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20.02.2020, Jamal Tuschick

Denken wir nur an den Satz, den Marceline Loridan-Ivens so gerne zitierte: »Nie werden sie uns das Böse verzeihen, das sie uns angetan haben.« --- Aber wo liegen die Ursprünge antisemitischen Denkens? Was heißt es, jüdisch zu sein, ohne den definierenden Blick des Antisemiten? Und wie hängen Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit zusammen? Delphine Horvilleur ist eine von drei Rabbinerinnen Frankreichs und eine der einflussreichsten Stimmen des liberalen Judentums in Europa. In ihrem Essay beleuchtet sie die fatalen Parallelen von Antisemitismus, Faschismus und Misogynie. Dabei spannt sie den Bogen von religiösen Texten bis hin zur politischen Gegenwart.

Cultural Appropriation

Die Rabbinerin als Mannequin - Delphine Horvilleur auf dem Cover der französischen „Elle“. 

Mit großer Klarheit und argumentativer Brillanz zeigt uns Delphine Horvilleur Leitmotive des Antisemitismus auf und spannt dabei den Bogen bis hin zur politischen Gegenwart. Ihr Essay ist eine zeitgemäße Re-Lektüre talmudischer Legenden und zugleich eine scharfsinnige Analyse gegenwärtiger Identitätspolitik.

Aus dem Werk:

In den Vereinigten Staaten hallt der Vorwurf des rassistischen Staates nach, und in Südafrika denkt man an die Apartheid: Die antizionistische Kritik trägt allenthalben autobiografische Züge. Das Bild der jüdischen Diaspora erlebt seinerseits einen Wandel, der nicht direkt an Israel, sondern mehr noch an die mittlerweile weltweite postkoloniale Debatte geknüpft ist. Während Phänomene wie identitäre Vergemeinschaftungen und Opferrivalitäten weiter um sich greifen, beansprucht die Erinnerung an den Holocaust für manche zu viel Platz. Es ist, als ob sie anderes Leid in den Schatten stellte und, so absurd dieser Gedanke zunächst auch scheint, irgendwann sogar Neid auf sich ziehen könnte. Eine krankhafte Rivalität des Leidens hat sich hier entwickelt, die den Juden Sätze wie diesen entgegenschleudert: »Ihr seid schließlich nicht allein damit! Auch wir haben gelitten ... und sogar schon vor die Israel weniger seine Politik als vielmehr seine Existenz vorwerfen. Der Staat Israel ist durchaus mitverantwortlich für jenen Gesinnungswandel. Denn sicherlich ist der allgemeine Sympathieverlust mit den politischen Entscheidungen seiner Regierungschefs und den ultranationalistischen oder messianischen Entgleisungen eines Teils der politischen Klasse verknüpft; oder besser: unverhältnismäßig eng verknüpft.

Welche nationalistische oder expansionistische Politik auf der Welt hinterfragt schon die Rechtmäßigkeit der dahinterstehenden Nation? Weshalb löst der Besuch israelischer Prominenter, Künstler oder Schriftsteller an europäischen oder amerikanischen Universitäten im Unterschied zu russischen, chinesischen oder iranischen Gästen Demonstrationen aus? Egal welchen Standpunkt man in diesem Konflikt ein-nimmt, ob man begrifflich zwischen Antisemitismus und Antizionismus unterscheidet, ja, ob man sich überhaupt auf eine gültige Definition des Zionismus verständigt53, man muss doch zugeben, dass einzelne Motive der obsessiven Israelkritik starke Anklänge an den traditionellen Diskurs der Antisemiten zeigen. Früher wurde den Juden vorgeworfen, das Kaiserreich, die Nation oder das Volk zu unterwandern. Sie ruinierten deren Einheit und »kontaminierten« sie mit ihrer fremden Anwesenheit, ihrer Lebensweise oder ihren Glaubensinhalten. Heute wird Israel vorgeworfen, die Kontinuität der arabischen Welt geht, dass es zu unzähligen Kontroversen und Interpretationen Anlass gegeben hat.

Die Autorin Houria Bouteldja ist Sprecherin der Parti des Indigènes de la République (PIR), einer Gruppe, die nach eigenem Bekunden jede Form »imperiale, kolonialer und zionistischer Dominanz« bekämpft. Ihr Buch Les Blancs, Les Juifs et nous entwickelt die These, dass der Weiße als »soziologische« Kategorie für die Fehler des Westens verantwortlich und grundsätzlich an der Beherrschung der Kolonisierten mitschuldig sei.

Und wie verhält es sich mit den Juden?

Sie haben unbestritten Leid erfahren, aber allein das verschafft ihnen noch keinen Zugang zur Gruppe der »rassistisch Diskriminierten«. Warum nur? Weil die vom Westen kontaminierten Juden gewissermaßen zu Komplizen der Weißen geworden sind. »Man erkennt einen Juden nicht daran, dass er sich als Juden bezeichnet«, schreibt Houria Bouteldja, »sondern an seinem Drang, in der Weißheit aufzugehen.« Wenn der Jude ein »Dhimmi der Republik« ist, ein »senegalesischer Tirailleur des westlichen Imperialismus«, dann ist der Zionismus lediglich der Ausdruck einer neuen weißen Gewalt, die es abzuwehren gilt, indem man den »Antizionismus zu einem Refugium« und bevorzugten Ort des Kampfes gegen eine überzeitliche Kolonialisierung erklärt. Es ist der Krieg eines »Wir«, der Krieg der Ausgeschlossenen und Unterdrückten, der »rassistisch Diskriminierten«, die mit einer identitären Zauberformel unvermittelt gegen das »Sie« des schuldigen Westens zusammengeschweißt werden. Euch!« Nichts scheint künftig beneidenswerter oder kostbarer als der Status eines Opfers oder Unterdrückten, das Privileg eines schutzspendenden Platzes im Schatten eines großen Unglücks. Denken wir nur an den Satz, den Marceline Loridan-Ivens so gerne zitierte: »Nie werden sie uns das Böse verzeihen, das sie uns angetan haben.« Das jüdische Leid ist zugleich archetypisch und sonder­bar.

DER WEISSE JUDE UND DER DRECKIGE JUDE

Immer mehr Stimmen bekämpfen im Namen des Leids der Vergangenheit, der Kolonisierung, der Sklaverei oder der Diskriminierungen das sogenannte Weißsein, ein Konzept, das ursprünglich unter dem Namen Whiteness in den 1990er Jahren in den Vereinigten Staaten aufgekommen ist: das Erbe Europas und der »herrschenden Klasse«, die den »Unterdrückten« der Geschichte Gewalt angetan hat und noch immer die damit zusammenhängenden Privilegien genießt. Es gilt, endlich dem anderen, dessen Stimme so lange erstickt worden ist, Gehör zu verschaffen. Dieses Bestreben ist grundlegend und wichtig, solange es sich nicht um ein Identitätsverständnis handelt, das genauso ausschließend und hasserfüllt ist wie das zu verurteilende. 

Wird fortgesetzt.

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