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23.02.2020, Jamal Tuschick

Wer hat ihn geschrieben? - Das Mainlabor-Quiz

Heute stellt sich die Frage im Zusammenhang mit einem Roman, der im frühen 20. Jahrhundert von einer damals berühmten Autorin verfasst wurde und in den Interieurs des 19. Jahrhunderts schwelgt.

Ein Flame in London

Eingebetteter Medieninhalt

Er ist ein von Rohheit gelangweilter Liebhaber des Abendbrots. Der letzten Mahlzeit des Tages schenkt der Ex-Polizist seine ganze Aufmerksamkeit voll des Bedauerns nicht den ganzen Tag zu Abend essen zu können.

Heute lese ich einen Roman gegen die erklärte Absicht der Autorin. Ich verrate weder den Namen der Autorin noch den ihres Helden. Ich beschäftige mich mit jenen Details, die zu dem Zweck eingeführt wurden, den Leser gegen seine Skepsis einzunehmen und seine kritische Potenz zu vermindern.

Der Akteur ist ein fleischiger Kontinentaleuropäer in England. Die Rolle des Expatriierten füllt er blendend aus. Das Milieu seiner Herkunft* nötigt ihn zu einer Verkörperung. Zweifellos werden die meisten Engländer in Alain (so nenne ich ihn) einen Franzosen erkennen, aber einen, der sich weder über das Wetter noch über das Essen beschwert.

*Alain wuchs auf einem Stützpunkt für Binnenschiffer an einem Kanal zum Rhein im flämischen Nebelland auf. Seine Eltern bewirtschafteten ein beispiellos-dubioses Ding zwischen Seemannsheim und Hafenkneipe.

Alains Ehrgeiz erschöpft sich vorderhand, untadelig in Erscheinung zu treten. Dazu gehört unbedingt ein lackierter Schnurrbart. Sie fänden ihn herausgeputzt, aber als eine Person des 19. Jahrhunderts ist Alain angemessen um seine Wirkung bemüht.

Ach so, Alain ist ein kleiner Mann, der sich gerade hält, und es keinem erlaubt, in ihm nicht eine Persönlichkeit von fabelhaft-vorgeblich aristokratischem Format zu sehen. Das entspricht einer Zeiterscheinung und wird von niemandem beklagt. An Personal gewöhnt, erkennt er den Snob im Knecht. Die Letzten, die sich eine herrschaftliche Verachtung leisten können, sind Diener.

Psychologisch auf der Höhe, weiß er, wem er ein Bier und wem eine Crème de Cacao anzubieten hat. Serviert wird selbstverständlich nicht persönlich.

Alain fühlt sich in ansprechendem Interieur auf eine angenehme Weise gelangweilt. Jemand erzählt ihm von einer Geisterstunde, die im Haus einer reichen Witwe abgehalten wurde. Man trat in Kontakt mit den Ahnen und erlebte seltsame Zustände, wie zum Beispiel dauerhaft steife Glieder. Séancen sind ein populäres Genre, in England werden überall Tische gerückt. Es wird gependelt wie verrückt. Man munkelt, selbst die Königin hielte sich nicht frei davon. Zu den Verpflichtungen umfassender Staatsführung gehören Suspendierungen der Vernunft so wie der Reinheit. Sind genug gute Münzen im Umlauf, darf aus royalen Beimischungen schlechter Münzen keine Staatsaffäre gemacht werden. Ein Volk allein mit vorbildlichem Verhalten zu beherrschen, kann nicht gelingen. Ovid sagt: Was nur aus Furcht vor Schande vermieden wird, ist schon getan. Eine Verfassung ohne trügerische Zugaben gibt es nicht, so Seneca. Um den Missstand zu überspielen, setzt man dem Mysterienspiel vom Ursprung alles zu, was ein einnehmender Prospekt braucht. Mit verdummenden Erzählungen und Verlegungen grundgesetzgebender Versammlungen in den Himmel lassen sich geduldige Gläubiger erziehen. Jeder Staat hält wenigstens einen Gott an der Spitze. Weiß der Staat nicht weiter, bemüht er seinen Gott (seine Götter). Cicero: Da bemühen die Tragiker ihre Götter, wo sie den Knoten nicht selbst lösen können.

Nicht alle Binsen kann Alain bis zu ihren Quellen verfolgen. So weiß er schon nicht mehr, wer gesagt hat: Nehmt jene ernst, die sich scheuen, sich etwas anvertrauen zu lassen. Auch den Satz Man soll das nicht schmutzig nennen, was notwendig ist verwendet er eskapistisch. Fragt ihn ein Kommissar „mit großem roten Gesicht“ um Rat, wundert ihn stets aufs Neue die den Polizisten begleitende Begeisterung für Kinderspiele. Alain betrachtet jeden Sport als infantile Angelegenheit.

Zur Beerdigung seines Vaters kehrt Alain im seinem Geburtsweiler ein. Der Kanal vor der Elternhaustür war in besseren Zeiten ein Paradies für Krebse, die es bis auf das Wappen einer Familie von lokaler Bedeutung geschafft haben. Das Fischerviertel der nächsten nennenswerten Gemeinde erinnert nur dem Namen nach an einen geknickten Erwerbszweig. In einer Touristik-Prawda wird die Gegend als Flusslandschaft zum Verlieben über den grünen Klee gelobt.

Der Tod des Vaters nötigt Alain zu umständlichen Betrachtungen. Er legt Rechenschaft ab. Kindheit und Jugend unter der Fuchtel katholischer Fundamentalisten kommen ihm hoch. Den rheinischen Flecken verlässt Alain in Begleitung einer Frau. Da ihre Kindheit hart und die Jugend peinlich war, verliert Clara (Name geändert) keinen Blick an die Verhältnisse vor dem Kupeefenster. Das braucht sie alles nicht (mehr). Ihr Elternhaus war ein milchwirtschaftliches Verhängnis. Widerstandslos folgt sie Alain zu einem Hafen an der Ostsee. Die Fähre ist aufgetakelt wie ein Luxusliner, ein schwimmendes Hotel mit Casino. Jederzeit könnte Clara sich einmalige Erlebnisse verschaffen, doch zieht sie es vor, im Gebet isoliert zu bleiben.

Die Fähre schimmert auf dem Spiegel, am Grund der Ostsee wimmelt es von Fahrzeugen. Vor Rügen kommen alle an Deck und besehen die Übernahme der Kaleschen im Hafen von Sassnitz. Auch die Meerenge zwischen Rügen und dem Festland vor Stralsund überfahren die Reisenden auf einer Fähre.

Clara, Tochter eines furchtbaren Melkers, stellt fest, wie sehr es sie befriedigt, soweit gekommen zu sein. Ihre Schwestern sind im Elend geblieben, als Frauen beschränkter Bauern.

Bis nach Brandenburg bleibt die Gegend skandinavisch. Wie ein Sturz wirkt die Ankunft in Berlin. Vier Tage später sind Clara und Alain schon hinter Budapest und sehen Rinderherden und reitende Hirten, ohne Verständnis für das ungarische Landleben. Clara verschließt und erschöpft sich im Gebet, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass sie die räumlichen Dimensionen der österreichisch-ungarischen Monarchie herausfordern. Das Paar reist gegen die Laufrichtung der Völkerwanderung. Es passiert Rumänien, Bulgarien, Serbien, Albanien, Mazedonien und Konstantinopel.

Erst im Osmanischen Reich verliebt sich Clara in ihren Kavalier. Alain zieht die Konsequenzen mit einem Tusch. 

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