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21.02.2020, Jamal Tuschick

Wir reden weiter. Ute Cohen und Jamal Tuschick unterhalten sich über Cohens literarischen Kosmos.

Unwahres Einverständnis

Nicolas Mathieu beschreibt das, worum es mir gerade geht, in seinem letzten Roman „Wie später ihre Kinder“. Er unterscheidet zwischen solchen, die sich konsequent über Vorgänger- und Nachkommenschaft definieren und deshalb ihren Kindern etwas vorleben, und solchen, die ihre Entscheidungen nicht aus dem Katalog des Grundsätzlichsten beziehen.

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Am 13.01.2020 um 18:40 schrieb Jamal Tuschick:

„Archaisches Projekt

Eva hat zwar nicht die Kraft, die Familienbande zu stärken, sie hat aber auch nicht die Einsicht, ihre Lage zu erkennen. Die Ehe offenbart eine Inkonsequenz, die lässlich wäre, bliebe Eva damit für sich oder ginge anders wo hin.“ 

Beruflich gescheitert, hält sich die weibliche Hauptakteurin in Ute Cohens zweitem Roman „Poor Dogs“ an André. Ihn bestimmt sie zu ihrem Nachteil als Ehemann.

Die Wahl ist deshalb so fatal, weil André nicht die Freiheit hat, sich einfach so zu demolieren und in einer Stadt wie zum Beispiel Berlin zwischen Free Lancer-Engagements und Wochenmarkt vor sich hin zu schillern. Man hält so eine halbrepräsentative Bruchbude im Bermudadreieck der Gentrifizierung wie eine Startposition. Die Frage lautet, braucht man drei oder braucht man zehn Minuten bis zum Kollwitzplatz. Alle haben schon mal eine Pleite hingelegt; sind geschieden; gehen fremd; haben Suchtprobleme.

Diese maßlose Übertreibung dient allein dem Zweck, klarzustellen, dass André sich nicht so easy verplempern kann. Er muss als Sohn funktionieren.

Weiter aus dem Gespräch:

„Anders gesagt. Alles läuft auf André hinaus. Seine Herkunftsfamilie hat ihn auf den Schild gehoben, er muss leisten & liefern. Seine Seitensprünge sind nicht das Thema. Das Thema ist sein berufliches Fortkommen, die Fortsetzung der Familie als archaisches Projekt. Nicolas Mathieu beschreibt das, worum es mir gerade geht, in seinem letzten Roman „Wie später ihre Kinder“. Er unterscheidet zwischen solchen, die sich konsequent über Vorgänger- und Nachkommenschaft definieren und deshalb ihren Kindern etwas vorleben, und solchen, die ihre Entscheidungen nicht aus dem Katalog des Grundsätzlichsten beziehen. Auf dieser Folie der Betrachtung könnte man Eva Unernst vorwerfen. Du siehst es anders, und ich ende nun vor der Klärung.“

Ja, Sie haben richtig gelesen. Da steht:

„Du siehst es anders, und ich ende nun vor der Klärung.“  

Wir sind nun doch bis zum du heruntergekommen. Das ist nicht meine Schuld. Während Ute Cohen sich ständig auf Evas Seite schlägt, obwohl sie sich eher mit André identifiziert, ist es bei mir genau umgekehrt. Ich bin Eva. Evas Gesamtschuldummheit ist meine. Mir ist das vor langer Zeit klargeworden.

Eine Szene aus der Ära des Begreifens

1990 blieb der Schnee in Frankfurt wochenlang liegen. Der erste Golfkrieg war im Gang. Ein Freund gab mit seinem ersten Gehaltszettel an. Darauf waren ihm zehntausend Mark angewiesen worden. Nach der Arbeit kam er im Anzug in die Kneipe, die Kellnerinnen machten große Augen. Er verstörte sie mit Trinkgeldern. Ich fühlte mich von seiner großspurigen Lässigkeit gehetzt.

