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24.02.2020, Jamal Tuschick

Buchpremiere

Norbert Hummelt liest am Dienstag, den 25. Februar ab 19 Uhr in der Katholischen Akademie zu Berlin, Hannoversche Str. 5, 10115 Berlin

»kreischend kommen sie über die mauer u. tauchen / hinab bis tief in den hof u. sie reißen meinen blick / nach oben immer nur der großen sonne zu …«

Die Sonne und ihr Licht stehen im Mittelpunkt von Norbert Hummelts neuen Gedichten. Denn ganz gleich, wie kunstreich der Mensch seine Welt einrichtet, ohne das Sonnenlicht ist er verloren. Sie ist das künstliche Licht der Raumstation, die den Himmel über Berlin passiert. Die Kraft, die die Natur belebt, den Blick des Betrachters lenkt. Der Klang einer Glocke, der Ruf der Ringeltaube reißen ihn aus einer Starre, wecken Sehnsüchte, lassen Bilder aufsteigen, in denen Licht und Helligkeit gespeichert sind. Träume lassen sich nicht festhalten, außer in Versen – sie schwingen nach in den lebendigen Rhythmen dieser Gedichte, die einfach wie Lieder sind und doch voller Geheimnisse. 

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Norbert Hummelt, 1962 in Neuss geboren, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Für sein lyrisches Gesamtwerk wurde er 2018 mit dem Hölty-Preis für Lyrik geehrt. Zuvor hatte er u.a. den Rolf-Dieter-Brinkmann-Preis, den Mondseer Lyrikpreis sowie den Niederrheinischen Literaturpreis erhalten. 

Road Runner versus Ionesco - Mit Bildungsbeigaben veredelt Professor Carr ein unstatthaftes Begehren. Die Studierende Natasha lobt ihn auf einen Posten der Überheblichkeit, wenn sie behauptet, dem TV-Zeichentrick-Roadrunner starke Prägungserlebnisse zu verdanken. Sie doolittelt den Liebhaber zum Higgins. 

Eingebetteter Medieninhalt

Nicole Flatterys Heldinnen wehren sich gegen Einvernehmen und Einvernahme. Die Autorin schickt mehr oder weniger gut getarnte Zerstörerinnen in Alltagsarenen. Sie erlaubt ihnen Momente der inneren Einkehr. Die Akteurinnen verjubeln aber jede Chance auf Katharsis. Der wichtigste Grund für die Resistenz: Sie empfinden Armut nicht als Unglück. Ihre Auflehnung braucht die Ausdünstungen auf den billigen Plätzen. Sie sind zu klug, ihre Herkunft sentimental anzusteuern, ohne so vermessen zu sein, die irische Kleinstadt als Anfang von allem zu negieren. In Abwandlung eines großen Satzes platziert sie eine angeborene Gleichgültigkeit halbwegs zwischen Sonne und Elend. Sie stehen für sich ein und lassen solche links liegen, die dazu nicht bereit sind. 

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Zu den paradoxen Wirkungen des Gemeinsinns zählt Individualisierung als Folge der Absicht, das Los aller zu teilen. Davon erzählt Nicole Flattery. Manche Geschichten soll man als Mitteilungen einer „unverfroren hässliche“ Person lesen, die schamlos voranschreitet und in jedem Fall besser teast als strippt. (Zieht sie sich vor einem Mann aus, läuft das auf eine Verhöhnung hinaus.)

Nicole Flattery, „Zeig ihnen, wie man Spaß hat“, übersetzt aus dem Englischen von Tanja Handels, 254 Seiten, Hanser Berlin, 18,-

Sie glaubt, tolerant zu sein, und hält sich zu angemessenen Reaktionen für befähigt. Trotzdem scheitert sie an der Theatralik ihrer Nachbarinnen, die, verkleidet als blühende Witwen, vorgeben, vom Leben „wie Streichholzschachteln brutal zerdrückt“ worden zu sein. Man kennt sich aus dem Kindergarten, der gerade angesagte Universitätsschick soll die Unbeholfenheit in Kratzwollstrumpfhosen vergessen machen.

Damals, als man noch keine Schleife selbst binden konnte, war man schon verlogen und gefallsüchtig.

Obwohl die in Kneipen herangezogenen, für die Zechen zuständigen Männer nach Crackern riechen und ihnen jede Menge Vorwürfe nicht erspart bleiben können, sind sie als Publikum der Fassadenkunststücke unentbehrlich.

Flatterys Heldin versteift sich in der Rolle einer Wahrhaftigen, deren Isolation längst beschlossene Sache ist. Die Zeuginnen gruppieren sich akkurat mit Abstand, um ihre Voreingenommenheit zu feiern. Von jeher harren sie auf den Schauplätzen der gemeinsamen Herkunft aus. Während die Erzählerin vom Scheitern zurückgetrieben wurde.

Auch deshalb ist es müßig, die Makel der anderen aufzuzählen. Der eigene Makel (der Hybris)  überragt alles.

Road Runner versus Ionesco

„Wir Schriftsteller … werden nie mehr allein sein.“ Albert Camus

Flattery setzt ihre Erzählerin dem gewöhnlichen Grauen (von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen) aus und lobt sie für ihr Gähnen. Dann setzt sie sie aber ab, um an ihrer namenlosen Stelle Natasha auflaufen zu lassen. Die Neue zeigt sich engagiert und dem Leben zugewandt, obwohl sie, im Geist der Vorgängerin, nicht (mehr?) weiß, was sie studiert in einem Imponier-Bau hinter steinalten Bäumen. Sie verführt Professor Carr in einem monotonen Reigen.

Sie drapiert sich für ihn auf dem Büroteppich.

Manchmal fährt sie mit ihm im Taxi durch die Stadt und versucht, den dissonanten Rahmenbedingungen der Liaison geistig gerecht zu werden. Ein schrecklicher Unernst beseelt sie und versaut alle Anwandlungen.

Mit Bildungsbeigaben veredelt Carr sein unstatthaftes Begehren. Natasha kommt ihm entgegen, wenn sie sich für geschlagen erklärt wegen des (für die Kommunikation ausgebeuteten) Umstands, dem TV-Zeichentrick-Roadrunner starke Prägungserlebnisse zu verdanken. (Siehe Rückkehr nach Reims

Natasha spielt Eliza Doolittle nach Vorgaben in Bernard Shaws „Pygmalion“. Sie verlangt von Carr, sich als Pseudo-Higgins der Lächerlichkeit preiszugeben. Das wäre kaum der Rede wert, würde der Liebhaber sich nicht so beschämend beeilen, sein Ridicülosum vor Natasha abzulegen.

There is a remedy for every wrong, and every wall is a gate, verlangte es Ralph Waldo Emerson zu sagen. Für Natasha und Carr gilt das eine so wenig wie das andere. In dieser Konstellation bestreitet nichts die plumpe Augenfälligkeit des Unguten, doch zweifellos zieht die Erzählerin daraus einen Genuss, er sich allerdings in der Destruktion erledigt.

Flatterys lässt ungepanzerte Zerstörerinnen vom Stapel. 

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