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25.02.2020, Jamal Tuschick

„Die Unterordnung der Eroberung unter die Moral“. Darin erkennt Georges Bataille das Wesen des Islams. Er beschreibt die Religion „als völligen Bruch mit der Gesellschaft“, die sie ursprünglich konstituiert. Der Nationalsozialismus als Spielart des Antinomischen im Geist einer restaurativen Innovation gleicht dem Islam in Batailles Sicht. Er tritt mit der Attitüde auf, sein Vorher sei in doppelt-furiosen Abteilungen der Geschichte beschlossen, die wir Fiktion nennen und als wirkmächtiges Narrativ begreifen. Fasst man die Komponenten eskapistisch zusammen, ergeben sie den germanischen Futurismus. Rosa Liksom beschreibt skandinavische Regionen so wie man romanisierte germanische Territorien zu Beginn des ersten Jahrtausends, in denen die schwindende Kraft des Imperiums stärkende Reservate fand, beschrieben hat. Die Verankerung der deutschen Staatsidee im römischen Selbstverständnis wurde bis ins 19. Jahrhundert nicht aufgegeben. Von den Merowingern bis zu den Habsburgern sah man sich in einer Linie, die von Rom ausging und imperial war. Liksom schildert ein faschistisches, aber gewiss nicht imperiales Finnland, das Deutschland als Mutterimperium adoptiert, wenn auch in einer einseitigen Beziehung. Die deutschen Rassefetischisten zweifeln an der „nordischen Reinheit“ der Finnen und Lappen. Sie lassen sich die Begeisterung für den finnischen Nationalsozialismus lediglich gefallen, bis es eng wird und Hitler 1942 in Finnlands Nationalhelden Carl Mannerheim, einem französisch erzogenen Russen, des Finnischen kaum mächtig, einen Garanten gegen die Rote Armee zu erkennen lernt. Der kosmopolitische Marschall will sich aber nicht mehr mit dem Berliner Versager gemeinmachen. Mannerheim findet den sich anwanzenden Reichskanzler peinlich und ignoriert ihn nach Kräften. Liksom erzählt von dem verrutschten Gipfeltreffen aus der Perspektive einer Offiziersfrau, die sich im hohen Alter an weltgeschichtliche Berührungen erinnert.

Germanischer Futurismus

Der Nationalismus ist ihre Religion, ein Zwang ohne versüßende Garnitur; eine kalte Sache, an der Frauen teilhaben dürfen, sofern sie sich nicht zurückhalten in ihrer Unterwerfung. Zum Mannsein, das lernt die Erzählerin als „kleine (Pfadfinderinnen)-Lotta“ im Sommerlager, gehört Tyrannei. Liksoms Heldin stammt aus einer Dynastie reicher Bauernfinnen, finnlandschwedischer Aristokraten und samischer Rentiernomaden. Ihre Ahnen vereinten den Stolz hervorragender gesellschaftlicher Stellungen mit Langlebigkeit. Sie kombinierten den Gegensatz von Bodenständigkeit und Kosmopolitismus. Sie waren nach und nach so wie gleichzeitig alles Mögliche bis hin zu Kommunisten und Geheimräten. Doch dann fährt Juho nach Deutschland und kommt als Faschist zurück. Er indoktriniert seine Tochter. Dies geschieht, bevor Hitler an die Macht kommt. Der Nationalsozialismus hält als ungeprüfte Idee Einzug in die Sphäre der Erzählerin. Der Saunatod des Vaters macht die Heranwachsende zur Erbin.

Rosa Liksom, „Die Frau des Obersts“, Roman, aus dem Finnischen von Stefan Moster, Penguin Verlag, 217 Seiten, 217 Seiten, 20,-

Sie wird erwachsen im Hass gegen die Russen. Aus dem russischen Bären macht die Propaganda einen wahnsinnigen Hund. Die Erzählerin bekennt sich zu Niedertracht und Größenwahn, sofern die Deklaration faschistisch ist. Sie fiebert an der geografischen Peripherie dem „Lied der Geschosse“ entgegen. Als Bettgenossin eines Berufssoldaten erklärt man ihr die Lage an der Ostfront. Hitler hat gerade Polen überfallen, der Titelheld inspiziert die jüngsten Schlachtfelder in Begleitung seiner „Sekretärin“.

Die Erzählerin bewundert das nationalsozialistische Militärpathos, die Fortschreibung der Erzählung von einer Überlegenheit wie aus den Wolken. Sie fliegt „durch Rußregen und blutigen Nebel“.

Liksom lässt eine herzlich Unbeteiligte zu Wort kommen; eine fast von Geburt an Verdummte, die sich groß und erhaben fühlt im Sturm des Begehrens ihres achtundzwanzig Jahre älteren, mit einer von ihm aufwendig Ruinierten verheirateten Geliebten.  

„Abends (verwöhnt) mich der Oberst mit Eierlikör.“

Seine libidinösen Terrorakte kontert die Erzählerin mit Unterwürfigkeit. Sie registriert Biedermeier im Eichenwald und ignoriert die Vernichtung der Überrannten. „Zum Nachtisch (dann wieder) Kaffee, Moltebeeren und Rahm.“

Das ist gut gemacht als antifaschistisches Agitationsstück. Die Herrenmenschen steigen allmählich vom hohen Ross. Sie arrangieren sich, decken sich gegenseitig und lernen nichts dazu. Neben Hitler sieht der Oberst „wie ein junger Bursche aus, obwohl beide im selben Jahre geboren“ sind. Marschall Mannerheim glotzt „den Führer … an, als hätte er eine Handgranate verschluckt“.

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