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19.02.2020, Jamal Tuschick

Mit einer „kessen Bemerkung“ erlöst sich der arm geborene Adlige Tancredi Falconeri von seiner sizilianischen Befangenheit. Er macht sich lustig über einen Makkaroninotstand in Mailand, den zu kennen, Tancredi als einen Mann mit Zukunft ausweist.

Ideologisches Inferno

Tomasi di Lampedusa trägt dick auf, um Tancredi so vorzüglich wie möglich in heruntergekommenen und abgehängten Verhältnissen erscheinen zu lassen. Der Autor übertrifft sich in immer neuen Ausschreibungen der Exzellenz. Tancredi hat seine nichtsnutzige Familie vor öffentlichen Erniedrigungen bewahrt, indem er sich, stellvertretend für seinen Klan, rechtzeitig auf der Siegerseite schlug. Mit der Volte verbunden war der Verrat an seinem König, dem nun abgehakten König beider Sizilien. In der Gegenwart des fortgeschrittenen Romangeschehens trumpft Tancredi in der richtigen Uniform auf und verhilft als Offizier des künftigen Königs seinem dünkelschwer-unpraktischen, aber keinesfalls taktisch unklugen Onkel zu einem erstaunlich großen politischen Kredit.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“, Roman, Deutsch von Burkhart Kroeber, 398 Seiten, Piper, 24,-

Don Fabrizio, Fürst von Salina, hält sich aber selbst für den Retter seines Hauses. Sein Schöpfer beweist Genie in mitreißenden Schilderungen. Reitet man mit Tancredi, sieht man die Welt so wie der Stürmer & Dränger. Döst man gemeinsam mit dem alten Leoparden, dann wirkt der Neffe wie der leicht unterbelichtete Erfüllungsgehilfe eines Spin-Doctors. In dieser Lesart gefällt es der Vorsehung, Salina so auszustatten, dass er Tancredi wie einen Kegel umsetzen kann.

Der Fürst singt das Lied von der sizilianischen Indolenz und Todessehnsucht. In seinem Arbeitszimmer beschwört er ein „ideologisches Inferno“ herauf. Er referiert über die Folgen Jahrtausende währender Fremdherrschaft. Salina ist ein Führer Kolonisierter, so „müde und leer“ wie der gemeine Sizilianer im Allgemeinen angeblich.

Der Vortrag, den er einem Delegierten der Turiner Usurpatoren hält, dient der Verschleierung räuberischer Raffinesse. Ohne sich einmal aus dem Sessel erhoben zu haben, passte der Fürst seine kleine Welt dem großen Umbruch fugenlos an.

Salina quatscht die Tapete von der Wand, um sich nicht im neuen Staatsparlament als Senator vor einem fremden König verneigen zu müssen.   

Nachtrag

Von Herzen sind die Sizilianer um Salina Separatisten und Sezessionisten. Die Reichseinigkeit im nationalen Überschwang, der Garibaldis freibeuterischen Durchmarsch begleitet, bis plötzlich die ganze Angelegenheit einen hoheitlichen Charakter annimmt, wenn auch unter veränderten Vorzeichen, bedarf aller Parfums der landsmannschaftlichen Kameraderie und Karambolage-Kumpanei im Casinostil zum Trotz einer Gewöhnung.

Tomasi di Lampedusa lässt den landesweit am stärksten beachteten Republikaner als Marionette im Piratenkostüm an den Fäden des Königs von Sardinien-Piemont zappeln. Sardinien war lange spanisch gewesen, bis es im 18. Jahrhundert an den Herzog von Savoyen kam, der zwar den Königstitel übernahm, aber trotzdem weiter im Piemont residierte. Das um Turin kreisende Fürstentum bildet den Grundstock des neuen Staates unter der Führung von Viktor Emanuel II. Für den ersten König von Italien spielt Salina keine Rolle mehr. Der Fürst ist nur noch eine bloßgestellte Figur auf dem italienischen Brett. Die Welt, in dem er Kammerherr war, besteht nicht mehr.

Salina fehlt die Jugend, um sich neu freischalten zu lassen und irgendwo einzusteigen; sich einzukaufen mit dem Prestige seines Namens. Einige seiner Vorgänger konnten im fliegenden Loyalitätswechsel dem Haus von Salina einen Fortbestand im Hagel der Interferenzen sichern. Jene provinzabsolutistischen Besitzstandswahrer fielen keinem Chronisten je als Verräter oder auch nur als wankelmütige Charaktere auf. Sie hatten bloß das Richtige getan, wie unter ihnen das biegsame Gras in der Mehrzahl seiner Halme.

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