Ich wollte nur einmal diese Sensation erleben, die ihn eine Weile jeden Abend erwartete, damals als er im besten Alter und ungebunden bei Frauen unglaubliche Reaktionen provozierte, ohne Aufwand. Er war jung zu seinem Vergnügen. Er verdiente das Geld für sich. Er las die richtigen Magazine zu seiner Zerstreuung und er hörte die richtige Musik, da sie seinen Geschmack traf. Er gab nichts ab und entsprach doch einem Ideal, bevor sich die Gewichte naturgemäß zu seinen Ungunsten zu verschieben begannen, er unversehens eins, zwei, drei Jahre zu alt war für den großen Aufriss, der Bauch bekämpft werden musste, eine aufwendige Lebensplanung ihn zu einem Normalverdiener machte, der sich das Trinkgeld sparte, die musikalischen Interessen eine konservative Note erhielten und im Übrigen der Mann schon so gut wie verheiratet war. Inzwischen verbrauchte ich den Vorrat meiner Hoffnungen noch lange nicht. Ich war zu jeder Zeit weit davon entfernt, aufzugeben. Geduldig jagte ich mein Glück.

Eben fällt mir die Geschichte eines Ehepaares ein, das sich, beidseitig anderweitig verheiratet, Jahrzehnte zuvor auf einer Party kennengelernt und von der Party direkt nach Paris gefahren war. Die Scheidungen wurden telefonisch eingeleitet. Zur Leidenschaft kam die Vernunft von vier Juristen. Der ausbrechende Anwalt zog die Kinder seines Vorgängers auf und kümmerte sich auch um die eigenen. Dies zu den Spielräumen, über die manche im Spektrum zwischen Leidenschaft, Intelligenz und bürgerlichem Komment verfügen.

Es versteht sich von selbst, dass Eva niemals so aus dem Vollen schöpfen wird. Sie ist gewiss nicht zu Ende erzählt in „Poor Dogs“. Selbst wenn man sie als Verlängerung der missbrauchten Marie betrachtet, die in Ute Cohens Debütroman „Satans Spielfeld“ …

Das Grauenhafte vollzieht sich im unwahren „Einverständnis“ des Opfers. Marie kommt den Erwartungen des Täters entgegen. Sie wähnt sich auf einem Hochseil der Freiwilligkeit. 

… sich die Schuld eines Verbrechens, das an ihr verübt wurde, zu eigen macht, bleibt noch viel zu sagen.

Prix Goncourt-Preisträger Nicolas Mathieu erzählt in „Wie später ihre Kinder“ von einem autochthonen Arbeitersohn, der auf die Füße fällt, und einem Einwanderersohn, der ein paar falsche Entscheidungen zu viel trifft.

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In einer verödeten Gegend an der Grenze zu Luxemburg beschreiten Leute „unterirdische Wege“ des Überlebens. Fast ohne soziale Absicherung arbeiten sie in dem „unter chronischem Arbeitskräftemangel leidenden“ Nachbarland und bewahren als Pendler ihre französischen Gemeinden davor, Wüstungen zu werden. Sie retten hier eine Schule, in der sie sich selbst gelangweilt haben, und da eine Bäckerei, die ihnen einmal als verheißungsvoller Ort erschienen ist. Mitten in Europa existieren sie an einem Rand. Ihre Klasse gibt es in keiner positiven Betrachtung mehr. Sie konkurrieren mit Migranten. In diesem Wettbewerb sind sie sich selbst so fremd geworden, dass sie ihren Töchtern und Söhnen außer Plattitüden fast nichts mehr zu sagen haben.

Nicolas Mathieu, „Wie später ihre Kinder“, Roman, Hanser Berlin, 445 Seiten, 24,-

Die unerzogenen (und ratlosen) Söhne der Verlierer stellen Wut zur Schau. Die Wutperformance schützt sie in einer Gemeinschaft, die ihre Verfassung verloren hat. Früher arbeiteten die Väter an Hochöfen und ihre muskulöse Genügsamkeit stellte einen gesellschaftlichen Wert dar. Jetzt hilft Anthony seinem Vater, der nach Jahrzehnten als Stahlarbeiter als Gabelstapelfahrer seine letzte solide Beschäftigung hatte und inzwischen nur noch die Anwesen der wenigen Vermögenden vor Ort in Schuss hält.  

