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24.02.2020, Jamal Tuschick

André ist narzisstisch, machiavellistisch und psychopathisch. Er verkörpert die „Dunkle Triade“ in Ute Cohens Angestellten-Reißer „Poor Dogs“.

Lasso der Infamie

Eingebetteter Medieninhalt

Ian Flemings Ur-James Bond verkörperte eine Entwicklungsstufe des Kolonialoffiziers, die nicht mehr gezündet wurde. Seine unbekümmerte Größe ergab sich als Akt der Kompensation. Fleming ersetzte die effektive Größe des erodierenden Empires mit einer phantasmagorischen Größe. Er schuf eine in jeder Hinsicht hypertrophe Gestalt nach irdischen Maßstäben. Bond bewegte sich zwar an einer Grenze zum Unwahrscheinlichen, aber er ging (in seiner Papierform) nicht über die rote Linie. In seinen Kämpfen gewann er selten auf Anhieb. Er musste schwerste Gegner mühsam zerlegen. Als temporär Abgesprengter handelte er im Auftrag seiner Königin so skrupellos wie Jahrhunderte zuvor von der ersten Elisabeth auf dem Thron in den Adelsstand erhobene Piraten gehandelt hatten. Im britischen Rahmen blieb Bond vollkommen loyal und weitgehend gesetzestreu. Gleichzeitig erkannte er kein außerbritisches Recht an. So stellte er symbolisch die Suprematie Großbritanniens wieder her. Leute, die das nicht mehr wissen, machen aus Bond einen Prototyp für die kritische Konstellation narzisstisch, machiavellistisch und psychopathisch: Die sogenannte „Dunkle Triade“.

Das ist Quatsch. Bond war ein Trosttiger für die wunde Seele des Kolonialisten. Nichts anderes. In einem Welt-Artikel aus dem Jahr 2015 zitiert Redakteurin Fanny Jiménez den australischen Sozialpsychologe Peter Jonasson, der Bond als laborperfekte Umsetzung der dunklen Triade charakterisiert: „eine schillernde, verlockende, aber recht gefährliche Kombination … selbstherrlich, machthungrig und manipulativ“.

So wie Jonasson Bond sieht, so sehe ich André Levy, den Helden in Ute Cohens Angestellten-Reißer „Poor Dogs“. Ein Gegenstand seiner Manipulationen ist die nicht weniger manipulative, aber insgesamt schlechter munitionierte zukünftige Heldenehefrau Eva. Mit Fieber kehrt sie von einer Mission aus Russland zurück und landet hinfällig wie nie zuvor in einem Düsseldorfer Krankenhaus. Der Menetekelcharakter ihres russischen Desasters zeigt sich wie ein selbstbewusster Exhibitionist.

André wirft sein Lasso der Infamie, Evas Niederlage (als Agentin eines weltweit aktiven Optimierers) auf einem neuen Markt verspricht ihm noch mehr Unterwürfigkeit der beruflich Gescheiterten und deshalb gesellschaftlich Derangierten. Zu diesem Verhältnis passt, was Fanny Jiménez den Gildenmeistern der dunklen Triade nachsagt:

„Sie profitieren davon, dass andere zu vertrauensvoll sind, zu zögerlich, zu anständig. Dass sie sich blenden lassen von Charme, Zielstrebigkeit und Durchsetzungsfähigkeit.“

Das Milieu überlässt Eva dem Prädator. Der „Bystander-Effekt“ wirkt sich aus. „Niemand (unternimmt) etwas, weil … andere ja auch etwas tun könnten. Diese Verantwortungsdiffusion nutzen Menschen der dunklen Triade geschickt aus. Sie sind, was Psychologen „Freerider“ nennen: Menschen, die der Gesellschaft wenig geben, aber viel nehmen.“ (So Fanny Jiménez)

Eva versagte auf einer Soft-Skills-Tournee. Sie hat sich selbst von der Liste der Aussichtsreichen gestrichen. Ihr bleibt nur noch André. Zumindest glaubt Eva das. Was ihr noch nicht klar ist, schon in der Hochzeitsnacht wird sie der Leibeigenschaft im Schattenreich von Andrés Mutter anheimfallen. Ich greife vor. André ist nur die Puppe. Er dreht sich an Fäden, die in den Händen seiner Mutter zusammenlaufen. Wir müssen uns unbedingt mehr mit der alten Puppenspielerin beschäftigen.

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