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24.02.2020, Jamal Tuschick

Masséna Wolfgang geht ständig in Westberliner Kinos. Beinah unbewusst ahmt er die Halbstarken-Ästhetik nach. Seine Idole sind Marlon Brando und Steve McQueen. Jahrzehnte später verstimmt ihn die Einsicht, dass sich Karl Malden als unangenehm zwiespältiger Kinocharakter (in „On the Waterfront“ genauso wie in „Cincinnati Kid“) eine unerwünschte Dauerpräsenz auf seiner inneren Bühne verschafft hat. Der Serien-Cop Detective Lieutenant Mike Stone aka Karl Malden (in „Die Straßen von San Francisco“) durchkreuzt die ausgeschöpfte Tiefsee unauslöschlicher Bilder, die sich am Spektakulären vorbei eingeprägt haben.

Blaualgengrün

Karl Malden als Shooter - Wikipedia weiß: „Shooter ist ein Versager, der mit der jüngeren und attraktiven Melba verheiratet ist, die aus ihrer Verachtung für ihren Ehemann keinen Hehl macht.“

Eingebetteter Medieninhalt

Niemals so lappenhaft zu sein wie Malden in „Cincinnati Kid“ entspricht einem unausgesprochen, beinah nur gefühlten Lebensziel. Wolfgang heiratet nach Kleinsassa. Ehefrau Inge bemerkt zuerst Wolfgangs Ähnlichkeit mit Malden. Dem Schauspieler fehlt die Popularität, um im ostdeutschen Alltag eine Rolle zu spielen.

In der Trutzruine der Stellberg-Wüstung (über dem aufgelaufenen Grundwasser des alten Karlsstollens, wo wir als Kinder einst uns unter Kaulquappen mischten und blaualgengrün aus dem Wasser stiegen) entdeckt Wolfgang Silbermünzen in einem reichen Vorkommen: eingelassen in einem zersprungenen scheibengedrehten Becher aus hart gebranntem Faststeinzeug. Abgesehen von zwei zweiseitigen Pfennigen setzt sich der Schatz aus dreiundachtzig Brakteaten zusammen. Wolfgang weiht Schnapsdrossel Erika ein.

Die Erhebung von Dreiundfünfzig erlebt er als Aufstand befehlsgewohnter Studienräte. Nazis, die nicht schwer belastet sind, werden auf dem Bau eingesetzt. Es rekrutiert sich die Arbeiterklasse aus nationalsozialistischen Lehrern und gewesenen Offizieren. Die kriegen Schwerstarbeiterzulage, ihre Kinder sind als Arbeiterkinder privilegiert im Arbeiter- und Bauernstaat. Ein Treppenwitz der Weltgeschichte.

Erst kommt das Fressen …

Masséna Wolfgang geht ständig in Westberliner Kinos. Beinah unbewusst ahmt er die Halbstarken-Ästhetik nach. Seine Idole sind Marlon Brando und Steve McQueen. Jahrzehnte später verstimmt ihn die Einsicht, dass sich Karl Malden als unangenehm zwiespältiger Kinocharakter (in „On the Waterfront“ genauso wie in „Cincinnati Kid“) eine unerwünschte Dauerpräsenz auf seiner inneren Bühne verschafft hat. Der Serien-Cop Detective Lieutenant Mike Stone aka Karl Malden (in „Die Straßen von San Francisco“) durchkreuzt die ausgeschöpfte Tiefsee unauslöschlicher Bilder, die sich am Spektakulären vorbei eingeprägt haben.

Niemals so lappenhaft zu sein wie Malden in „Cincinnati Kid“ entspricht einem unausgesprochen, beinah nur gefühlten Lebensziel. Wolfgang heiratet nach Kleinsassa. Ehefrau Inge bemerkt zuerst Wolfgangs Ähnlichkeit mit Malden. Dem Schauspieler fehlt die Popularität, um im ostdeutschen Alltag eine Rolle zu spielen.

Eine Zeit der Chiffrierungen bricht an. Sie sorgt für Wolfgangs Ruf als schwieriger Autor. Wolfgang greift zu Mitteln von Künstlern, die unter Despoten produzieren. Er verschanzt sich hinter der Antike und geht mit Philoktet los.

Philoktet, Waffenträger und Erbe des göttlichen Herakles, wird nach einem Schlangenbiss zum Aussätzigen der griechischen Heerscharen.

„Ihn fraß am Fuß eine Wunde.“

Kapitän zur See Odysseus lässt den Argonauten auf Lemnos zurück, so zieht er sich den Hass des Helden zu. Schließlich wird Philoktet wieder gebraucht, Odysseus schickt Neoptolemos (Sohn des Achill) vor, um einen Verratenen mit Verrat an die trojanische Front zu locken. So erzählt es Sophokles in einem Drama mit sagenhaftem Charakter. In jeder Sage steckt der Glutkern einer Kultur, „Philoktetes“ handelt von dem, was eine Gemeinschaft verbindet und hoch hält, so dass sie nicht verwahrlost an Stränden niedriger Beweggründe. Die Ambivalenz der Geschichte bleibt interessant und insofern die Frage, ob Odysseus als Repräsentant der griechischen Staatsräson nicht doch sehr viel mehr ist als bloß infam.

