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20.02.2020, Jamal Tuschick

Ich weiß nicht, wie oft ich versucht habe, „Poor Dogs“ auf meine Weise zu schreiben. Die Geschichte von Eva und André, so wie Ute Cohen sie erzählt, gleicht einem Stück, das man oft gesehen hat: in disparaten Aufführungen mit Szenen überall in Europa. Dazu gehören Hotelhöhepunkte, das Klingeleis im Glas, der Jetlag und das Gefühl, den Puls des Universums spüren zu können. Zwei Bücher sind in diesem Kontext wichtiger als alle anderen, die ich gelesen habe: Tom Wolfes „Fegefeuer der Eitelkeiten“ und Bret Easton Ellis‘ „American Psycho“.

Der fremde Vater

Das Du kommt näher. Es robbt sich heran. Ute Cohen schreibt: „Herrlich! Diese Pointen, dieser Eigensinn! Ich bin begeistert von diesem Austausch, Jamal!“

Eingebetteter Medieninhalt

„Eine intellektuelle Ehe funktioniert nicht ohne Menschenopfer.“ Heiner Müller

„Der Hauptzweck der bürgerlichen Gesellschaft ist die Verdrängung des Todes.“ Walter Benjamin

„Mit der Penthesilea kann ich mich noch nicht befreunden. Sie bewegt mich in einer so fremden Region, daß ich mir Zeit nehmen muß, mich in beide zu finden.“ Goethe gegen Kleist

„Haben Sie eigentlich schon?“

Wie vermutlich alle Autor*innen reagiert Ute Cohen süchtig auf die Aufmerksamkeit eines geübten Lesers. Ich vergleiche meine literarischen Interessen mit den Interessen eines solventen Trinkers am Sortiment einer Bar und an der stupenden Kennerschaft der Barchefin. So wie man vor einer Flaschenbatterie wie über vereisten Tragflächen zur Sache kommen kann, ohne den Krawattenknoten zu lockern, so möchte ich über die Text gewordene Notdurft des Menschen reden. Ich will zu weit gehen, aber nicht intim werden. Ich will per Sie sezieren.

Die meisten Leute können das nicht. Sie verlieren ihre Fassung, sobald man ihnen etwas sagt, was sie treffend finden. Dann fühlen sie sich verstanden, was natürlich lächerlich ist.

Nachdem wir angefangen hatten, uns über „Poor Dogs“ zu unterhalten, um dabei festzustellen, dass unsere Sympathien für das Personal entgegengesetzt sind, und unsere Bereitschaft zur Kritik als Vehikel der Virtuosität antagonistisch gesteuert wird, stellte sich die Frage, ob ich zu weitreichenden Ableitungen in der Lage war, das heißt, ob ich Verbindungen zwischen Ute Cohens Romanen herstellten konnte.

Das war zunächst nicht der Fall. Ich beeilte mich, den ersten Roman „Satans Spielfeld“ zu lesen (nachzuholen wie eine versäumte Lektion), eine Missbrauchsgeschichte, die für sich wirbt, indem ihre Urheberin sich als die Missbrauchte schildert. Im Roman heißt sie Marie. Als beste Freundin sozial und mental überlegener Schwestern, von denen eine ihre Dominanzbedürfnisse an Marie ausagiert, rückt sie in die Nähe des Täters, der sich als fremder Vater anschleicht. Der Bauunternehmer Bauleitner hat leichtes Spiel bei allen. In seinem Milieu ist er der Fuchs im Hühnerstall. Sein Erfolg setzt Maries erfolglosen Vater (ein Mann mit Gernegroß-Attitüde) in den Schatten. Marie glaubt, dem bösartigen Verführer entgegenzukommen. Die ambivalente Darstellung des Missbrauchs brachte Ute Cohen herbe Kritik ein. Vorgeworfen wurde der Autorin Verharmlosung.

Am 07.01.2020 um 21:00 schrieb Jamal Tuschick:

„Der Vorwurf verfehlt das Buch. Sie beschreiben, wie emotionale Abhängigkeit aufgebaut und ein Herrschaftsverhältnis etabliert wird. Den Satz übernehme ich gleich in der Fortsetzung meiner Besprechung. In mir arbeitet etwas, dass ich vorläufig die Farben der Gewalt nenne. Schon bei der Goldkettenszene wollte ich schreiben: Er legt sie an eine Goldkette. Dann habe ich mich das nicht getraut. Sie selbst sprechen von einer „unsichtbaren Leine“. 

...

Vorhin dachte ich, der Missbrauch erfüllt sich überhaupt erst in der Sublimation. Wenn man ihn in seinen Sex integriert hat. Das heißt, der Seelenschänder bleibt an Bord. Der Mensch, mit dem man wenigstens zu tun haben will, garantiert sich seine Präsenz, indem er dafür sorgt, dass alles auf ihn hinweist. In diesem Satz stimmt die Zeit nicht. Aber ich finde, dass die Perpetuierung einer vergangenen Gegenwart im Jetzt den Nagel auf den Kopf trifft.

