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22.02.2020, Jamal Tuschick

Liebe Ute, mir graut vor dem Morgen, an dem ich alles von dir gelesen und beantwortet haben werde. Beantwortet wie einen Schwung Briefe im 19. Jahrhundert. Ich will nicht, dass unser Gespräch aufhört. Mir gefällt es in deinem Spiegelkabinett aus Worten. Ich könnte hier und da anfangen mit zu dichten und weiterzuschreiben in einer Kollaboration, die sich so offen wie geschlossen vollzöge.

Postkoitale Trance

Eingebetteter Medieninhalt 

Ich weiß nicht, wie oft ich versucht habe, „Poor Dogs“ auf meine Weise zu schreiben. Die Geschichte von Eva und André, so wie du sie erzählst, gleicht einem Stück, das man oft gesehen hat: in disparaten Aufführungen mit Szenen überall in Europa. Dazu gehören Hotelhöhepunkte, das Klingeleis im Glas, der Jetlag und das Gefühl, den Puls des Universums spüren zu können. Zwei Bücher sind in diesem Kontext wichtiger als alle anderen, die ich gelesen habe: Tom Wolfes „Fegefeuer der Eitelkeiten“ und Bret Easton Ellis‘ „American Psycho“.

Wolfe und Ellis beschreiben die forcierte Amoralität der Achtzigerjahre als Reaktion auf die antiautoritären Parolen der außerparlamentarischen Opposition von Achtundsechzig. Klassenunterschiede, die in den Siebzigerjahren aufgehoben werden sollten, haben ihre Attraktivität als Kritikgegenstände verloren. Niemand schreit Revolution.

Die Maoisten von gestern nutzen Kaderstrategien, um im Kapitalismus durchzustarten. Ein unbesprochener Dekaden-Konsens postuliert, dass die Westler es verdient haben, auf der Speckseite zu leben. Man genießt die Privilegien wie eine Verschwörung. Hinter den eisernen Vorhang zu fahren, ist stets eine Reise ans Ende der Nacht.

Zu Besuch bei Bedauernswerten.

Einmal geriet ich in eine andalusische Räuberhölle. Ich brauche vielleicht noch zehn Jahre, um endlich das erzählen können, was ich in der Alhambra beobachtet habe, in einer rostenden, von streunenden Hunden belebten Sackgasse. Da gab es neben der Frisierstube für Fahrzeuge eine Bar, die wie ein auf Grund gelaufener Kutter schiefstand. Die Besatzung bildete ein Ensemble fellinesker Typen. Dem könnten auch Eva und André auf einem ihrer Ausflüge begegnet sein, als sie mit dem Anfang spielten. Eines Morgens erwacht Eva vom Protest einer bis zum Bett durchgebrochenen Rivalin. Eva registriert die Kleidergröße und das Aussehen der anderen. Sie stellt sich der Herausforderung und beweist Witz. Sie zeigt Qualitäten, die nicht dauerhaft zu ihr gehören.

Die Gegenspielerin heißt Dana und geht als Monroe des Ostens unter die Leute.

„Die Baseline stimmt. Tits’n Ass und die nötige Portion Brain.“

Sie könnte sich selbst aufreißen, so heiß ist sie in jedem Fall. Aber André muss sich (dem Anschein nach) mit einer zufriedengeben, da sich die beiden Frauen streiten. Er verzichtet vorerst auf die tschechische Verheißung, um bei nächster Gelegenheit Dana nicht mehr perfekt zu finden. Die Hüften expandieren, während der Busen sich kaum vom Rumpf abhebt. Außerdem hat eine osteuropäische Herkunft kein Renommee.

Der Wirtschaftsprüfer intensiviert seine Anstrengungen bei Eva. Sie bietet sich einer „prestigeträchtigen Verbindung“ an, getrieben von einer elaborierten Verschmelzungssehnsucht.

André verführt Eva auf der Achse Bataille – Austern – Paris. Das sind post-koitale-Trance-Zutaten wie im Weiteren Salz, Zitronensaft und wie durch Türspalte fotografierte WC-Séancen. André bringt sich impressionistisch in Form. Er hält sich mit einer Gedankenbildhauerei rund um Frauenärsche im rauschhaften Hoch. Auf dem Weg nach Frankfurt, wo sie ein Geständnis abzulegen hat, bricht Eva fast zusammen. Sie muss noch mit Jens Schluss machen, um endlich ganz frei für André zu sein. Es gibt nur eine deutsche Stadt mit einer filmreifen Highlife-Kulisse.

Das ist Frankfurt am Main.

Ich wohnte in einem Hinterhaus am Sandweg. Im Vorderhaus war ein Lokal für fünfunddreißigjährige Bringer. Verbrauchte Broker schrien ihren Siegeswillen heraus. Ihr Sport war Rugby. Manchen reichte es mit der Trainingstasche in die Kneipe zu kommen.

Da wäre André hin, um aufzudrehen. Im Hinterhof stand ein als Teich getarntes Bassin. Es gab die versehrten Klappstühle und den kaputten Grill und eine Begrünung, die im Herbst dramatisch rot wurde. Das Equipment und die Kulisse assoziierte man mit Steffi. Sie hatte sich auf schräge Sachen spezialisiert - Ugly Casting - war aber normal geblieben.

Das ist auch so was, dass sich retrospektiv nicht mehr fassen lässt: diese abgehobene Bodenständigkeit. Steffi kam aus Kelkheim und feierte ihre Geburtstage in einem Vereinsheim nahe dem Elternhaus. Da stellten sich dann die extravaganten Freunde ein und redeten über klandestine Supersachen in Offenbach.

In Steffis Studio stand ein Weltraumfahrrad. Die Studioleitungen lagen auf dem Putz. In Metallschränken verwahrte Steffi sechstausend Karteikarten. Sie rauchte am offenen Fenster Zigaretten, die nach Nelke rochen. An der Pinnwand klemmten das Pilates-Flugblatt und die Thai-Speisekarte.

Das Geschäft mit dem Foto, das sogar dich reich und berühmt machen konnte, übte enorme Anziehungskraft nicht nur auf die Siebzehnjährige aus, die keinen Zweifel daran hatte, dass ihr Karriere-Glück in naher Zukunft wie in einem Überraschungsei steckte. Ein paar Gepiercte erwarteten den Kamerablitz stoisch im Vorraum.

Steffi nahm den Nachwuchs mit, ihr Hauptgeschäft war die Vermittlung von in Perückenbenutzung versierten Rentnerinnen mit Spaß an krauser Performance. Wichtig war Willie, Wirtin von Beruf und Darstellerin aus Passion. Typ Sägebrecht.

Es gab Anfragen für leicht schräg und ein bisschen witzig.