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21.02.2020, Jamal Tuschick

Eine #Boomerbeat-Geschichte

„Beliebige Rekombinationen fieberhafter prekärer Aktivität haben das politische Bewusstsein ... verdrängt.“ Franco Berardi

Old School Cocooning

Der Künstler spielt mit seiner Tochter, außer mir schaut sich keiner die Bilder an. Inara unterhält sich mit den Wochenmarktfetischisten, die bei uns im Haus wohnen. Zwei fürchterliche Truthähne. Der Faltenwurf der Häute passt zum verknitterten Leinen.

Ich bin so weit, dass ich barfuß in Sandalen die Hässlichkeit meiner Füße als Instrument des Terrors einsetze. Die Lust am stillen Krawall ... ich vermute, dass Inaras Macken auf einem ähnlichen Misthaufen der Regression wachsen. Manchmal wird sie vorsätzlich zur Störung. Eine gewisse Peinlichkeit, die sie lange kannte, ist weg wie nie dagewesen.

Stunden später fällt uns auf, dass wir von dem Straßenkampf zwei Häuser weiter wieder nichts mitbekommen haben. Diese Art, in einer Stadt zu sein, nannte man früher Cocooning. Wir wollen noch in den Friedrichshain, wenn wir schon mal in der Gegend sind, verfahren uns auf unseren Rädern und erreichen mühelos die Tilsiter Lichtspiele in der Richard-Sorge-Straße, die wir garantiert verfehlt hätten, wäre das Kino unser Ziel gewesen. Wir trinken Kaffee im Café des Kinos, dann machen wir uns auf den Weg zum Friedrichshain. Plötzlich verliere ich das Gleichgewicht und schramme haarscharf an einer Hecke vorbei. Ich fange mich auf, es ist nichts passiert.

Ja, Inara ist mongolisch.

Die vor mich fahrende Inara hat nichts mitbekommen. Das ist typisch. Ich könnte hinter ihrem Rücken ermordet werden und sie bekäme davon so wenig mit, dass sie mich, falls sie keiner vorher informiert, zwei Tage später kaum besorgt als abgängig melden würde; weil sie erst eine Stunde nach meinem Tod und entsprechend weit weg überhaupt etwas erstaunlich gefunden hätte.

Ich fasse mich sofort und lächle. Das ist im Augenblick eine mimische Leistung. Während ich die Verfolgung aufnehme, um Inara einzuholen, meldet mein Muskelgedächtnis eine mit dem Beinahsturz verbundene Erfahrung. Mir ist das schon zweimal passiert, jedes Mal mit gravierenden Folgen. Diese unerklärlichen Stürze beeinflussen meinen Fahrstil. Ich sitze heute, ob ich will oder nicht, bald bedächtig im Sattel. Vermutlich hat mich die Anpassung eben vor Schlimmerem bewahrt. Ich denke, solange Langsam-fahren als Gegenmittel ausreicht, sollte mich nichts verdrießen.   

Inara erwartet mich am höchsten Parkpunkt. Er erhebt sich über einem Oval, von Inara Opa-Parcours genannt, wegen eines hohen Aufkommens greiser Freier in ihrer Kindheit an einer Stelle, die sich nur aus der Luft überraschend angreifen lässt. In uns allen steckt ein uraltes Programm. Man muss sich blöd stellen, um seine Aktivierung zu ignorieren. Dabei fühlt es sich gut an, wie ein die Savanne mit Beuteblick durchstreifender, auf anschleichende Feinde spezialisierter Primat in der Stadt unterwegs zu sein.

„Langsam fahren bringt den Sieg“, sage ich, wissend, dass sich Inara für den Zusammenhang nicht interessiert.

Inara hört mir nicht zu. Manchmal erinnere ich mich daran, was mich an unserem Anfang so fasziniert hat. Andrzej Stasiuk entdeckt in seiner Marcopologie „Der Osten“ das Echo einer von Absichten kaum beschwerten Expansion. Man eroberte, um die Pferde in Gang und die Männer in Form zu halten, ritt Fleisch unter dem Sattel mürbe, zerstörte, was den Weg verstellte, und stellte dann doch nur wieder eine Jurte zwischen rauchenden Ruinen auf. „Gleichgültige Blicke, reglose Gesichter. Genauso müssen die Mongolen vor siebenhundert Jahren ausgesehen haben, als sie von ihren Sätteln herab auf die vor Schreck erstarrten Bewohner der unterworfenen Gebiete blickten.“

Inara kommt den mongolischen Eroberern nach. Sie ist zugleich Falke, Sturm und großer Gesang (ungefähr Rilke) - eine Schamanin unserer Zeit blabla. Zumindest weiß Inara, was sie will. Allein das löst Begehren aus, aber auch ein Rettungsring, den ich jetzt so gern habe. Der mich anguckt wie aus blauen Augen. Die Fettwelle erscheint mir wie ein Gesicht. Seit ich nicht mehr rauche und trinke, hat dieser buddha‘eske Anblick den Charakter eines Querverweises. Man setzt sich der Sexualität nicht mehr in der Erwartung starker Reize aus, sondern folgt lange links liegengelassenen Nebenwegen. Schon lange sträube ich mich nicht mehr gegen die vielen Kaffeepausen. Diesmal unterbrechen wir den Ausflug im Parkcafé. Musik spielt nach außen. Ich erkenne West End Girls. Als die Pet Shop Boys jung waren, gab es einen Weltzusammenhang zwischen ihnen, handgemachten Schuhen, die manche Leute in London kauften, Anzügen von Yōji Yamamoto und David Hockneys Bigger Splash. Mit mir hatte das alles nichts zu tun.