Das Prinzip der Vernichtung: Man macht jemanden für sich geräumig, indem man ihn gegen sich einnimmt. 

Der Schänder sorgt dafür, dass man gegen sich selbst vorgeht (wütet) und ihm sogar nachsieht, was man sich selbst nicht nachsehen kann. Deshalb sind Racheakte theatralisch. Man kann sich nicht rächen. Jede Reaktion legt eine Schweißspur des Ungenügens.“ 

Gesendet: Dienstag, 07. Januar 2020 um 22:19 Uhr
Von: …
An: "Jamal Tuschick"

Betreff: Re: Aw: Re: Verkümmerung des Körpers

Schweißspur des Ungenügens!!!

„Das freut mich ungemein, lieber Herr Tuschick, dass Sie die Nuancen wahrnehmen. Es betrübt mich, dass es vielen Feministinnen nicht gelingt, die Identifikationsmöglichkeiten für Betroffene in dem Buch zu erkennen. Warum sehen oftmals selbsternannte Opferhüterinnen eine Verräterin in mir? Herzlich Ute“

„Liebe Frau Cohen, vielen Dank für Ihre Anerkennung. Bin gerade ständig unterwegs. Wir setzen bald unser Gespräch fort. Ich sehe heute so deutlich den Missbrauch. Er liegt zumal in der infamen Erzeugung eines Einvernehmens, das grundfalsch ist. Ich beschäftige mich noch länger mit Ihrem Buch. Maries Selbsttäuschung, autonom mit von der Partie zu sein, müssen wir als Gesellschaft auch juristisch fassen. Ihre Genauigkeit hilft zu verstehen, was da passiert.“ 

Jetzt hatten wir die Möglichkeit, zwischen den Romanen zu switchen. Ich finde die Stelle gerade nicht, an der wir uns fragen, ob der Missbrauch, dem Marie ausgesetzt ist (in der Chronologie der Romane war), Evas erwachsenes Verhalten erklärt.

Eva heißt die Heldin in „Poor Dogs“. Es weist erst mal nichts auf eine Verwandtschaft mit Marie hin. Deshalb entspricht es einer eskapistischen Lesart, sich Evas Desaster als gescheiterte Karrieristin mit erlittenem Missbrauch zu erklären. Zumal Ute Cohen im Gespräch deutlich macht, dass sie sich stärker mit Evas Widerpart André identifiziert und in ihm ihr Spiegelbild sieht. André erscheint vordergründig als maßlos egozentrischer Womanizer. Schaut man genauer hin, sieht man das in die Prinzenrolle gejubelte Muttersöhnchen, dem keine Frau das geben kann, was er von Mama bekommen hat. Der Geliebten Vulven sind in ihrer Totalität nur ein schwacher Ersatz für die Mutterbrust, die André entbehrt. Er versagt als Mustersohn und heiratet die falsche Frau. Im Gegenzug nimmt Eva mit André in Ermangelung besserer Optionen vorlieb.

Sie lässt sich gehen. Er rächt sich mit Verachtung, Erniedrigung und Ignoranz.

Fraglich bleibt, ob zu Evas hausgemachtem Unglück ein Missbrauchstrauma kommt.

Dazu Ute Cohen:

„Ist Eva eine erwachsene Marie? Sie ist zumindest eine Figur, der man Erfahrungen mit Gewalt und Manipulation zusprechen kann. Beides ist bei Marie der Fall. Die Gewalt äußert sich in Maries Leben durch physische Zerstörung und totale psychische Vereinnahmung. Vitalität und sexuelle Lebenskraft werden in Marie durch Eingriffe und Übergriffe abgetötet. Sie wird vergewaltigt und objektiviert. In ihrem Leib heranreifendes Leben muss vernichtet werden, da sie als „Lolita“ niemals Mutter werden darf. Nabokov ließ die werdende Mutter Lolita sterben. In „Satans Spielfeld“ muss Marie abtreiben, will Marie abtreiben, will Marie Mutter sein, will Marie Kind bleiben, will Marie Kind werden. Die ganze Zerrissenheit weiblicher Existenz zeigt sich in dem Moment, in dem Marie die Abtreibungspillen schluckt.

Eva hingegen wird Mutter und sieht sich mit biologischer Determination und Veränderungsmacht konfrontiert. Der Körper einer Mutter verändert sich. Weist der Vater den Körper zurück, weil er nicht mehr die Qualitäten einer begehrenswerten Beute hat, wird Mutterfreud schnell zum Mutterleid. André reduziert Eva nun auf ihre biologische Funktion und ihren Marktwert als Zuchtstute. Fehlgeburten sieht er als Versagen an. Eva wird zur aussätzigen Hündin. Die Meute der POOR DOGS lauert …“