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25.02.2020, Jamal Tuschick

#Buchrätsel - Wieder fragen wir vom Mainlabor: Wer hat das Buch geschrieben? Es trabt als Novelle an.

Die Lücke zwischen Welt und Sprache

Theresa zählt zu Inaras Freundeskreis. Inara, die sich als Britin in der Migration auch deshalb neu erfunden hat, um mit einer dem Deutschen überlegenen Prestigesprache die Bielefelder Leitkultur zu kontern, tritt Theresa mit dem Soziologen Paul Gilroy zu nah: „There ain‘t no Black in the Union Jack“.

„Denn was ist eine Novelle anderes als eine unerhörte Begebenheit.“

So auf den Punkt brachte Goethe die Novelle in einer von Eckermann 1827 festgehaltenen Bemerkung. Die Novelle ist eine Form der Neuzeit ohne antikes Vorbild. Sie verlangt das Ereignis von schicksalhafter Bedeutung als Neuigkeit. Attraktiv erscheint die Vorgabe deutschen Autor*innen nicht, ich habe nur eine Zahl, 2001 erschienen sieben Titel, die als Novellen ausgewiesen waren.

Eingebetteter Medieninhalt

Theresa* sucht sich ihre Liebhaber in der Produktionssphäre von Scheinereignissen. Sie müssen von kleinbürgerlichem Wuchs sein, um zu gefallen. Nehmen sie Fabian, genannt Fips. Alles verdankt er seinem Unvermögen. Anstatt würdevoll zu resignieren, salbadert er sich in die dritte Reihe der Bedeutungslosigkeit; in eine Unwirtlichkeit ohne Not. Es fehlt nur noch der Eigengeruchswahn und das Leiden am Haarausfall, um den Sack des hausgemachten Unglücks zuzumachen.

*Alle Romanfigurnamen wurden geändert. 

Die Autorin beschreibt eine Agonie. Babyfotos lösen Brechreiz bei ihrer Heldin aus, die von sich sagt: Wäre ich ein Auto, ich käme nicht über den TÜV. Theresas Abwehr verrennt sich im Desaster von „Plärren und Plappern“. Sie ist eine Ehemalige insofern, als dass sie mal etwas zu sagen hatte. Sie war Entscheiderin in der Kulturförderung. Sie saß an den Hebeln, die ihren Liebhaber am Boden halten, nach der Devise: Hier kommst du nicht rein.

Theresa spielte Groschengöttin. Das ist vorbei.

Fips, die alte Socke, kennt nur noch das Verlieben als Motor einer Veränderung. Der Nebendarsteller mit eigenem Einkommen überholt seine schnorrenden Vorgänger im Abrauschen von Teresas Frustrationstoleranz. Als Enttäuschungslieferant verliert er den Boden unter den Füßen und fällt durch bis ins Bordell. Teresas Konkurrentinnen im Großen und Ganzen des gesellschaftlichen Gegeneinanders heißen Sue und Noémi.

Wie sehr Fips sich verirrt, beweist seine Unterschrift auf einer Petition zur gesetzlichen Abschaffung von Prostitution. Obwohl ihm keine Aktivist*innen des Komitees für militanten Humanismus auf den Fersen sind, macht ihn sein bigottes Treiben angreifbar. Sue versteht schnell, dass Fips kein gewöhnlicher Spinner ist, der Zwangsarbeiterinnen Heiratsversprechen macht.

Fips Abstieg im Roman entbehrt der dramaturgischen Raffinesse; als habe die Autorin an ihm das Interesse von jetzt auf gleich verloren.

Bewohner des Darknets tauchen bei Theresa auf. Tofu klebt wie Butter zwischen den Untertellern im Tassenschrank. Die fäkale Grundierung beschissener Verhältnisse streife ich nur mit dieser Bemerkung.

Theresa zählt zu Inaras Freundeskreis. Inara, die sich als Britin in der Migration auch deshalb neu erfunden hat, um mit einer dem Deutschen überlegenen Prestigesprache die Bielefelder Leitkultur zu kontern, tritt Theresa mit dem Soziologen Paul Gilroy zu nah: „There ain‘t no Black in the Union Jack“.

Egal, ob das stimmt oder nicht, Inara lässt sich so oder so nicht entmutigen. Sie hat als Kind einen Kälteeinbruch in den Bergen (nach eigener Einschätzung) deshalb überlebt, weil ihre Mutter den Kältefreitod der eigenen Mutter nicht verhinderte. Zu den Einzelheiten bei Gelegenheit mehr. In einer feindlichen Umgebung besinnt sich der Mensch ohne Verzug auf archaische Gleichungen. Verbessert sich seine Lage, trauert er der Einfachheit, die der Überlebensmodus gebietet, noch eine Weile nach. Dann vergisst er seine ursprünglichste Sendung ganz einfach wieder und wird zum Trottel und Hausschwein. Er altert rapide. Seine Vergesslichkeit lässt ihn unerträglich erscheinen. Er stinkt so auf der Couch, dass man lieber in der Küche Kreuzworträtsel löst.

Zurzeit lese ich Deborah Lipstadts „Der neue Antisemitismus“ und Kübra Gümüşays „Sprache und Sein“.

Ich lese über die Seiten: „Und am Ende werden nicht nur Menschen, die Kippot tragen, von der europäischen Bildfläche verschwunden sein.“ - Während vermutlich sämtliche muslimischen Trachten im Umlauf bleiben werden. Kombiniert man das mit dem schlechten Ruf der arabischen Welt, ergibt sich ein überraschendes Bild.

Ich verliere den Gedanken, abgelenkt vom Anblick der Frauen an der Herdzeile. Alle haben jetzt die Küche in der Raummitte, so wie auch meine Großeltern um die Feuerstelle herumtanzen konnten.

Ich notiere zwei Sätze, die im Abstand von zehn Minuten fallen.

„Wir sollten anfangen, Kakerlaken schön zu finden.“

„Es ist doch erstaunlich, wie viele Döner- und Falafel-Wirte ihre Imbisse unter sozialem Beschuss in Betrieb halten.“

Lipstadt zitiert Hugh Trevor-Roper im Zusammenhang mit dem cause célèbre Salman Rushdie: „Rushdies Verstoß richtet sich gegen die guten Manieren. Das Gesetz kann sich um so etwas nicht kümmern. Da dem so ist, würde ich keine Träne vergießen, wenn ein paar britische Moslems, die seine Manieren beklagen, ihm in einer dunklen Straße auflauern und versuchen würden, sie zu verfeinern*.“

*In der Übersetzung steht verbessern, statt verfeinern. Verfeinern transportiert mehr von dem drakonischen Hintersinn des Torys Trevor-Roper, dem Rushdie ganz und gar nicht nach der Mütze war.

Gümüşay: „Es gibt Lücken. Zwischen der Sprache und der Welt. Nicht alles, was ist, kommt zur Sprache.“

Ich kann nichts von Belang entdecken, dass sich nicht zur Sprache/Welt bringen ließe.

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