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18.02.2020, Jamal Tuschick

Allein Kapia verteidigt seine Gewohnheiten erfolgreich gegen eine epochale Unregelmäßigkeit. Er „macht weiter Ärger und (steckt) streunenden Hunden Wunderkerzen in den Hintern“.

Die Leute von Lošonc

Schnee im August

Nach einer Zeit der Windstille fällt Schnee im August. Der Bademeister schult auf Eis um, während der Alkohol versiegt.

„Die Trinker gingen auf allen Vieren und sabberten wie die Tiere.“

Allein Kapia verteidigt seine Gewohnheiten erfolgreich gegen eine epochale Unregelmäßigkeit. Er „macht weiter Ärger und (steckt) streunenden Hunden Wunderkerzen in den Hintern“.

Kapia ist der tolle Hecht in einer klassischen Walter Matthau & Jack Lemmon-Odd-Couple-Kombi mit dem schüchternen Erzähler Leviathan vor einer „endlos slowakisch-ungarischen Musical“-Kulisse.

Peter Balko, „Zusammen sind wir unbesiegbar“, Roman, übersetzt von Zorka Ciklaminy, Zsolnay Verlag, 156 Seiten, 19,-

Alles ist Schwank, Burleske, Anatevka für Analphabeten. Plötzlich schießt Bier aus den Wänden und erzeugt apokalyptische Räusche und Kater.

Kapia stiehlt Formaldehyd und ergötzt sich am Friedhofsvandalismus. Mit Leviathan spielt er Beerdigung und mutet sich die Rolle des Pfarrers zu.

Schon klar, Peter Balko arrangiert Gipfel bizarrer Einfälle im Dunst heranwachsender Rotzfresser. Der Erzähler trägt schwer an seinem „Busen“ …

„Schuld waren meine Titten.“

… er bewegt sich über einen Parcours des Spotts und der Häme, um mit den Harmlosigkeiten einer Existenz im brutalen Surrealismus anzufangen. „Köter … (mit) stinkenden Fangzähnen“ warten auf ihre Chancen im Rattenrennen. Der nächste Wald bedauert sich als verfluchter Ort. Kurz gesagt, nichts läuft rund im Grenzland. Gegen alles muss man sich mit zuvorkommenden Attacken behaupten. Nur das Band der Freundschaft beweist die nötige Elastizität.

Herr Balko, eine klassische Frage: Leviathan, der Protagonist in Ihrem Debütroman Zusammen sind wir unbesiegbar, hat noch einen zweiten, richtigen Namen: Er heißt Peter. Wie viel Peter Balko steckt in Peter/Leviathan?
Die Geschichte von Zusammen sind wir unbesiegbar ist durch meine Kindheit in der kleinen Stadt Lušenec in der Südslowakei inspiriert. Ich war ein kleiner, molliger Junge inmitten einer intakten Familie, liebte Action-Filme mit Jean-Claude Van Damme und Bruce Lee, sehnte mich nach Abenteuern und wollte ein Ninja sein. Der Roman ist eine Mischung aus meinen Erinnerungen, meiner Phantasie, meinen Träumen und den Erzählungen meiner Großeltern. Heute kann ich nicht einmal mehr zwischen Wirklichkeit und Fiktion unterscheiden. Ich bin zum Opfer meiner eigenen Phantasie geworden.

Balko erzählt den slowakischen Gründungsmythos neu im Verein mit der christlichen Schöpfungsgeschichte. Er glaubt an einen germanischen Anfang mit irischen Wolfshunden und einem einmaligen Auftritt des Herrgotts in Lošonc: dem Dreh- und Angelpunkt der Welt/so wie sie Balko gefällt.

Am Anfang „beteten alte Schachteln … und verlumpte Männer … Bäume an“. Die der slawischen Besiedlung vorangehenden Frühslowaken beschworen Gewitter herauf und schächteten erstgeborene Töchter. In die Geschichte, so wie wir sie kennen, traten die Leute von Lošonc erst ein (und auch dann noch verspätet) als die Samtene Revolution den eisernen Vorhang anhob.  

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