitsbegriffe sind aus dem Guss selbstverständlicher Annahme. Kein Ehrgeiz treibt ihn darüber hinaus.

Cihan Acar, „Hawaii“, Roman, Hanser Berlin, 252 Seiten, 22,-

Kemal neigt nicht zur Überhöhung & Verdammung. Unter lauter Superintensiven übt er Zurückhaltung. Ich sehe ihm gern zu. Kemal ist ein angenehmer Zeitgenosse. Er gibt nur zum Schein an, um nicht zu distanziert zu wirken in einem Regime, das von der These ausgeht:

„Wer allein bleibt, den frisst der Wolf.“

Die Verhältnisse verbieten es Kemal, seinen einzelgängerischen Neigungen nachzugehen. Gelangweilt gehorcht er den Gesetzen der Abschottung. Anspruch auf Schutz der türkischen Gemeinde und ihrer Abteilungen hat nur, wer sich ständiger Beurteilungen nicht entzieht.

Gleichmütig darf keiner sein. Man kann sich auch nicht einfach abtakeln und sagen, das wars, liebe Freunde. Alles muss bis zur Neige ausgeschöpft werden. Als erloschener Stern genießt Kemal zunächst noch Privilegien, die er aber verzockt. Einmal zeigt ihm ein Freund einen Schnappschuss, man sieht Kemal in einem öffentlichen Verkehrsmittel, mit der Bemerkung, das Bild mache gerade die Runde.

Das ist nicht gut. Nur Verlierer fahren Bus. Die Hyänen träumen von einem Festmahl. Sie wollen Kemal vom hohen Ross seiner Gelassenheit auf den Boden zerren und ausweiden. Mit seinem Blut wollen sie an die Wände von Hawaii schreiben: Kemal hat fertig. Allmählich begreift der Talentierte die Logik des Dschungels: besser ist, nie jemand gewesen zu sein, als beinah mal ein Großer. Dass Rückkehr Abstieg bedeutete, war Kemal nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus schon klar. Nun begreift er, dass es keine Rückkehr gibt. Das Ghetto verschränkt die Arme. Die Hyänen rücken auf. 

Aus dem Verlagsprogramm

Am 18. Februar findet in der BOXX des Theaters Heilbronn die Buchpremiere von Cihan Acars Romandebüt Hawaii statt. Der Schauspieler Lucas Janson liest daraus, Cihan Acar wird im Gespräch über die Entstehung seines Romans berichten. Hawaii, ein literarisches Porträt Heilbronns mit all seinen Widersprüchen, handelt vom Kampf der Kulturen in einer deutschen Stadt, von Heimatlosigkeit und Toleranz in unserer zerrissenen Gesellschaft. Es sind die heißesten Tage im Jahr, Hundstage, die, so glauben manche, schweres Unheil bringen. Kemal Arslan läuft durch Heilbronn, ein Fußballstar, der nach einem Unfall seine Karriere beenden und von vorn anfangen muss. Unbeteiligt steht er auf einer türkischen Hochzeit herum, geht in ein Striplokal und ins Wettbüro, gerät mitten hinein in eine Straßenschlacht zwischen Rechten und Migranten, trifft seine Exfreundin Sina und besucht seine Eltern, die, wie viele Türken der Stadt, in Hawaii wohnen, einem Problembezirk mit heruntergekommenen Häusern und rauem Straßenleben, der rein gar nichts mit dem Urlaubsparadies gemeinsam hat. Cihan Acar erzählt von zwei Tagen und drei Nächten eines jungen Mannes, in denen er alle Stadien von Illusion, Sehnsucht und Einsamkeit durchquert. Ein Buch über all die Heimatlosen, Nachtgestalten und Romantiker, die im Dazwischen leben.

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