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26.02.2020, Jamal Tuschick

Die eher zurückhaltende, manchmal jedoch auch sehr einnehmende Fleur nimmt die nach einem Beziehungs-Aus obdachlose Harmonie bei sich auf. Fleur ist ein sensibler Koloss und Harmonie eine zwanghafte Krawallmacherin. Marie-Sabine Roger erzählt in ihrem Roman „Wenn das Schicksal anklopft, mach auf“ von den Chancen des Unverhofften.

Pharmakologische Dämmstoffe

Das Leben hat sie überrollt und scheu gemacht. Doch manchmal erinnern ihre Aktionen an eine verlorene Kraft.

Früher neigte Fleur Suzain zu einer Grundsätzlichkeit, die stärker wog als ihr Charakter. Das hat sich gegeben. Doch noch immer glaubt sie (auf ihrer „Mata-Hari-Seite“) an geheimnisvolle Übergänge. Die entthronte „Königin des Kalbskopfs in Kapernsoße“ vermutet Seiteneinstiege zu pyramidalen Nebenwelten. Fleur leidet unter Agoraphobie. Sie spekuliert über die beruflichen Aussichten einer soziophobischen Agentin, die sie mit weniger Übergewicht und in einem besseren Früher vielleicht aus sich selbst hätte herausholen können.

Marie-Sabine Roger, „Wenn das Schicksal anklopft, mach auf“, Roman, aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer, Atlantik bei Hoffmann und Campe, 271 Seiten, 22,-

Fleur liebt die Eigenarten ihres Therapeuten und noch mehr das idiosynkratische Widerstandswesen einer unverfroren anspruchsvollen Kreatur namens Mylord. So heißt ein Mops. Seine nachlassende Gesundheit zwingt Fleur, mit Gewohnheiten zu brechen.  

Marie-Sabine Roger macht eine in der Vereinsamung ängstlich und umständlich gewordene Person mit ausschweifendem Möglichkeitssinn (Robert Musil) zur Antagonistin der Hauptdarstellerin einer Unfallserie.

Harmonie lebt mit Tourette prekär. Erst braucht sie einen Job, der sie nicht überfordert. Fleur bietet ihr Halt als Hundesitterin. Dann braucht sie eine Bleibe.

Fleur notiert: „Ich habe Harmonie aus reiner Feigheit aufgenommen.“

Das ist die Konstellation: ein Veitstanzboden des Unvorhersehbaren.

Für die eine ist alles Gebärde und Erinnerung, die andere bleibt flüchtig in jeder Lebenslage. Fleur notiert ihre Erlebnisse. Schreibend geht sie in sich: das sind Spaziergänge auf dem roten Teppich intakter Eigenliebe. Fleur harmonisiert sich mit pharmakologischen Dämmstoffen. Sie tendiert zu Überdosierungen und -reaktionen.

Harmonie ist hart im Nehmen. „Dem Nichtstun abgerungene Zeit“ will sie einen Wert geben, indem sie Mylord hütet, selbstverständlich mit vielen Vorbehalten und wenig Zärtlichkeit. 

Doch dann verschieben sich die Koordinaten im Erzählraum. Harmonie konfrontiert sich mit der exzentrischen Pathologie ihrer Herbergsmutter und gewinnt so unerwartete Einsichten.