Nicolas Mathieu schildert ein Milieu, in der Selbstachtung für viele ein Phantasieprodukt ist. Jahrhunderte hing die Achtung der Armen von Arbeit ab, von schweren gemeinschaftlich begangenen Tätigkeiten, die einen typischen Tagesablauf erzwangen; eine Gleichheit der Verhältnisse, die den Gemeinschaftssinn anspornte und Traditionen stiftete. Die Lebensentwürfe wurden vererbt. Man kam zwar nicht über seine Klasse hinaus, fiel aber auch nicht aus dem Rahmen. Man war, was der Großvater schon gewesen war, ob Steiger oder Stauer. In der Gegenwart haben die sich durchschlagenden Väter nicht einmal mehr den Fetzen eines Lebensentwurfs für ihre Söhne.

Anthony lebt in einer Wildnis. Er treibt kriminellen Aufwand, um Mädchen nackt zu sehen. Aber dann tragen sie doch Bikinis und ergötzen sich in ihrer Unerreichbarkeit an Anthonys Begehren.

Anthony lässt sich das Moped seines Vaters klauen – von Hacine, den Mathieu als Gegenspieler mit Migrationshintergrund aufbaut und dann klischeehaft zum Einsatz kommen lässt.  

Schauplatz der Tristesse ist Heillange, eine erfundene Stadt an einem See und in einer Senke. Es ist Sommer, ein ewiger Sommer. Die Handlung setzt Anfang der Neunzigerjahre ein. Sie zieht sich durch das Jahrzehnt und kennt nur eine Jahreszeit. Im ersten Sommer ist Anthony vierzehn. Er orientiert sich an einem älteren Cousin auf eine nachlaufende Weise. Verliebt ist er in Stéphanie, die ihn immerhin niedlich findet. Sie himmelt das „megasüße Arschloch“ Simon an.

Wegen des geklauten Mopeds sieht sich Anthony genötigt, energisch zu werden. Erst zielt er mit einer Pistole auf Hacine, dann spuckt er dem Dieb & Dealer ins Gesicht. Mathieu deutet bereits im Titel eine beinah brüderliche Verbindung an: Wie ihre Väter werden auch sie keine Spur hinterlassen. Als hätten sie nie gelebt.

Dem Einfall kann man bis zu der Erkenntnis nachgehen, dass er keine erhebliche Höhe erreicht. Das Leben ist nicht für ein Nachleben gemacht. Es vollzieht sich auf die richtige Weise, wenn es keine Einladungen an die Nachgeborenen ausspricht.

Vollständige Sterblichkeit ist ein Segen; um eben nicht noch einmal als Fraß einer nachgeborenen Meute sterben zu müssen.

Im zweiten Sommer des Romangeschehens sind die Antagonisten sechzehn, Hacine kommt mit fünfundvierzig Kilo Cannabis aus Marokko in das Land seiner Kindheit. Die Chancen doppelter kultureller Auswahl, transkontinentaler Ortskenntnisse und Vertrauensbasen nutzt er wie ein Blödmann. Der Kanake dealt. Was sonst könnte er tun nach allen möglichen Lektionen auf den Brachen eines aufgegebenen Industriestandorts im nordfranzösischen Nirgendwo? Mich stört die Delegation des Stupiden an Hacine. Dann sind auch noch seine Fußtechniken labbrig, während Anthonys Vater als Hüter des Sohnes plötzlich grandios wird. Er nimmt „steinerne Härte“ an, gewinnt „mineralische Festigkeit“.

1996 macht Anthony Abitur, und Stéphanie ist endlich bereit für den Treuherzigen.

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