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19.02.2020, Jamal Tuschick

Weiter im Gespräch des Jahres. Ute Cohen und Jamal Tuschick unterhalten sich über die Romane von Ute Cohen. Heute beginnt das Gespräch mit einem Austausch zu „Poor Dogs“ und mündet in Einlassungen zu Cohens erstem Roman „Satans Spielfeld“, einer offensiv autobiografischen Missbrauchsgeschichte. Der Täter kassiert in bayrischer Ländlichkeit als bauherrlicher Minimogul Breitseiten der Akzeptanz. Bauleitner haust in seinem Milieu voller Verachtung für die geduckten Gestalten, die sich nichts trauen und nichts bauen, weil sie Angst haben, etwas in den Sand zu setzen.

Ankunftsgeräusche einer neuen Zeit

Gesendet: Donnerstag, 02. Januar 2020 um 18:31 Uhr
Von: "Dr. Ute Cohen" …
An: "Jamal Tuschick" …
Betreff: Ideal

Lieber Herr Tuschick, hier nun meine Entgegnung zum Thema „Ideal“.

Ute Cohen reagiert auf folgende Bemerkung:

„Das andere ist, dass so ein André in meiner Zeit als junger Erwachsener fast einem Ideal entsprach. Ich habe selbst einige Anläufe genommen, den Typus zu fassen, so antithetisch zum Wohngemeinschaftsmief und der 1970er-Jahre-RAF-Faszination ... und plötzlich war das alles ungültig, der ganze linke Text, und die Kellnerinnen machten große Augen, wenn die Jungbroker in ihren Bürouniformen in die Kneipen kamen, in denen immer noch Raubdrucke verkauft wurden, und so viel Tipp gaben wie ich in einer Woche nicht verdiente. Ich will damit nur sagen, ich habe mein eigenes Vergnügen an Ihrer Figur.

Ich erinnere mich beim Lesen von „Poor Dogs“ an so vieles, vor allem jedoch an die Plötzlichkeit des Chics. Das Ankunftsgeräusch der neuen Zeit war das High Heels-Geklapper auf Parkett. Frauen, die bis eben nie etwas anderes als bequemes Schuhwerk getragen hatten, traten nun in Stöckelschuhen auf. Die Teppiche, der Flausch, waren vorher weggerissen worden. Die Freilegung der Böden entsprach einem Leitthema. Die Schreiner unserer Generation fanden Arbeit bei unseren Anwälten.“

Ute Cohen:

„André als Ideal? Wohl eher ein Idealtypus des Karrieristen und Manipulateurs. Darin aber liegt auch die Faszination der Figur. Wer sieht sich nicht gern mal Champagner schlürfend auf einer Yacht sitzen? Hand aufs Herz! Die klischeehaftesten Träume nehmen selbst von eisernen Ideologen Besitz. Den Blick in die Vergangenheit teile ich: Die 68er waren mit ihren Peace & Love-Träumen gescheitert, im Teesocken-Ambiente verpufft. Dagegen nun diese blonden Superboys und -girls, die große Scheine lässig auf den Tresen warfen und diese Aura der Kosmopoliten um sich trugen (lange vor der Globalisierung!). Die schlaffen Post-Hippies konnten den Durst der 80er-Jugend nicht befriedigen. Die arischen WASPS und YUPPIES, wie man privilegierte, ich-bezogene Erfolgsmenschen damals nannte, wirkten einerseits abstoßend, besaßen aber eine Energie, die alle Jugendlichen – unabhängig von der politischen Orientierung – eint. Diese Energie hatte, so absurd das wirken mag, ihren Ursprung in RAW POWER. Iggy Pops RAW POWER war die moralfreie Kraft eines rücksichtslosen Tanzes: Pogo schreckte vor Hämatomen nicht zurück, forderte seinen Tribut in Form von Wunden und Schmerz ein. Narben waren die Stigmata der Kampferprobten, der Abgehärteten und Survivors. Jenseits aller Ideologie erkennt man das Gemeinsame: Anarchie! Nicht umsonst wurde später die Zeitschrift „Business Punk“ gegründet und Londoner Ex-Punks landeten in der City als Investmentbanker. Haste mal ’ne Mark, ey? Auf ’nem Schweizer Nummernkonto bestimmt!“

Weiter zu „Satans Spielfeld:“

Bauleitner geht unglaublich ruppig vor. Er hat das Durchsetzungsvermögen eines Bulldozers. Als Anführer der lokalen Nahrungskette beansprucht er die Privilegien eines Spitzenprädators. Er schikaniert seine Frau, er untergräbt Inge. Er bestraft ihre Abhängigkeit, die Hybris, sie könne unangefochten in seinem Riesenschattenreich von seinen Rissen profitieren.

Die Verzweifelte konkurriert mit ihren Töchtern und deren besten Freundin Marie um Fragilitätsvorsprünge. Herausgemeißelte Schlüsselbeine, zurecht gehungerte Taille … Inge kauft sich Mädchenkleider, die Marie entzückend aussehen lassen. Wir sind in den obszönen Siebzigerjahren.

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