Bei Wolfgang steht Philoktet am Ende als versprengter Traktorist da. Odysseus gibt den Funktionär, der Philoktet auf seine Funktion reduziert und ihn deshalb nicht einnimmt.

Wolfgang sucht Anschluss an die Erfahrung, in einem totalitären Regime nicht nach Maß zu funktionieren. Ein Moment der Wiederholung dreht eine Achse von einem lyrischen Reflex auf den Krieg in Indochina bis nach Vietnam im Zeichen von Napalm um die evolutionäre Konstante, dass der Aggressor dem Angegriffenen die Mittel zu seiner Verteidigung liefert. Wolfgang lässt sich von Inges Cousine Erika verführen, klassisch nach einer Theateraufführung im Dorfkrug.    

Einmal wollte Brecht echte Arbeiter auf die Bühne bringen. Er sagte der Gewerkschaft Bescheid. Die Gewerkschaft schickte Arbeiter, mit denen Brecht arbeitete. Um anderen Arbeitern die Arbeiterschauspieler nicht vorzuenthalten, kaufte die Gewerkschaft das Premierenkontingent auf und verteilte die Karten. Die Kollegen steckten die Karten ein und verzogen sich in ihre Kneipen. Die Arbeiter auf der Bühne spielten vor einem leeren Saal.

Wolfgang erzählt das Erika zur Beleidigung gemeinsamer Illusionen in einem Fremdenzimmer. Als Fremdgänger dichtet er Notizen über Frauen vor Kreuzungen und zerspringende Teegläser. Eine rasende Welt betrachtet er im Stillstand der Wucherungen.

Die Pest als Motor der Neuzeit taucht bei Wolfgang aus den Giftindustrien der Kloake als Kanalisationsproblem auf. Er denkt über Daniel Defoe nach. Dessen fiktiver Bericht über einen Londoner Pestausbruch stimmt Wolfgang lyrisch.

Die Renaissance trennt die Kulturräume, erkennt Wolfgang. Die Neuzeit beginnt mit der Pest, sagt Friedell. - Als Ouvertüre der globalen Veranstaltung Moderne. Der Hauptzweck der bürgerlichen Gesellschaft ist die Verdrängung des Todes, sagt Benjamin. Das 19. Jahrhundert habe „die Ewigkeit trockengewohnt, in Räumen, die rein vom Sterben geblieben sind“.

Erika beichtet ihre IM-Berichterstattung. Erst nach dem Geständnis entfaltet sich das Glück der Leidenschaft. Erfüllung findet Wolfgang als Führungsoffizier im Rollenspiel. In der Trutzruine der Stellberg-Wüstung (über dem aufgelaufenen Grundwasser des alten Karlsstollens, wo wir als Kinder einst uns unter Kaulquappen mischten und blaualgengrün aus dem Wasser stiegen) entdeckt er Silbermünzen in einem reichen Vorkommen: eingelassen in einem zersprungenen scheibengedrehten Becher aus hart gebranntem Faststeinzeug. Abgesehen von zwei zweiseitigen Pfennigen setzt sich der Schatz aus dreiundachtzig Brakteaten zusammen. Wolfgang weiht Schnapsdrossel Erika ein. Das heimliche Paar beschließt die zumindest vorläufige Verheimlichung des Fundes. Es nimmt Münzbäder im Rahmen seiner Möglichkeiten. Es fühlt sich erhaben über die Kackvögel von Kleinsassa. Besonders hässliche Stinker hustet es vereinzelt aus flachwurzelnd-moosrühmender Lieblichkeit. Alles ist ihm Paradigma und Phantasma, lange vor der Digitalisierung auf dem Holzweg.

Erika hält dicht. Sie verschweigt Wolfgangs Vorbild Claus Deppendorf* die Pfennige aus dem Mittelalter, erfasst vom Rausch der Exklusivität.

*Deppendorf ahnt Insubordination. Er legt sich auf die Lauer, nah einem umgelegten Seilbahnmast. Einst diente die Bahn dem Transport der Kohle aus dem Stellbergmundloch zum Bahnhof von Kleinsassa. Die meisten Bergleute waren Bauern. War Kartoffelernte, fehlten sie in der Kohle. Deren Nachkommen haben selbstverständlich keinen Begriff von Wolfgangs stupender Ähnlichkeit mit Karl Malden.

Bald mehr aus Kleinsassa und Umgebung.

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