Im Kino am Friedrichshain läuft „A Bigger Splash“. Der Film reagiert auf eine 69er-Piscine-Petitesse mit Romy Schneider, Jane Birkin, Maurice Ronet und Alain Delon. Maurice und Alain schwimmen in dieser Badeschlappe ständig gegeneinander und sobald sie aus dem Bassin kommen, rauchen sie los wie von der Tarantel gestochen. Beim jugendlichen Zuschauen gestört hat mich: dass die Zeit des Abatmens so knapp gehalten wird.

Um der Langeweile ein Schnippchen zu schlagen, frage ich Inara, ob sie weiß, was mich davon abhält ihre immergrünen Anwandlungen nicht zu verdammen.

Sie guckt noch nicht mal erstaunt, das gefällt mir.

„Ich schätze, du erträgst mich deshalb ganz gut, weil ich es nicht nötig habe, für dich so wichtig zu sein, wie ich es sowieso nicht sein könnte.“

Das ist witzig gemeint. In Wahrheit ist es genau anders herum. Ich habe es nicht nötig, einer von den drei Männern zu sein, die Inara nicht vergessen will. Ich habe nämlich verstanden, worauf es ankommt. Es geht darum, nicht so sehr zu verblöden, dass man in einer Ausstellung anfängt, über Bilder zu schwadronieren. Van Gogh hat ohne modernistische Absichten gemalt. Seine Kunst kam aus der Notwendigkeit. Originalität spielte keine Rolle. Van Gogh dachte über Gemüseformen und -farben nach. Er malte ein Stillleben nach dem nächsten, als das Stillleben weitläufig außer Kurs gesetzt war. Er folgte einer inneren Vorgabe.

Das Schwert

Inara prüft ihre Tagesform mit dem Schwert. Das Schwert ist keine Sache, es ist beseelt und kann nicht einfach Eigentum sein. In den Händen einer Ungeprüften ist es von geringem Nutzen. Man muss über Führung Erstaunliches wissen, um es führen zu können. Nicht das Schwert gehört einer Befähigten, sondern eine Befähigte gehört zum Schwert. Man kennt solche Figuren vom Tango, in jedem Fall kommt zur Übung die Leidenschaft. Beides muss überwunden werden in einer Vereinigung der Schwertführerin mit der Klinge. Endlich ist sie so kalt wie der Stahl im Ideal.

Inaras Wushu ist Lyrik ohne Ornament. Ich nenne es Karate, wie alles, was mich nicht nur am Rand interessiert. Seit meiner Bahnhofskinozeit durchliefen Inszenierungen des Gong-fu eine Evolution der schönen Versachlichung. Sie führten zu schnickschnackfreien Kampfszenen, da federt kein Trampolin mehr unter den Aufschwüngen der Artisten.

Das Schwert wurde von einem reitenden Boten bei einem von Inaras Ururgroßonkeln abgegeben. Nach Deutschland gelangte es im Diplomatengepäck eines Großneffen des Ururgroßonkels. Damals gab es noch das deutsche Kaiserreich und Kanonenbootpolitik als allseits gepriesene Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Ich wende mich wieder Deborah Lipstadts Analyse „Der neue Antisemitismus“ zu. Ausführlich geht sie der Frage nach, wie tolerant eine offene Gesellschaft gegenüber religiösen Empfindlichkeiten sein darf.

Vermutlich ist die naheliegende Annahme falsch, dass alles auf Säkularisierung hinausläuft. Die Verbrechen der Katholischen Kirche als Komplizin der Konquistadoren und die Missbrauchsfälle beschädigen sie nicht fundamental. Sie übersteht jeden Vorwurf wie mit einem Achselzucken. 

Deshalb wäre es verwegen, in dem Empfindungschaos der Gegenwart die Geburtsschmerzen einer gottlosen Weltgesellschaft zu vermuten. Nichts deutet darauf hin, dass Religionen von irgendetwas abgelöst, was wir auf dem Schirm haben.

Ich extrapoliere den Befürchtungskontext, in dem westliche Publizist*innen (in dem von Lipstadt aufgerissenen Betrachtungshorizont) sich selbst vor dem Vorwurf der Feigheit in Schutz nehmen. Das ändert nichts daran: Wer Rücksicht aus Angst nimmt, nimmt noch nicht mal Rücksicht auf sich selbst. Er verlängert nur die Strecke falscher Gewissheiten. Der Kampf um die Freiheit geht doch immer weiter. Lässt du dich hier einschränken, wirst du auch da eingeschränkt. Wehrst du dich gleich, ersparst du dir zumindest ein zähes Später (im Zustand noch größerer Schwäche).

Lipstadt fächert den Zumutungscharakter auf, der darin besteht, dass bei dem Charlie Hebdo-Anschlag Redaktionsmitglieder ermordet wurden, „weil sie etwas getan“ hatten; Polizisten „in Ausübung ihrer Pflicht“, während die Opfer im koscheren Supermarkt, „für das getötet (wurden), was sie waren“.

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